Den Tätern Macht nehmen
Landesrätin Rosmarie Pamer und die Ärztin Monika Hauser von medica mondiale
Eindrucksvoll und wortgewaltig hat Monika Hauser in der Basis in Schlanders die Umgebung, in der sexualisierte Gewalt möglich ist, geschildert. Ihre eigene Geschichte habe auch mit sexualisierter Gewalt zu tun. Denn die Erzählungen ihrer Großmutter in Laas haben sie geprägt. Ein kleiner Ausschnitt aus Hausers Rede: „Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles Schicksal, keine tragische Ausnahme, kein moralisches Versagen einzelner Männer. Sie ist ein Werkzeug patriarchaler Machterhaltung, indem Gewalt gegen Frauen und Mädchen und Jungs sowohl im Alltag als auch in Kriegszeiten als Mittel zur Disziplinierung, zur Kontrolle und zur Herabwürdigung eingesetzt worden ist und bis heute eingesetzt wird. Diese Gewalt ist systemisch, sie ist global und lokal verankert. (...).“ Hauser nahm Bezug auf die von der Universität Trient erstellte Studie „Traces“, in der 31 Frauen aus dem Vinschgau in Interviews über ihre erlittene sexualisierte Gewalt, über Traumata und über Generationen ererbte Verhaltensweisen gesprochen haben. Der Vinschgau sei als Beispiel für alle anderen Gegenden Südtirols und darüber hinaus zu verstehen. Als junge Ärztin sei Monika Hauser im Krankenhaus Schlanders Frauenfeindlichkeiten begegnet, die damals und teilweise heute noch stellvertretend für gesellschaftliche und vor allem patriarchale Strukturen stehen. So habe der damalige Primar den Eltern sein Beileid über die Geburt eines Mädchens ausgedrückt. Oder - ein Mann habe die dringend notwendige Operation seiner eigenen Frau verschieben lassen, weil er sie den Sommer über als Arbeitskraft gebraucht habe. Vieles habe sich mittlerweile am Krankenhaus Schlanders zum Positiven geändert. Aber damals sei sie, indem sie Zustände angeprangert habe, ausgegrenzt worden. Sexualisierte Gewalt habe etwas mit der Verschwiegenheit im Dorf, mit dem Beschützen von Tätern, mit dem Eintrichtern der Sündhaftigkeit von Seiten der Kirche und den dazugehörigen Ritualen zu tun. Viele andere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ermöglichten sexualisierte Gewalt. Die gute Nachricht sei, so Monika Hauser, dass Veränderungen auf vielen Ebenen notwendig und möglich sind.
Den Themenabend „Spuren sexualisierter Gewalt“ hat am 8. April 2026 Christa Ladurner vom Forum Prävention moderiert und gleich zu Beginn die Landesrätin Rosemarie Pamer aufs Podium gerufen. Pamer wies darauf hin, dass das Thema sexualisierte Gewalt als Querschnittsthema von verschiedenen Ämtern bearbeitet werde, vom Amt für Jugend, für Bildung und Weiterbildung, vom Amt für Soziales. Pamer forderte zu Sensibilisierung, zum Sichtbarmachen des Themas auf und das ohne Scham und ohne Scheu. Die Forschungsergebnisse sollen weitergetragen und Zuständigkeiten genau abgesteckt werden. Mit dem Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA!, eingebettet in der Bezirksgemeinschaft und mitgetragen von Gemeinden, Vereinen und Institutionen sei bereits ein Netzwerk vorhanden, an welchem weitergewebt werden solle.
Es waren dann Monika Hauser und Ingrid Kapeller vom Forum Prävention, die die Studienergebnisse detailliert vorgestellt haben, ein Kondensat aus Interviews mit 31 Frauen aus dem Vinschgau, aus drei Erinnerungsrunden mit 21 Frauen, aus Gesprächen mit Historikerinnen. Von einer „stillen Komplizenschaft“ bestehend aus dem Rechtssystem, aus Fachkräften und Diensten, aus dem Dorf und aus der Katholischen Kirche war die Rede. Innerhalb dieses gesellschaftlichen Biotops spiele sich sexualisierte Gewalt an Frauen ab. Unterschiedliche Schwerpunkte gab es bei unterschiedlichen Altersstrukturen. Allen Generationen von den Geburtsjahren 1919 bis 2000 gemeinsam sind Gefühle wie Schuld, Scham und Angst.
Was sich aber geändert hat, ist der Umgang bzw. die Umgangsformen der Frauen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben: Die in der Studie so bezeichnete „Generation Helga“, also die Jahrgänge von 1919 bis 1949, haben unter anderem zu 85 % angegeben, sich in Spiritualität und Glaube ergeben zu haben. „Der Glaube, das regelmäßige Beten und das Besuchen der hl. Messe wird als stärkend und Kraft gebend beschrieben und ist auch mit dem Wunsch verknüpft, sich von Sünde (der traumatischen Erfahrung) reinzuwaschen“, so die Erklärung in der Studie. 67 % der Befragten haben mit „Schweigen und Verdrängen“ reagiert, Versuche, einen Strafantrag zu stellen haben 16 % angegeben. Eine Unterstützung durch Fachdienste hat es damals nicht gegeben.
Die „Generation Erika“ (Jahrgänge von 1950 bis 1980) ist anders umgegangen: 75 % haben bei Fachdiensten Unterstützung gesucht, 38 % haben sich in Spiritualität und Glauben geflüchtet, Schweigen und Verdrängen haben 82 % angeführt, 13 % haben versucht, Strafantrag zu stellen.
Bei der Generation der Geburtsjahre 1981 bis 2000 haben 88 % Unterstützung bei Fachdiensten gesucht, 67 % haben angegeben, darüber zu sprechen, 67 % haben Wehrhaftigkeit und Eigenständigkeit und auch das Brechen mit der Familie angegeben und 11 % haben sich in Spiritualität und Glauben geflüchtet.
Sexualisierte Gewalt und deren Folgen sind „extrem politisch“, also die öffentliche Sache betreffend, hat es Monika Hauser in ihrer Rede klar angesprochen und aus dem kleinen oben genannten Ausschnitt über den Umgang mit den Traumata wird dies ersichtlich.
Bei den Ergebnissen der Studie ist man nicht stehen geblieben. In Frauenmuseum in Meran ist eine Ausstellung mit dem Titel „Meine Oma, meine Mutter und ich - Spuren sexualisierter Gewalt in Südtirol“ zu sehen und mit einem vom Forum Prävention, von Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini erarbeiteten „Booklets“, einer Handreichung, werden Informationen direkt an Institutionen, an Vereine, an Interessierte und an Betroffene weitergegeben.
„Das neue Booklet „Sexualisierte Gewalt – Verstehen & handeln“ bietet einen klaren Überblick darüber, wie Gewalt erkannt, thematisiert und wie wertschätzend und bewusst gehandelt werden kann.“ Kapeller und Bertoncini haben das „Booklet“ in der Basis in Schlanders vorgestellt. Online können sämtliche Informationen, das Konzept und das Booklet unter www.forum-p.it heruntergeladen werden.
Lena Ortenzi vom territorialen Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! und Sara Bagozzi dem Verein Frauen Gegen Gewalt Meran gaben abschließend einen Überblick über die Beratungsangebote für Frauen in Gewaltsituationen im Vinschgau.
Die Veranstaltung entstand aus dem Wunsch heraus, konkrete Werkzeuge im Umgang mit sexualisierter Gewalt bereitzustellen, die Ergebnisse der TRACES-Forschung zu teilen und einen Raum für Austausch zwischen Bürger:innen, Fachpersonal und lokalen Einrichtungen zu schaffen. Sie wurde vom Forum Prävention in Zusammenarbeit mit medica mondiale, dem Frauenmuseum Meran sowie dem Antigewaltnetzwerk ViA! organisiert und vom Land Südtirol sowie der Stiftung Südtiroler Sparkasse finanziert.
Mit der Aufbereitung der Studie „Traces“, mit dem konkreten Handlungslinien im Booklet und mit den Anlauf- und Beratungsstellen für Frauen in Not oder Gewaltsituationen verdichtet sich ein positives Netzwerk, welches Aufarbeitung und Schutz bieten kann.
Monika Hauser, die seit 30 Jahren das weltumspannende Frauennetzwerk medica mondiale führt, hat in ihrer Rede eindringlich aufgezeigt, was es noch braucht. Ein Appell ging in Richtung Politik mit der Aufforderung, dass es eine sofortige strukturelle Umsetzung (Netzwerke, Anlaufstellen usw.) und dafür eine verlässliche Budgetierung brauche. Auf gesellschaftlicher Ebene sei ein echter Wandel notwendig. Eine traumasensible Qualifizierung in bester Form sei auf allen Ebenen wichtig und notwendig: Auf der Ebene der Schule, der Ärzteschaft, der Polizei...
Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini stellen das Booklet „Sexualisierte Gewalt - Verstehen und handeln“ vor
Das Forum Prävention um Christa Ladurner, medica mondiale um Monika Hauser, das Frauenmuseum Meran um Sissi Prader und das Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! tragen dazu bei, dass Präventionmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt eingesetzt, dass Anlaufstellen bereitgestellt und dass Aufklärung stattfinden kann.
- Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini stellen das Booklet „Sexualisierte Gewalt - Verstehen und handeln“ vor
- Das Forum Prävention um Christa Ladurner, medica mondiale um Monika Hauser, das Frauenmuseum Meran um Sissi Prader und das Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! tragen dazu bei, dass Präventionmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt eingesetzt, dass Anlaufstellen bereitgestellt und dass Aufklärung stattfinden kann.