Dienstag, 15 November 2011 00:00

Dämmerung am Beinhaus

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Burgeis/Vinschgau

s32_605Die Blüte gelebten Faschismus’ verwelkt langsam, geblieben ist ihr vertrockneter Unterbau aus Stein und Beton, Zeitzeugen der faschistischen Ära Italiens. Seit jeher bis heute führen sie zu Missmut und Konflikten zwischen den verschiedenen kulturellen und politischen Vereinigungen.
1931 setzte das faschistische Regime ein „Kommissariat für die Ehrung der Kriegsgefallenen“ ein. Mehrere Soldatenfriedhöfe, welche an den Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkrieges errichtet worden waren, sollten aufgelassen werden und stattdessen mehrere Ossarien errichtet werden. Südtirol war während des Ersten Weltkrieges kaum Schauplatz direkter Kampfhandlungen. Trotzdem wurden in der Nähe der wichtigsten Grenzübergänge drei Beinhäuser errichtet. 1937 im Norden bei Gossensaß, 1939 im Osten bei Innichen und 1939 auf der Malser Haide bei Burgeis.
Die hierher umgebetteten Gebeine kamen z.T. aus weit entfernten Soldatenfriedhöfen. Die Beinhäuser sollten als Denkmal für Gefallene italienischer Soldaten errichtet werden, jedoch finden sich auch sterbliche Überreste von Soldaten der österreichisch-ungarischen Streitkräfte und von Militärangehörigen, welche erst nach dem Ersten Weltkrieg in Friedenszeiten verstorben sind. So wurden im April des Jahres 1938 mehr als 200 Soldaten aus dem Soldatenfriedhof St. Jakob in Bozen exhumiert und nach Burgeis gebracht, darunter auch 54 österreichische Soldaten.

Durch die Verdrehung historischer Tatsachen machte das faschistische Regime die hierher gebrachten Soldaten zu Vorläufern und Märtyrern der faschistischen Ideale. Gleichzeitig erweckte man den Eindruck, dass die Soldaten im Kampf bei der Eroberung Südtirols gefallen seien, was allerdings in keinster Weise der Wahrheit entspricht.  Als monumentale Wachposten sollten die Beinhäuser die „heilige Grenze“ des Staates beschützen.
Trotz der großen Erfolge der SVP bei den Paketverhandlungen konnten in den 70iger Jahren nur wenige Bestimmungen des Südtirolpaketes umgesetzt werden. Die Enttäuschung  und Unzufriedenheit im Land wurde immer größer und so kam es am 10. Oktober 1982 zu einem Anschlag auf das Beinhaus Burgeis, zu welchem sich die „Front  zur Befreiung Südtirols“ und der „Tiroler Schützenbund“ bekannte.  Das Beinhaus wurde danach wieder vollkommen restauriert.

Im Jahr 2009 entschließt sich die Südtiroler Landesregierung, erklärende Tafeln an den Beinhäusern aufzustellen.  Der Text stößt bereits im Vorfeld auf heftige Reaktionen bei den Südtiroler Oppositionsparteien und den verschiedenen patriotischen Vereinigungen und wird lediglich als Übergangslösung angesehen. Der von Historikern verfasste Text wird im März 2009 dem Regierungskommissar sowie dem Verteidigungsministerium vorgelegt. Bis zum 02. Mai 2011, an welchem mit der Anbringung der Tafeln begonnen werden soll, gab es keine Antwort und keinen Protest. Am selben Tag folgt das schriftliche ausdrückliche Verbot des Verteidigungsministeriums, in welchem darauf hingewiesen wird, dass es untersagt sei, Denkmäler zu interpretieren. Landeshauptmann Luis Durnwalder bleibt bei dem von der Landesregierung gefassten Beschluss und die Anbringung der Tafeln erfolgt.

Verschiedene kulturelle und politische Vereinigungen machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass es sich hierbei um eine Geschichtslüge handelt und wehren sich vor allem gegen die Kranzniederlegungen von politischen Funktionären und Vereinigungen. Gleichzeitig fordert man eine vollständige Beseitigung bzw. Umwidmung und die Überführung der in den Ossarien ruhenden Toten in Soldatenfriedhöfe.
Auch das Südtiroler Schwarze Kreuz (Kriegsgräberfürsorge) äußert in einer Stellungnahme seine Bedenken in Bezug auf die Beinhäuser. Aufgrund der Entstehungsgeschichte dieser Südtiroler Ossarien werden
diese Orte von der Bevölkerung nicht als „Friedhöfe“ angesehen und besucht. Kriegsgefallene und der Ort, an denen sie begraben sind, sollten heute Mahnung für Frieden sein. Aufgrund der Tatsache, dass diese Orte zudem  von verschiedensten Parteien und Gruppierungen für politische Meinungsäußerungen missbraucht werden, stehen sie somit als Gedenkstätte für Frieden und Völkerverständigung nicht zur Verfügung.

Wie in den meisten Fällen eines Unrechtes sind die Leidtragenden diejenigen, die am wenigsten dafür können; in diesem Fall die gefallenen und verstorbenen Soldaten. Um ein langfristiges friedliches Zusammenleben im Sinne des europäischen Denkens zu ermöglichen, ist es sicherlich unerlässlich, die Geschichte in ihrer noch so kleinen Unrechtmäßigkeit aufzuklären.
Im Zusammenhang mit dieser volkstumspolitischen Thematik veranstalten die Vinschger Schützen in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Schützenbund eine Podiumsdiskussion am 01. Dezember 2011 mit Beginn um 20.15 Uhr im Kulturhaus von Mals. An der Diskussion teilnehmen werden Kabg. Karl Zeller, Labg. Sepp Noggler, Labg. Sven Knoll, Labg. Hans Heiss, Labg. Donato Seppi, GR. Peppi Stecher und Mjr. Peter Kaserer. (chr)


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