Dienstag, 26 Mai 2015 00:00

Alles ist beseelt und der Geisterglaube sehr stark

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s17 Pater Albert PiokEs gibt noch drei Kapuzinerpatres im Vinschgau: den 88-jährige Odo Denicolò, Maximilian (Siegfried) Frank (76 Jahre) und den Guardian des Klosters, Pater Albert Piok, der 75 Jahre alt ist. Pater Albert ist ein bescheidener, zurückhaltender Mann. Seit sieben Jahren lebt er in Schlanders. Mit 17 Jahren trat er dem Kapuzinerorden bei und trotzdem verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens nicht hinter Klostermauern und abgeschieden von der Welt, sondern weit weg von Südtirol, in Indonesien, tätig in einer Pfarrei, die so groß ist wie der ganze Vinschgau.

von Heinrich Zoderer

Geboren in St. Leonhard, einem kleinen Weiler oberhalb von Brixen, lebte er mit seinen 10 Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof.

Weil sein Vater eine Bürgschaft übernommen hatte, verlor er den Hof. Es war die Zeit der Option. Sein Vater entschied er sich fürs Auswandern. Damit war eine doppelte Hoffnung verbunden. Weg vom Faschismus und die Übernahme eines Hofes im Deutschen Reich. Albert war drei Jahre alt, als seine Eltern mit den damals sieben Kindern im September 1943 Südtirol verließen. Sie bekamen einen Hof mit einem Stall voll Vieh und zwei Pferden, Wiesen auf einer ebenen Fläche. Der Hof war an der polnischen Grenze, in Tschechien und in der Nacht kam der vertriebene Besitzer des Hofes. 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, mussten sie alles verlassen und fliehen. Die Rückfahrt dauerte mehrere Monate und die Zukunft war ungewiss.  Sie kamen nach Brixen, aber der alte Hof hatte einen neuen Besitzer. Im Mesnerhaus, im Kellerhäusl, fanden sie Unterschlupf, aber es war nicht Platz für alle. Einige Kinder kamen zu Verwandten. Die Mutter verrichtete den Mesnerdienst und der Vater arbeitete als Knecht bei einem Bauern. Albert kam zu einem Cousin in St. Leonhard und hütete die Kühe. Mit 12 Jahren kam er ins Internat nach Salern und besuchte dort die Mittelschule und später das Gymnasium. Er hätte auch nach Rom gehen können. Da lebte ein anderer Cousin in einem Benediktinerkloster. Nach dem Gymnasium entschied sich Albert in den Kapuzinerorden einzutreten. Nach einem Jahr Noviziat in Klausen, besuchte er das Lyzeum in Bruneck und in Sterzing. Dort lernte er auch den späteren Bischof Wilhelm Egger und seinem Zwillingsbruder Kurt kennen. Nach dem Theologiestudium in Brixen und der Primiz 1967, lebte er als Kapuzinerpater in Bruneck. Im Jahre 1971, Pater Albert war damals 31 Jahre alt, entschied er sich als Missionar nach Indonesien zu gehen. Fast 30 Jahre, bis zu seinem 60. Lebensjahr lebte er in Indonesien. Pater Albert und ein weiterer Kapuzinerpater betreuten 30 Dörfer mit insgesamt rund 7.000 Einwohnern, verteilt auf 80 km. In Indonesien war alles anders. Es liegt in der Nähe des Äquators, das ganze Jahr ist es feucht und heiß. Indoniesien ist heute mit 240 Millionen Einwohnern einer der bevölkerungsreichsten Staaten der Erde. Es besteht aus über 17.000 Inseln und es leben dort über 360 Völker mit unterschiedlichen Sprachen und Religionen, viele in bitterer Armut. 88% der Bevölkerung bekennt sich heute zum Islam. Damit ist Indonesien der Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Pater Albert arbeitete auf Sumatra, der größten Insel. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört zum Volk der Batak, welche heute rund 3% der indonesischen Bevölkerung ausmacht. Neben Muslimen waren viele auch Mitglieder der evangelischen Kirche. Viele waren Animisten, d.h. Anhänger einer Naturreligion. Pater Albert lernte in einem halben Jahr die indonesische Sprache. Das war nicht so schwierig, schwierig waren die verschiedenen Dialekte, welche auch eigene Schriften haben. Das Zusammenleben bereitete auch keine großen Probleme. Es gab nur wenige Fanatiker, Pater Albert wurde oft auch in muslimische Häuser eingeladen. Die Menschen leben vor allem von der Landwirtschaft, das Hauptnahrungsmittel ist Reis. Sie lebten in einfachen Hütten, anfangs gab es keinen elektrischen Strom, keine Fahrzeuge. Pater Albert machte viele Wege zu Fuß, später bekam er ein Fahrrad, dann ein Motorrad und zuletzt ein Auto. Das Leben der Menschen war eingebunden in einen Jahresrhythmus mit vielen Ritualen. Auch die Missionare mussten sich anpassen. Heidnische Tänze wurden in christliche Zeremonien eingebaut. Die Menschen sehen sich als Teil der Natur. Alles ist beseelt. Jeder Stein, jeder Berg, die Pflanzen, die Tiere und die Menschen sind Geschöpfe des Kosmos, sie haben nicht nur eine materielle Natur, sondern auch eine geistige. Der Glaube an Geister ist allgegenwärtig. Wenn Menschen sterben, sind sie nicht einfach tot, sondern leben als Geister weiter. Die Ahnengeister werden oft zurückgerufen, sie beeinflussen sehr stark das Leben. Bei einem Kind, das krank ist, muss der Geist besänftigt werden. Eine Mutter darf nie alleine zum Grab ihres Kindes gehen. Die Angst, dass dann der Geist des Todes zurückkommt und ein weiteres Opfer holt, ist zu groß. Wer ein Haus betritt, muss die Schuhe ausziehen und alle Waffen oder gefährliche Gegenstände ablegen. Nur wenn ein Mann zu Hause ist, darf man das Haus betreten. Pater Albert meinte zu Beginn unseres Gespräches, dass es über sein Leben nicht viel zu erzählen gibt. Ich bin anderer Meinung.

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