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Die Adlernester

  • Vorspann: Bettenstopp? Erworbene Rechte? Spätestens mit dem lauten Andenken von Tourismuslandesrat Luis Walcher, die Frist für die Verbauung von Tourismuszonen um weitere 5 Jahre verlängern zu wollen, stehen Landesrat und Tourismus landesweit in der Kritik. Wie schaut es im Vinschgau aus?
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  • Redakteur: Erwin Bernhart
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  • Weitere Fotos - 1: der Schnalser BM Peter Grüner
  • Weitere Fotos - 2: der Latscher BM Mauro Dalla Barba
  • Weitere Fotos - 3: der Marteller BM Georg Altstätter
  • Weitere Fotos - 4:  der Grauner BM Franz Prieth

Der Bettenstopp, nach langwierigen Verhandlungen vom damaligen Tourismuslandesrat Arnold Schuler vor vier Jahren durchgezogen, hat dem Tourismus gegenüber kritische Gemüter etwas beruhigt. Vor allem in touristischen Ballungszentren wie in Gröden, in der Meraner Gegend, im Pustertal auch, hat der Begriff Overtourism Einzug gehalten - ein Zuviel an Tourismus, ein Zuviel an Nächtigungen, was zur Folge hat, dass der Verkehrsanstieg als bedrohlich, dass die Preissteigerungen bei Wohnungen als existenzbedrohlich empfunden und beklagt werden, dass die Wanderwege, die Hütten am Berg regelrecht mit Touristen überflutet sind. Die Schattenseiten des Tourismus-Booms, die Bedrohung der Idylle werden in teuflischen Farben an die Wand gemalt. Die Landesregierung hat mit dem Bettenstopp diese Bedrohung zu zähmen versucht.
Sogar ein versteckter Drache wurde aufgescheucht - und mit einem Verfallsdatum belegt. Wenn ausgewiesene Tourismuszonen mit möglichen Betten nicht bis September 2026 verbaut sind oder bis dahin zumindest eine Baukonzession beantragt wird, dann sollen, so der Beschluss, diese „erworbenen Rechte“ verfallen. In diesem versteckten Drachen sind südtirolweit scheinbar rund 12.000 Betten versteckt. Wie sich diese Betten im Land verteilen, ist nicht bekannt. Dass diese alle verbaut werden, ist sehr unwahrscheinlich. Aber wenn man diesen Drachen mit Leben füllen möchte und den 12.000 Betten 200 Auslastungstage unterstellt, so kämen zu den heute rund 38 Millionen Nächtigungen 2,4 Millionen hinzu. In der Theorie. Einzig die ff hat letzte Woche, grafisch zumindest, die Debatte um den „Bettenstopp“ wohl richtig dargestellt: Es geht ausschließlich um den Osten des Landes - vom Ritten bis Prettau. Wenn demnach von Overtourism in „Südtirol“ die Rede ist - dann ist „Südtirol“ die östliche Hälfte des Landes (vielleicht noch Meran und Umgebung).

2,4 Millionen Nächtigungen kämen hinzu


Weil aber das Bauen und das Wachstum im Tourismus marktorientiert, organisch und von der Geldverfügbarkeit abhängig sind und das Bauen nicht per Dekret angefordert werden kann, haben sich die Hoteliers oder die Bauherren nicht unmittelbar auf diese Tourismuszonen gestürzt, so dass vielerorts die Zonen noch unbebaut sind oder ein Ansuchen um eine Baukonzession einfach nicht da ist.
Der Wechsel in der Landesregierung - das Ressort Tourismus (und auch die Landwirtschaft) ist von Schuler auf Luis Walcher gewechselt - bewirkt ein aufkommendes Umdenken in Bezug auf diese Annullierung der „erworbenen Rechte“. Wohl auf Druck der Touristiker, auch auf Druck von Gemeindeverwalter, von Bürgermeister eben. Walcher testet die Öffentlichkeit mit Vereinen und Presse, seine SVP-Parteikollegen und die Landtagsabgeordneten mit der Aussage, die Frist für den Verfall der „erworbenen Rechte“ sei um fünf Jahre zu verlängern. Die Diskussion ist eröffnet. Widerstand brandet auf, vom Verein für Heimatpflege, vom Bund für Natur und Umwelt, von den Grünen über das Team K bis zur Süd-Tiroler Freiheit. Auch der ehemalige Landesrat Schuler hat sich in diversen Medien zu Wort gemeldet und Walchers Vorgehen kritisiert. Er sei gegen dieses Ansinnen. Schuler ließ aber in seinen Aussagen durch einen Spalt blicken, wenn er sagt, dass er mit seinem Widerstand eher in der Minderheit in der Partei sei. Das lässt die Interpretation zu, dass LH Arno Kompatscher den Walcher Luis in der Frage der „erworbenen Rechte“ eher gewähren lässt und sich die Stimmung mal anschauen wird. Allerdings hat Schuler kürzlich nachgelegt und im RAI Südtirol gesagt, dass man politisch wohl den Kompass verloren habe.
Wohlwollen für eine Fristverlängerung kommt hingegen von vielen Gemeinden, von vielen Touristikern, aus den Reihen der Wirtschaft.

Wie sieht es im Vinschgau aus?

„Wir sind von einem Massentourismus meilenweit entfernt“, sagt der Schnalser BM Peter Grüner. Es sei schon komisch und brutal, dass „erworbene Rechte“ seit 2022 mit einem Verfallsdatum von 4 Jahren beschränkt würden. In Schnals wäre wohl der von Athesia geplante Hotelkomplex in Kurzras betroffen. „Seit Leo Gurschler“, sagt BM Grüner, „weisen sämtliche bisher erstellten Studien darauf hin, dass es in Schnals mehr Betten braucht, damit unter anderem die Schnalstaler Gletscherbahnen wirtschaftlich arbeiten und damit entsprechende Investitionen tätigen können.“ Als Beispiel nennt Grüner das Hotel Cristall in Kurzras, welches damals nur zur Hälfte des Geplanten gebaut worden sei. Er teile die Meinung von Landesarat Luis Walcher, dass die Frist für die „erworbenen Rechte“ verlängert werden solle. Denn man solle sich bei den Planungen für die Tourismuszonen Zeit lassen und so ordentliche Konzepte umsetzen können. In Schnals gebe es jedenfalls keine Spekulationen rund um die Tourismuszonen. Von einem Bettenstopp halte er grundsätzlich gar nichts.
In Latsch ist derzeit der Jagdhof-Hotelier Martin Pirhofer beim Bauen eines neuen Hotels im Grünen. Längst genehmigt und von den Schuler’schen Stopp-Fristen nicht betroffen. Allerdings, so sagt es der Latscher BM Mauro Dalla Barba, könnte das Hotel Adler in Morter davon betroffen sein. Bekanntlich hat der nunmehr ehemalige HGV-Präsident Manfred Pinzger das leer stehende Hotel Adler gekauft und damit auch die zugehörigen Betten. Das Hotel Adler ist nicht in einer Tourismuszone, sondern in einer B-Zone, also in einer Wohnbauzone. Damit jedenfalls ein kurioses Adlernest. Denn Pinzger hätte für einen Um- oder Neubau von einem Hotelbau bis hin zu einem Kondominium mit Wohnungen alle Möglichkeiten offen. Pinzger sagt dem Vinschgerwind, dass ihn die Diskussion um diese Tourismusbetten gerade das Hotel Adler betreffend gar nicht beunruhigten.
Was soll das alles, fragt sich der Marteller BM Georg Altstätter. Der Gemeinderat von Martell hat vor einem Jahr in seinem Gemeindeentwicklungskonzept klar und einstimmig festgehalten, dass die Gemeinde Martell rasch noch um die 300 Betten vertragen kann. Tatsächlich hat Martell in den derzeit bestehenden Tourismuszonen zwischen Hintermartell, Stallwies und Biathlonzentrum das Potenzial von rund 250 bis 300 Betten. Je nachdem, was in den einzelnen Zonen umgesetzt wird, sagt Altstätter. Abgesehen davon, kenne man sich ohnehin kaum mehr aus. Denn im ehemaligen und verfallendem Hotel Paradies sind noch Betten vorhanden, „erworbene Rechte“ eben. Der sogenannte Bettenstopp bzw. vor allem das Ablaufdatum von „erworbenen Rechten“ stifte zwischen der Urbanistik und dem Tourismus ein Chaos, so dass niemand mehr durchblicke.
Und was passiert, wenn man ausgerechnet im Nationalpark die Tourismuszonen abwürgt? „Dann ist die touristische Entwicklung in Martell auf Jahrzehnte hin passé“, sagt Altstätter. Von wegen Overtourism. Es gebe weder in Martell noch im Vinschgau einen Overtourismus. Was der Köllensperger Paul da von sich gegeben habe (im facebook), sei ein Schmarrn, sagt Altstätter. Wenn man nämlich Tourismushochburgen wie Schenna und Dorf Tirol hernehme, die gemeinsam in etwa so viele Nächtigungen generieren wie der Vinschgau (rund 2 Millionen), dann ergeben sich 330 Nächtigungen pro Einwohner für Schenna und 50 Nächtigungen pro Einwohner für alle 13 Gemeinden im Vinschgau. „Das ist schon ein großer Unterschied und sagt alles über Overtourism aus“, sagt Altstätter.

Was ist mit den Restbeständen?

In der touristisch aufstrebenden Gemeinde Graun sind in den letzten Jahren gar einige Betten hinzugekommen. Mit dem neuen Gerstl ist ein neues Hotel entstanden, in diversen Um- und Anbauten an bestehenden Hotels wurden Betten untergebracht. Graun boomt. Der dortige BM Franz Prieth sagt, dass der Bettenstopp in der Gemeinde Graun bislang nicht so gespürt wird. Von den „erworbenen Rechten“ und deren Verfall wäre möglicherweise die vor Jahren ausgewiesene Tourismuszone in Kappl betroffen.
Aber, was wird mit den Restbeständen von Kubaturen rund um bestehende Hotels geschehen? Fallen die auch unter den Hammer? Prieth sagt, dass in der Gemeinde Graun noch rund 27.000 Kubikmeter in diversen Tourismuszonen und an Hotels zur Verfügung stünden. Als Vergleich: Das neue Gerstl hat eine überirdische Kubatur von rund 13.000 Kubikmeter. „Diese Kubatur streichen, geht auf keinen Fall“, sagt Prieth. Die Kubatur sei laut Index bereits zugewiesen. Würde man diese vorhandene Kubatur direkt in Betten umrechnen, käme man wohl - je nach Berechnung - auf 600 bis 700 Betten. Man benötige bestenfalls einen transparenten Schlüssel für mögliche Betten in diesem Bereich.
Eine Verlängerung der Frist für die „erworbenen Rechte“ ist auf jeden Fall wichtig, sagt Prieth. Auch um Klarheit in das vorhandene Chaos zwischen Urbanistik und Tourismus zu bringen. Und wenn es heißen sollte, dass die Gemeinden Betten zuweisen könnten, wär’ das ok.

Tourismus-Pappenheimer

Um Walcher nicht ins offene Messer des Overtourism-Vorwurfes laufen zu lassen, sind Diskussionen dahingehend unterwegs, dass die Gemeinden über ihre eigenen Tourismuszonen bestimmen sollen. Die heiße Kartoffel soll, wenn es denn gelingen sollte, in die Gemeinderäte hineinverlagert werden. Die BM, die Ausschussmitglieder und die Gemeinderäte vor Ort kennen ihre Tourismus-Pappenheimer bestens und können so am ehesten abschätzen, ob ein Terminaufschub für eine Tourismuszone Sinn macht - oder ob man die Tourismuszone selbst versenken will.

Die vierte Dimension oder das letzte Puzzle

  • Vorspann: Als das Vinschgauer Energiekonsortium (VEK) nach langer Visions-Durststrecke vor 10 Jahren operativ geworden ist und das Stromnetz von den Gemeinden im Konzessionswege zu verwalten und zu modernisieren begonnen hat, konnte sich noch niemand so recht vorstellen, wohin dieser Neustart führen wird. Nun ist das VEK bereit für eine neue Dimension.
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  • Redakteur: Erwin Bernhart
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Aus den ursprünglich 27 Gründungsmitgliedern sind mittlerweile 6.000 Genossenschaftsmitglieder geworden. Aus einem ursprünglich visionären und fast brotlosen Schattenkabinett sind mit Stand heute 30 qualifizierte Mitarbeiter geworden. Aus Null sind heute 12.000 Stromkunden und 4.000 Internetkunden geworden. Aus Null hat das Vinschgauer Energiekonsortium in den letzten 10 Jahren rund 10 Millionen Euro in die Stromnetze der Gemeinden Laas, Schluderns, Glurns, Taufers, Mals und Graun investiert.
Beeindruckend ist diese Entwicklung. Eine Erfolgsstory, die man sich vor 10 Jahren nicht erträumt hat. Zumal damals die Warnungen vor einem Fingerverbrennen vorgeherrscht haben. Zum Erfolg beigetragen haben die 6 Gemeinden im oberen Vinschgau. Denn die Gemeinden haben von der Edyna, der ehemaligen SELnet, 2015 die Stromnetze auf ihrem jeweiligen Gemeindegebiet gekauft. Mit erheblichem finanziellen Aufwand. Diese Stromnetze wurden dann dem VEK in einem Konzessionsvertrag zur Pflege und Bewirtschaftung überlassen. Damit konnte das Vinschgauer Energiekonsortium 2016 operativ starten. Die Gemeinden Schlanders und Latsch waren nicht dabei. Das VEK hat rasch mit der Strommarke VION die Stromlieferungen an Genossenschaftsmitglieder und an Kunden übernommen, hat das ehemalige ENEL-Netz Schritt für Schritt angepasst und dafür pro Jahr rund eine Million Euro investiert. Die Stromsicherheit hat sich verbessert, der Stromdienst ist lokal geworden, die Abwicklungen neuer Stromanschlüsse, die Zurverfügungstellung von Baustrom, von Strom für Feste und Veranstaltungen, die Anschlüsse von Photovoltaikanlagen gehen rasch und reibungslos über die Bühne. Jedenfalls reibungsloser als vor der VION-Zeit.
Das VEK hat sich diversifiziert, hat neben den Stromlieferungen, neben den ARERA-Meldungen usw. sich auch mit zunehmendem Erfolg als Internetprovider betätigt, hat die technische Betreuung von Kraftwerken übernommen, hat selbst in Kraftwerke investiert und ist zum Beispiel Miteigentümer am Kraftwerk Konfall in Schluderns.
Neben Know-How hat sich das VEK auch eine bestimmte ökonomische Potenz angeeignet. Man ist bereit für eine neue Dimension - oder anders gesagt, man ist bereit für den nächsten Schritt für die Verwirklichung der ursprünglichen Vision: Das VEK hat den Gemeinden Laas, Schluderns, Glurns, Taufers, Mals und Graun ein Kaufangebot für die Stromnetze gemacht.
Der VEK-Präsident Andreas Tappeiner drückt es so aus: „Wir sind in eine Zwittersituation geraten. Diese möchten wir bereinigen. Wir haben in die Stromnetze investiert und die neuen Invesitions-Abschnitte sind im Eigentum des VEK. Die Ursprungsnetze sind im Eigentum der Gemeinden. Durch einen Netzankauf können wir diese Situation bereinigen.“ „Die Frage ist“, so sagt es VEK-Geschäftsführer Alexander Telser, „ob die Bürger:innen und die Gemeindeverwalter mit den Diensten des VEK zufrieden sind. Daraus folgt dann, ob die Stromnetze verkauft werden sollen.“
s7 tbDie Pflege des Stromnetzes sei eine Dienstleistung, aber längst nicht mehr das Kerngeschäft des VEK. Allerdings sei es eine Frage der Identifikation, sagt Tappeiner. Denn als Eigentümer tue man sich erheblich leichter, entsprechend notwendige Investitionen zu tätigen.
„Der Verwaltungsrat des VEK hat sich zum Ziel gesetzt, die Stromnetze der 6 Gemeinden zu übernehmen“, sagt Andreas Tappeiner. Tappeiner ragt als ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Laas und als ehemaliger Präsident der Bezirksgemeinschaft Vinschgau aus jener legendären Vinschger Stromstreit-Zeit herüber. „Wir verspüren, dass in den Gemeinden das Thema Energie, das Thema Strom nicht mehr so gespürt wird wie damals“, sagt Tappeiner. Dass bei den neuen Gemeinderät:innen in Sachen Strom Aufklärungsbedarf herrsche, sagt auch Alexander Telser. Denn über einen möglichen Verkauf müssten sich die Gemeinderät:innen selbst ein Urteil bilden. Sollte das Stromnetz an das VEK übergehen, würde sich weder für die Gemeindeverwalter noch für die Bürger etwas ändern. Noch weiß man nicht ganz genau, wieviel die gesamte Operation kosten könnte. Dem damaligen Ankaufswert des jeweiligen Stromnetzes stünden die von ARERA tabellarisch genau festgehaltenen Abschreibungen gegenüber. Allerdings, darin sind sich Telser und Tappeiner einig, wäre der Ankauf bewältigbar, mit langfristigen Krediten und eventuell mit einem Teil Eigenkapital bezahl- und durch die laufenden Einnahmen stemmbar.
Das Ansinnen ist bei der Ratssitzung in Graun am 9. Februar an die Öffentlichkeit gelangt. Dort hat der Gemeinderat einstimmig beschlossen, den Verkauf des Stromnetzes an den Gemeindeausschuss zu delegieren. Der Ausschuss solle alle Schritte und die Operation in die Wege leiten. Vorausgegangen ist eine informelle Sitzung mit VEK-Vertretern, Vertretern von der Energiegenossenschaft Oberland (EGO) und den Gemeinderäten. Es kann sein, dass das Prozedere bzw. der ganze Weg des Verkaufs - von der genauen Netzwertkalkulation, bis hin zur Feststellung der Investitionssummen der letzten 10 Jahre, bis hin zu einer Ausschreibung samt Veröffentlichung und letztlich der Kaufoperation am Beispiel der Gemeinde Graun durchexerziert wird und so als Blaupause für andere Gemeinden dienen kann.
Zeit ist genug einkalkuliert. Denn der Konzessionsvertrag der Gemeinden mit dem VEK läuft 2030 aus und müsste dann mittels einer öffentlichen Ausschreibung verlängert werden. Allerdings nur dann, wenn die Stromnetze noch im Eigentum der Gemeinden sind. Mit einem frühzeitigen Verkauf an das VEK würde dieses Risiko der Ausschreibung entfallen und der VEK hätte das letzte Visions-Puzzle einfahren können.

Hoffnung

  • Vorspann: Latsch/Tarsch - In Latsch keimt Hoffnung auf. Hoffnung darüber, dass die Liftanlagen auf der Tarscher Alm erneuert, der seit langem schlafende Skibetrieb wieder aufgenommen werde und letzlich der Tourismusverein die höchst defizitäre Liftlanlage losbekommt.
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  • Redakteur: Erwin Bernhart
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Eine Diskussion im Tourimsmusverein Latsch geht so: Der Zubringerlift, der an der Talstation oberhalb von Tarsch startet und auf der Tarscher Alm endet, wird 2028 abgeschaltet. Die Lichter gehen aus. Ende. Dieses Szenario ist nicht nur so dahergeredet.
Denn seit der Tourismusverein die Liftanlagen vor Jahren übernommen hat und das Geschäftgebahren über die eigens gegründete TV Lift GmbH abwickelt, reißt der Liftbetrieb regelmäßig ein Loch in die Kassa. Um die 180.000 Euro werden es jährlich sein. Die werden dann mit dem Geld aus dem Tourismustopf bezahlt. Hinzu kommen die regelmäßigen Revisionen, die die alte Liftanlage über sich ergehen lassen muss. 2025 war es die 5-jährige Revision. Das Geld muss aufgewendet werden, damit der Lift im Sommer läuft, damit das Zusatzangebot - Wandermöglichkeiten, Almwirtschaft - auf der Nörderseite für Gäste und Einheimische bereitgestellt werden kann. Letztlich ein teuer erkauftes Zusatzangebot.
2030 kommt auf den Zubringerlift „Latsch I“ eine 10-jährige Revision zu. „Die derpacken wir nicht mehr“, sagt es der Präsident des Tourismusvereines und gleichzeitig der Präsident der „TV Lift GmbH“ Roman Schwienbacher ganz offen und einen neuen Lift könne man sich nicht leisten. Deshalb sei tatsächlich die Diskussion im Tourismusverein dahingehend, dass man die Lichter bereits 2028 und nicht erst 2030 ausschalten möchte. Je früher man abschalte, desto weniger Geld werde verbraten.
Derweil wird im Skigebiet Tarscher Alm „abgeplündert“. Zwei Lifte sind bereits abgebaut. Der Gampenlift, der „Babylift“ also, ist nach Rumänien gegangen und der Kaserer-Lift nach Chile. Der größere Lift „Latsch II“, von der Bergstation auf die Zirmruanhütte, wird wohl heuer noch abgebaut.
Dies ist der aktuelle Hintergrund, vor dem sich neue Szenarien entwickeln könnten und können. Man muss es so formulieren: Vor diesem Hintergrund könnten „alte“ und deshalb bekannte Szenarien wieder aufleben. Szenarien, die vor Jahren durchdiskutiert, abgewogen, verworfen, verbrannt, herbeigehofft und letztlich nie realisiert worden sind. Die Voraussetzungen, die Hintergründe und Unterlagen waren damals andere als heute. „Hü oder Hot“ hat der Vinschgerwind im Jahr 2005 über den Fortbestand der Tarscher Alm getitelt. Damals hat die Latscher Skicenter GmbH die Flucht nach vorne ergreifen und den Zubringer Latsch I neu bauen, den Jochpfarrerlift ausbauen, eine Talabfahrt anlegen und die Beschneiungsanlage verbessern wollen. Das Unterfangen endete, weil nicht verwirklicht, im Konkurs der GmbH, den man mit der Flucht nach vorne eigentlich verhindern hat wollen. Schnee von gestern ist das heute.

Licht aus, Licht an
Dann kam Jaime Lorenzo, der Spanier, charismatisch, großspurig, einen Ausbau und investieren wollend, „Pure Nature Ski GmbH“. „Er könnte sicher auch als Staubsaugerhändler reich werden“, charakterisierte ihn 2008 der Vinschgerwind unter anderem. Drei Hektar Wald wollte Jaime Lorenzo Blanco als Tourismuszone bei der Talstation - für Chalets. Später sollten die Chalets eher an der Bergstation entstehen. Blanco bringt damals auch eine Bahn vom Bahnhof hinauf auf die Talstation ins Spiel, a lá Hungerburgbahn in Innsbruck. In Latsch entsteht so etwas wie kühle Euphorie, zwischen Schulterklopfern und Skeptikern. Der Spanier scheitert und das trotz Begleitung von Latscher Skicenter-Granden wie etwa Franz Rinner.
Der Tourismusverein Latsch übernimmt dann über eine neu gegründete TV Lift GmbH die Lifte auf der Tarscher Alm, über die neue gegründete TV Gastro GmbH werden die Immobilien an Tal- und s7 Stillstand2Bergstation bewirtschaftet bzw. verpachtet.
Die Tarscher Alm fällt als Skigebiet vollends in den Winterschlaf. Die Berghänge oben um die Zirmruanhütte sind trotzdem in jedem Winter magisch, der Schnee glitzert, neckt, lockt. Eine Wintersaison findet in der Ferienregion Latsch-Martell statt - in Martell. Die Latscher Beherbergungsbetriebe überwintern schlafend. Man könnte sagen, die Herbergen liegen um die Weihnachtszeit brach.

Brachliegende Herbergen
Das könnte sich ändern. Denn im November 2025 verkündet der Präsident des Tourismusvereines Latsch-Martell Roman Schwienbacher in einer Sitzung des Verwaltungsrates, dass es Interessenten gebe, die das Skigebiet kaufen und um- und ausbauen möchten. Der Ball wird flach gehalten, Vorstudien werden betrieben, Gespräche vorbereitet. Die Interessenten bleiben anonym, denn bis heute ist gar nichts in irgendwelchen trockenen Tüchern.
Roman Schwienbacher sagt nur soviel: Die Interessenten haben der Fraktion Tarsch, die Grundeigentümerin auf der Tarscher Alm ist, einen Nutzungsantrag gestellt. Diesen Antrag soll die Fraktionsverwaltung bewerten und darüber befinden. Je nachdem wie die Fraktionsverwaltung die Sachlage einschätze, können nächste Schritte folgen. Die Fraktionsverwalter lassen sich von allen möglichen Ämtern beraten, vom Bauernbund, vom Rechtsamt usw., um den vielen offenen Fragen begegnen und um den vielen Fehlern aus der Vergangenheit ausweichen zu können. Gibt die Fraktionsverwaltung Tarsch als Grundeigentümerin für Grundbenutzung und mögliche Pacht grünes Licht, dann erst werde eine Gesellschaft bestehend aus drei Gesellschaftern gegründet werden. Zwei Gesellschafter seien Einheimische und ein Gesellschafter komme aus Tschechien. Alle haben Erfahrung in Sachen Skigebiete.
Das Gutachten bzw. die Nutzungs-Bewertung der Fraktionsverwalter von Tarsch soll in diesen Tagen vorgelegt werden. Dann dürften Gesellschafter und Pläne das öffentliche Licht erblicken. Dann dürften entsprechende Fragestellungen auch an die Gemeindeverwalter gestellt werden können. „Grundsätzlich sind wir bereit“, hat sich der Latscher BM Mauro Dalla Barba ein Mantra für die Öffentlichkeit zugelegt, „die Anliegen und die Pläne anzuhören und anzuschauen.“ Dann schiebt Dalla Barba fast schon eine Drohung nach: „Keinen zusätzlichen Verkehr darf es für Latsch und für Tarsch geben und das Ganze muss einen Mehrwert für die Bevölkerung haben.“

Dass die potenziellen Gesellschafter bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben haben, ist in Latsch bekannt. Den Inhalt umreißt Schwienbacher grob: Eine Zubringeranlage von der Talstation St. Martin hinauf auf die Talstation Tarscher Alm, eine neue 10er Kabinenbahn von der Talstation Tarscher Alm hinauf auf das Tarscher Joch. Denn im Skipistenfachplan ist eine Verbindung von der Bergstation Tarscher Alm zum Joch hinauf bereits enthalten. Eine Verbindung mit dem Skigebiet Schwemmalm in Ulten sei - aus Sicht des Grundbesitzes - im Bereich des Möglichen, zumal die Kuppelwieser Alm im Eigentum der Fraktion Tarsch sei. Aus den Studien aus der Vergangenheit werde ersichtlich, dass für die Verbindung mit der Schwemmalm nur ein Lift und eine Piste notwendig sei. Der Großteil eines solchen Liftes und einer solchen Piste liege auf Grund der Fraktion Tarsch.
Für eine neue Beschneiungsanlage gebe es Studien aus der Vergangenheit, die ein Speicherbecken in der Nähe der Zirmruanhütte vorsehen. Auf der anderen Seite können Verhandlungen mit Alperia eine Wasserversorung über den Arzker-Stausee klären. In Summe eigentlich kaum Neues.

„Optimale Geschichte“
Auf die Frage, über welche Motivationen die potenziellen Gesellschafter an die Sache Tarscher Alm herangehen, sagt Schwienbacher, dass die Sachlage x-Mal angeschaut worden ist. Aus der Zusammenschau der Daten, der potenziellen 3.500 Betten in der Umgebung, die im Winter brachliegen, aus der Sicht, dass Ulten schwer und nur durch eine lange Zufahrt zu erreichen sei und talintern über relativ wenige Betten verfüge, wäre ein Ausbau der Tarscher Alm samt Zusammenschluss mit Ulten eine „optimale Geschichte“.
Es habe bereits mit mehreren Hoteliers in Latsch Gespräche über die Bereitschaft, im Winter zu öffnen, gegeben. Die durchaus positiven Signale seien ermutigend gewesen.
Sicher sei, so sagt es Schwienbacher, dass ein Neubau des Zubringerliftes „Latsch I“ als erstes in Angriff zu nehmen sei. Man könne sofort starten. Die hoffnungsvolle Euphorie wird vor allem dann verständlich, wenn man sich die Kehrseite ins Bewusstsein ruft: 2028 oder spätestens 2030 gehen beim letzten Dinosaurier-Lift „Latsch I“ ohnehin die Lichter aus.

Schlanders in Europa

  • Vorspann: Schlanders/Brüssel - Über die Weihnachtsfeiertage war Schlanders nicht stressfrei. Eine Arbeitsgruppe hat sich mit Zukunftsszenarien beschäftigt und diese Visionen werden Ende Jänner in Brüssel vorgetragen. Fest steht jetzt schon: Schlanders wird in Europa sichtbar. Was geht da vor sich? Wir haben bei Hannes Götsch von der Basis Schlanders nachgefragt.
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  • Redakteur: Erwin Bernhart (Interview)
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  • Weitere Fotos - 1: Die Arbeitsgruppe: v. l. Aaron Pircher, hds-Bezirksleiter Vinschgau, Cristian Lechner, BASIS Vinschgau, Bürgermeisterin Christine Kaaserer, Thomas Schuster, Eisdiele Ortler, Karin Gluderer, Agnes Wielander, Hotel Goldene Rose, Hannes Götsch, BASIS Vinschgau, Melanie Längerer, Tourismusverein Schlanders-Laas und Manuel Trojer.

Vinschgerwind: Schlanders kommt auf europäischer Ebene zu Ehren. Ende Januar kommt es zu einem Showdown in Brüssel. Was ist da los?
Hannes Götsch: In Brüssel gibt es ein Finale. Es geht um die Anerkennung einer Kleinstadt bzw. eines Dorfes zum Thema Kleinhandel. Der Überbau ist „European Capitals of Small Retail“. Das ist ein Programm der EU. Drei Finalsiten sind ausgewählt worden. In der Kategorie Klein bzw. von 5.000 bis 50.000 Einwohnern ist Schlanders unter den ersten drei. Ende Januar werden wir mit einer Delegation mit Vertretern aus Politik, aus den Verbänden, aus dem lokalen Handel und wir von der Basis als Projektentwickler nach Brüssel fahren. Dor werden wir einen sogenannten „Pitch“, also einen Aufschlag machen mit dem Inhalt, was wir für 2026 planen und vorhaben. Damit wollen wir um den ersten Platz mitfighten.

Vinschgerwind: Das klingt so, als ob Basis sein Netzwerk gut zu nutzen weiß. Habt ihr diese Nominierung in der Basis entwickelt? Wie kann man sich den Weg dahin vorstellne?
Hannes Götsch: Es gibt auf europäischer Ebene ganz viele Möglichkeiten und Optionen der Unterstützung. Für Schlanders sind Aaron Pircher vom hds, Karin Gluderer als hds-Orstobfrau und Rosmarie Ferlito von der Eisdiele Ortler auf meinem Mitarbeiter Luca Daprá und mir zugekommen und haben uns auf diese Möglichkeite aufmerksam gemacht. Wir waren sofort begeistert. In sehr kurzer Zeit haben wir die Bewerbung abgegeben.

Vinschgerwind: Was habt ihr da in diese Bewerbung hineingeschrieben?
Hannes Götsch: Wir haben aufgezeigt, was wir alles in Schlanders an Positivem haben, wo wir uns von anderen unterscheiden. Die Qualität von Schlanders ist die Vielschichtigkeit und die städtischen Attribute. Wir haben Schlanders aus der Vogelperspektive betrachtet und Vorhandenes einfach eingezeichnet: von der Bibliothek, dem Sitz der Bezirksgemeinschaft, dem Krankenhaus, der Fußgängerzone, den funktionierenden Geschäfte, der Gastronomie, der Schulen und Oberschulen, dem Kulturhaus, den Parks bis hin zum Gründer- und Innovationszentrum Basis und dem vielfältigen Vereinsleben. Kurzum, wir haben geschaut, wie voll das Glas ist und wir haben das funktionierende gesellschaftliche System zusammengefasst. Natürlich wissen wir auch um die Defizite. Aber wir haben uns für die Bewerbung natürlich auf das Positiive konzentriert.

Vinschgerwind: Unter wie vielen Bewerbungen hat sich Schlanders wiedergefunden?
Hannes Götsch: Es dürften unzählige gewesen sein. Genaue Zahlen haben wir nicht. Spannend ist aber, wenn Schlanders unter den ersten drei bei den „Kleinstädten“ zu finden ist und etwa Barcelona bei den Großstädten. Wichtig für den Erfolg war und ist das Netzwerk der Basis. Denn wir haben mit Unterstützungsbriefen wertvolle Schützenhilfe erhalten, von unserem Netzwerk Trans Europe Halles etwa...

Vinschgerwind: Können Sie diese Form der Unterstützung näher erläutern?
Hannes Götsch: Für mich bzw. für die Basis sind sogenannte Unterstützungsbriefe ein normales und probates Mittel. Als Beispiel nenne ich die Basis, die ein EU-Projekt ist, selber. Beim Ansuchen um ein EU-Projekt muss der Antragsteller zeigen können, dass das Projekt von einer breiten Basis getragen wird. Das geschieht mit Unterstützungsbriefen. Beim Projekt Basis haben die Gemeinde Schlanders, der Handel, das Gastgewerbe, Vereine und Verbände ihre Unterstützung verschriftlicht. So wird sichergestellt, dass nicht jeder mit irgendeinem Projekt um EU-Förderungen ansuchen kann. Ähnlich ist es jetzt mit dem Kleinhandelsprojekt gegangen. Und da konnte eben die Basis ihr europäisches Netzwerk zur Entfaltung bringen.

Vinschgerwind: Eine Jury hat Schlanders in der sogenannten Shortlist unter die ersten drei gereiht. Ende Jänner soll dann der Sieger gekrönt werden. Besteht Hoffnung, dass Schlanders das schaffen könnte?
Hannes Götsch: Für uns ist schon die Reihung unter die ersten Drei ein Riesenerfolg.

Vinschgerwind: Welche Benefits, welche Unterstützung erhält Schlanders von Seiten der EU?
Hannes Götsch: Das Sekretariat für den Preis „European Capitals of Small Retail“ unterstützt die drei Finalisten über den Zeitraum 2026. Man erhält auf europäischer Ebene Sichtbarkeit und damit einen Marketingschub. Man wird europäischer Gastgeber für all jene, die sich das Beispiel Schlanders anschauen und studieren wollen. Man darf sich erwarten, dass über ein Wochenende plötzlich über 100 Leute außerhalb des klassischen Tourismus kommen werden. Die Sichtbarkeit wird nach außen strahlen, das ist eine kostenlose Werbung für Schlanders. Und ich sage, dass es noch eine andere, sehr wichtige Eben gibt. Dieses Projekt führt uns im Dorf ein stückweit wieder zusammen, das wird uns zusammenschweißen.

Vinschgerwind: Das ist die Frage: Welche Auswirkungen nach Innen wird diese Auszeichnung haben?
Hannes Götsch: Wir haben eine tolle Arbeitsgruppe, die aus der Bürgermeisterin Christine Kaaserer, dem Wirtschaftsreferenten Manuel Trojer, dem hds-Bezirksrefernten Aaron Pircher, der hds-Ortsobfrau Karin Gluderer, der Rosmarie und dem Thomas Schuster von der Eisdiele Ortler, der Agnes Wielander vom Rosenwirt und von Vertetern der Basis. Ich glaube, dass allein diese Zusammensetzung ein starkes Signal dafür ist, dass wir uns in Schlanders auf den Weg machen, um Marketing, Potenziale und Perspektiven auszuarbeiten.

Vinschgerwind: Wenn die Gruppe Ende Jänner nach Brüssel fährt, werden dort für die Präsentation die Vorhaben für 2026 zur Sprache kommen. Was wird man in Brüssel erzählen?
Hannes Götsch: Das ist in Ausarbeitung. Am 8. Jänner sollen wir den Entwurf abgeben. Wir haben regelmäßig Arbeitstreffen. Eines ist sicher, wir werden auf den tollen Sachen aufbauen, die wir haben. Viele solche Qualitäten haben nicht viele vergleichbare Dörfer auf europäischer Ebene. Wir werden uns auf das 7-Minuten-Dorf konzentrieren. Das heißt, dass man in Schlanders zu Fuß in 7 Minuten alle relevanten Einrichtungen erreichen kann - von Sportstätten, Schulen, Kindergärten, Krankenhaus usw. aber auch die Naherholungsmöglichkeiten in der Natur. In 7 Minuten ist man auf dem Ilzwaal und kann die Promenade genießen. Wir werden uns also auf das konzentrieren, was vorhanden ist. Aber dann werden wir auch sagen, was wir dazunehmen wollen. Ich denke da an ein „slow shopping“. Mit einer Stadt wie Meran werden wir nicht konkurrieren können und trotzdem: Wenn wir an die Bekleidungsketten denken, die in vielen anderen Städten wie ein Einheitsbrei vorhanden sind... Nehmen wir Glurns. Die Stadt hat sich zu einer kleinen Boutiquestadt entwickelt und es kann so sein, dass viele Leute die großen Menschenströme in größeren Städten meiden werden. Ich bin in Europa viel unterwegs und meine persönliche Meinung ist, dass wir mit dem Waltherpark in Bozen keinen großen Riss gemacht haben. Es ist eher eine Gleichstellung. Wow und Mega ist das nicht. Das ist meine persönliche Meinung, bitte. Auf der anderen Seite glaube ich, dass Leute aus den Städten in Schlanders einkaufen und gut Essen gehen können, gerade mit dieser 7-Minuten-Qualität. Vielleicht können wir da noch einiges herausholen.

Vinschgerwind: Alleinstellungsmerkmal weitum ist die Basis. Welche Rolle in diesem Kontext spielt ihr von der Basis?
Hannes Götsch: Wir bilden die Plattform dafür, dass man sich an einen Tisch setzt. Das haben wir von Beginn an kommuniziert. Wir sind jene, die lösungsorientiert mitarbeiten und wir sind diejenigen, die liefern. Also, wir sind jene, die innerhalb der vorgegebenen Deadline Projekte abgeben. Nach dem Motto: Let’s do it. Wir bringen die Plattform und wir bringen die Dynamik.

Vinschgerwind: Sind da für Ende Jänner die Daumen zu heben?
Hannes Götsch: Definitiv.

Selbstbestimmtes Leben ermöglichen

  • Vorspann: Das Landesgesetz vom 14. Juli 2015 zur Inklusion und Teilhabe umfasst auch den Bereich „Persönliche Assistenz“. Diese soll Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft eine große Lücke. In Südtirol hätten 1.000 Menschen Anrecht auf „Persönliche Assistenz“. Nur 18 Personen nutzen diese, weil die Hürden sehr hoch sind. Das soll sich nun ändern, auch mit Hilfe des Projekts SelAvi.
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  • Redakteur: Magdalena Dietl Sapelza
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Vorausgeschickt: Anna Faccin ist Präsidentin des Vereins DEBRA Südtirol, und sie kämpft für alle Menschen mit Behinderung. Ihr Beispiel soll aufzeigen, um was es bei der „Persönlichen Assistenz“ geht. Anna lebt mit der Erkrankung Epidermolysis Bullosa und ist ein sogenanntes Schmetterlingskind. Sie hat damit eine körperliche Behinderung. Anna ist Projektmanagerin im Südtiroler Sanitätsbetrieb und zweifache Mutter. Als selbstbewusste, kämpferische Frau ist es ihr gelungen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – auch mit Unterstützung der „Persönlicher Assistenz“. Sechs Stunden am Tag hat sie diese Assistenz. Diese richtet sich nach dem, was sie braucht, um den Alltag in Eigenständigkeit meistern zu können. Das Gesetz zur Inklusion und Teilhabe aus dem Jahre 2015 sieht eine Rückvergütung für „Persönliche Assistenz“ vor. Doch die Inanspruchnahme dieser Hilfe ist mit großen Hürden verbunden. „Das Land gibt dir das Geld, aber du musst dir alles selbst organisieren“, erklärt Anna. Das heißt, sie ist Arbeitgeberin mit allen damit verbundenen teils bürokratisch aufwändigen Auflagen. (Pflegeinstufung, Nachweis der Familiensituation und der finanziellen Kapazität mit EEVE, Antrag beim Sprengel und regelmäßige Hinterlegung von Berichten, Personalführung, Vorauszahlung, Steuerberatung usw).
Anna bewegt sich mittlerweile gut in dieser bürokratisch aufwendigen Struktur, um ihre Assistenz zu ermöglichen. Doch viele Menschen mit Behinderung, die ein Recht auf „Persönliche Assistenz“ hätten, sind mit den vielen Auflagen überfordert. Das belegen die Zahlen. In Südtirol hätten 1.000 Menschen Anrecht auf eine „Persönliche Assistenz“: Nur 18 Personen nutzen diese Unterstützung. Aus politischen Kreisen sind zwar immer wieder Verbesserungen angekündigt, doch bislang waren es meist gut gemeinte Lippenbekenntnisse. Anna kämpft seit zwei Jahren dafür, dass sich das ändert und, dass Maßnahmen getroffen werden, die den Zugang zur „Persönlichen Assistenz“ für alle Menschen mit Behinderung einfacher machen. Diese vom Gesetz vorgesehene Unterstützungsform soll besser bekannt und als Beruf institutionalisiert werden. Mit Anton van Gerven, Max Silbernagl und Silvia Rabanser hat Anna Verbündete gefunden.

Was ist die „Persönliche Assistenz“?

„Persönliche Assistenz“ bedeutet, dass Menschen mit Behinderung die Unterstützung erhalten, die sie bei der Bewältigung des Alltags brauchen, und gleichzeitig selbst entscheiden können, wie ihr Leben gestaltet wird. Der wichtigste Unterschied zur klassischen Pflege liegt in der Selbstbestimmung. „Persönliche Assistenz“ orientiert sich am Leben der assistenznehmenden Person. Diese gibt Anweisungen, legt Abläufe fest und bestimmt mit, wer sie begleitet. Im Mittelpunkt stehen Gewohnheiten, Bedürfnisse und Ziele, zu Hause, im Beruf, im Studium, bei Arztterminen oder in der Freizeit. Diese Unterstützung schafft Freiheit. Gleichzeitig schließen sich Pflege und Assistenz nicht aus - beides kann sinnvoll kombiniert werden, je nach Bedarf. Die unterstützende Person muss keine spezielle Ausbildung absolviert haben. Es braucht nur Empathie und Hausverstand. Doch auch eine Ausbildung ist immer willkommen. Für Menschen bedeutet „Persönliche Assistenz“ die Chance, in der eigenen Wohnung zu leben, soziale Kontakte zu pflegen, Alltagswege zu bewältigen und mehr Sicherheit zu haben. Welche Leistungen im Einzelfall übernommen werden, hängt von der persönlichen Situation ab. „Persönliche Assistenz“ ist damit weniger ein starres Hilfesystem, sondern ein Instrument, das Menschen unterstützt, ihr Leben so zu führen, wie es ihnen gefällt - mit Respekt, Verlässlichkeit und so viel Selbstbestimmung wie möglich.

Lücke zwischen Anspruch und Realität

Trotz vorhandener gesetzlicher Rahmenbedingungen, einzelner Angebote und eines grundsätzlich anerkannten Inklusionsgedankens bestehen nach wie vor große Lücken zwischen Anspruch und Realität. Das erklärt Anton van Gerven. „Persönliche Assistenz“ ist vielfach nicht verfügbar, unzureichend strukturiert oder mit hohem organisatorischem und emotionalem Aufwand für die betroffenen Personen und ihre Familien verbunden. In vielen Fällen bleibt die Verantwortung für Unterstützung, Organisation und langfristige Absicherung fast ausschließlich bei den Familien selbst. Diese Situation führt dazu, dass Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und gleichberechtigtes Leben oft nicht an den Bedürfnissen und Wünschen der betroffenen Menschen ausgerichtet sind, sondern an bestehende Systeme, Zuständigkeiten und Ressourcen. Vieles ist, um es auf den Punkt zu bringen, viel zu kompliziert, nicht zuletzt, weil jede Behinderung an sich für Betroffene und deren Angehörige Kraft kostet. Die finanzielle und organisatorische Kapazität, wie im Landesgesetz beschrieben, verlangt, dass die Menschen mit Behinderungen ihre eigene Wohnsituation finanziell und organisatorisch selbst gestalten müssen - eine Vorgabe die die wenigsten schaffen.
Anfang Dezember fand in Bozen die Tagung „Selbstbestimmt Leben“ für Menschen mit Behinderung statt, veranstaltet von Kolping Südtirol. Die Teilnehmenden waren Menschen mit Behinderung, Angehörige, Fachkräfte, Vertreter aus Verwaltung und Politik. In diesem Rahmen wurde das Assistenzprojekt SelAvi vorgestellt. Die Gründung des Projekts ist also aus einer klaren Notwendigkeit heraus entstanden. Im Austausch mit Menschen mit Behinderungen als auch mit deren Familien, zeigt sich seit Jahren, dass selbstbestimmte Assistenzmodelle, echte Inklusion und ein inhaltlich selbstbestimmtes Leben für viele Menschen mit Behinderungen nur schwer zugänglich sind. Genau an diesem Punkt setzt SelAvi an.

Pilotprojekt SelAvi startet

Das neue Projekt SelAvi startet im März 2026 unter der Trägerschaft von Kolping Südtirol. Kolping verfolgt die Vision, Menschen mit Behinderung und deren Angehörige zu unterstützen. Es geht auch darum junge Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen zu begleiten und sich aktiv für eine inklusive und solidarische Gesellschaft einzusetzen. Zunächst soll eine Anlauf- und Beratungsstelle geschaffen werden, die dann Dienstleistungsangebote rund um die Anstellung von persönlichen Assistenten/innen erweitert werden soll. Diese Haltung bildet auch die inhaltliche Grundlage des Projekts. SelAvi ist als Pilotprojekt konzipiert und wird über den Europäischen Sozialfonds (ESF+) finanziert. Die Projektlaufzeit beträgt zwei Jahre. Ziel des Projekts ist es, einen Probebetrieb aufzubauen, der mehrere Ebenen miteinander verbindet. Zusätzlich hat im Dezember ein Austausch mit dem Dachverband für Soziales und Gesundheit stattgefunden. In den ersten Monaten liegt der Fokus von SelAvi auf Strukturaufbau, Netzwerkarbeit, Informationsarbeit und der Vorbereitung konkreter Angebote. Im Verlauf der zwei Projektjahre soll schrittweise ein funktionierender Probebetrieb entstehen, der sowohl für betroffene Menschen als auch für politische Entscheidungsträgerinnen und -träger wichtige Erkenntnisse liefert. Ziel ist es, auf Basis realer Erfahrungen aufzuzeigen, was notwendig ist, damit „Persönliche Assistenz“ und selbstbestimmtes Leben langfristig tragfähig umgesetzt werden können.

Forderungen an die Politik

In Richtung Politik hat sich SelAvi klar positioniert. Die zentrale Forderung ist, dass Themen wie Inklusion und Zusammenarbeit nicht nur benannt und über die Köpfe der Menschen mit Behinderung behandelt werden, sondern konsequent weiterentwickelt und finanziell unterstützt werden müssen. „Wenn wir als Gesellschaft ernsthaft wollen, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können und, dass Familien nicht allein gelassen werden, dann müssen wir bereit sein, in entsprechende Initiativen zu investieren“, erklärt der Jugendreferent bei Kolping Südtirol Anton van Gerven.
Das bedeutet, dass die Arbeit von und mit Menschen mit Behinderung nicht ausschließlich im privaten Umfeld bleiben darf. Menschen, Initiativen und Projekte in diesem Bereich müssen unterstützt werden, damit das Inklusionsgesetz nicht nur eine leere Hülse bleibt. Wichtige Tipps könne sich Südtirol beispielsweise von Österreich holen, meint Anna Faccin, dort werde die „Persönliche Assistenz“ seit Jahren genutzt. Es braucht konkrete Investitionen, verbindliche Zeitpläne und eine Verwaltung, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Denn Inklusion ist kein Gnadenakt. Sie ist ein Menschenrecht. Für Menschen mit Behinderung bedeutet Inklusion nicht nur ein politisches Schlagwort, sondern eine konkrete Haltung. Es geht darum, Menschen ernst zu nehmen, ihre Lebensentwürfe zu respektieren und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

 

 Projekt SelAvi Zielsetzung:

1. Aufklärung und Sensibilisierung rund um das Thema „Persönliche Assistenz“ und selbstbestimmtes Leben
2. Aktivierung und Stärkung der Menschen mit Behinderung, damit sie ihre Lebensentwürfe umzusetzen können
3. Gewinnung von Menschen, die als persönliche Assistenten/innen arbeiten möchten
4. Vernetzung bestehender sozialer Akteure/innen sowie sozialer Einrichtungen
5. Aufbau einer Beratungs- und Dienstleistungszentrale als Anlaufstelle für Betroffene, Angehörige und Interessierte.
Dabei geht es nicht darum, ein fertiges Modell vorzugeben, sondern gemeinsam mit den beteiligten Menschen zu lernen und das Projekt weiterzuentwickeln.

Die Initiative SelAvi soll im Frühjahr 2026 vorgestellt werden.

 

 „Persönliche Assistenz“ Voraussetzungen laut Landegesetz vom 14. Juli 2015:

1. Die Person muss eine bleibende Behinderung haben, die im Gesetz festgelegt ist
2. Sie muss eine Pflegeeinstufung haben
3. Sie muss in der Lage sein, ihre eigene Wohnsituation finanziell und organisatorisch zu gestalten
4. Sie muss bereit sein, die „Persönliche Assistenz“ selbst zu organisieren und zu nutzen.
5. Sie darf nicht im Familienbogen der
Herkunftsfamilie aufscheinen.
6. Die Person darf nicht in außerordentlichen Aufnahmeeinrichtungen leben.

 

Infos:
Anton Van Gerven, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. Tel.: 0471 30 85 19