„Inzwischn isch olz guat gwortn“

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Karl Pfitscher, Jahrgang 1952, Schlanders:  „I hoff lai, dass sich di Jungen haint nit aufhetzn lossn unt den errungenen Friedn in Südtirol nit zerstörn.“ Karl Pfitscher, Jahrgang 1952, Schlanders: „I hoff lai, dass sich di Jungen haint nit aufhetzn lossn unt den errungenen Friedn in Südtirol nit zerstörn.“

Der 29. Dezember ist für Karl und seine Familie ein besonderes Datum. Am 29.12.1945 kehrte der Vater aus der russischen Gefangenschaft heim. Am 29.12.1949 heirateten seine Eltern. Am 29.12.1962 wurde sein Vater aus dem Gefängnis Bozen entlassen und am 29.12.1976 heiratete er.

von Magdalena Dietl Sapelza

Karl erlebte eine bedrückende Kindheit. Nach dem Anschlag auf die Finanzkaserne in Schlanders im April 1961 wurde sein Vater, Schützenhauptmann und Wirt im „Gasthof Adler“, verhaftet und ins Bozner Gefängnis gebracht. Seine Mutter war mit den Kindern auf sich allein gestellt. Auch sie wurde beschattet und war Repressalien ausgesetzt. Erst im Dezember 1962 kehrte der Vater nach dem Freispruch wieder heim. Inzwischen war Südtirol nach der Feuernacht im Juni 1961 zu einer militarisierten Zone geworden. Die Schützenvereine waren verboten. Am 1. Februar 1963 kam es zur willkürlichen Beschlagnahme des elterlichen Gasthofes. Dort wurden „Carabinieri“ untergebracht. Der Familie blieb nur die untere Etage mit der Gaststube. Karl und sein Bruder durften oben hinter einer Trennwand schlafen, weil unten der Platz fehlte. „Miar sain oan Johr long mit Maschinengewehr unt Sondsäck konfrontiert gwesen“, erinnert er sich.
Karl wurde in St. Leonhard in Passeier geboren. Als Dreijähriger kam er nach Schlanders, nachdem seine Eltern den „Schwarzen Adler/Trögerwirt“ gekauft hatten. Dort wuchs er mit drei Geschwistern auf. Neben der Gastwirtschaft betrieb die Familie einen Schweinestall mit rund 100 Schweinen. Dieser musste später weichen, und es entstanden Gästezimmer. Karl besuchte den Blockunterricht in der Hotelfachschule im „Laurin“ in Bozen. Es war eine duale Ausbildung mit der Lehre daheim und Praktika in Gröden und Trient. Nebenbei lernte er das Ziehharmonika-spielen bei der Virtuosin Frieda Wilhelm. Karl war Mitbegründer der Volkstanzgruppe und schloss sich als Klarinettist der Bürgerkapelle Schlanders an. Das ebnete ihm während seines Militärdienstes den Weg in die Militärmusikkapelle in Brixen, die bei Alpini-Festlichkeiten und bei Empfängen in ganz Italien aufspielte. 1968 wurde die Schützenkompanie Schlanders neu aktiviert. In den 1970er Jahren baute Karl eine Jungschützengruppe auf. 1981 trat er als Hauptmann in die Fußstapfen seines Vaters, eine Aufgabe, die er dann 33 Jahre lang innehatte.
Seine Frau Monique Jacobs (Jg. 1956) aus Antwerpen in Belgien lernte Karl im elterlichen Gasthof kennen, wo sie mit ihrer Familie öfters zu Gast war. Vor Jahresende 1976 heiratete er sie in Doppelhochzeit mit seinem Bruder. Zusammen mit Monique führte Karl den Betrieb nach dem Tod des Vaters 1981 weiter. Sie schenkte ihm einen Sohn und eine Tochter, hielt ihm den Rücken frei und war ihm Stütze in allen Lebenslagen. Dazu zählten erneute Verfolgungen, nachdem die Gruppe „Ein Tirol“ in den 1980er Jahre Anschläge verübt hatte und ethnischen Spannungen erneut aufflammten. Wegen eines Telefonbuches, das unter der Verantwortung von Karl als Schützenhauptmann in Deutsch publiziert worden war, kam er ins Visier der Ordnungshüter. Eine Hausdurchsuchung folgte der nächsten. „Ma hot mi bespitzlt unt in Prozess gmocht“, erklärt er. Man konnte ihm jedoch kein Vergehen nachweisen. Die ethnischen Spannungen lösten sich mit der Zeit langsam auf. Karl hegte keine Rachegefühle. „Di Zeit hots holt so brocht. Inzwischn isch olz guat gwortn“, betont er.
Karl pflegte in den Jahren darauf stets gute Beziehungen zu den italienischen Behördenvertretern, mit denen er als Repräsentant und aktives Mitglied vieler Organisationen in der Gemeinde, im Bezirk und auf Landesebene laufend zu tun hatte. Er war Funktionär bei den Schützen, in der SVP, im SVP-Wirtschaftsausschuss, im Vinschger Wirtschaftsring, im HGV, in der Bau- und Lizenzkommission der Gemeinde, im Verband der Tourismusorganisationen, bei Vinschgau Marketing, im Tourismusverein Schlanders-Laas, dessen Präsident er seit der Fusion 2002 ist. Die Aufzählung der Daten seiner Amtszeiten - oft in Führungspositionen - würde den Rahmen sprengen. Es gibt wohl nur wenige Vinschger, die so rührig unterwegs waren und sind wie Karl. „Lai in Gemeindrot hon i nia innigwellt“, schmunzelt er. Sein Herzensverein ist der FC Bayern München. 1978 war er das 861. Mitglied von heute 390.000. Seit 1990 ist er Präsident der Vinschger Bayern Fanclubs. Dieses Amt will er nun abgeben, so wie nach und nach auch andere Verpflichtungen. Den Gasthof hat er bereits an seinen Sohn übergeben.
Karl will sich etwas mehr Zeit für sich gönnen. Er hat vor, mit seinem Enkel wieder seine Ziehharmonikakenntnisse von einst zu aktivieren. Dankbar ist er seiner Frau. „Di Monique isch olm hinter miar gstondn, suscht hat i des olz nit tian kennt“, bekräftigt er.

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