Wir werden Energiegemeinschaft
v.l.: der Latscher BM Mauro Dalla Barba (EVi-Vorstand), der Marteller BM Georg Altstätter (EVi-Obmann), Luca Daprá von BASIS Vinschgau und der Obmann des SEV Thomas Gasteiger
Unerwartet viele sind ins Culturforum nach Latsch gekommen. BM Mauro Dalla Barba und BM Georg Altstätter haben noch zusätzlich Stuhlreihen einrichten müssen. Das Thema „Energiegemeinschaft Vinschgau“ macht offensichtlich neugierig. Am 23. März fand die Auftaktveranstaltung statt - die Energiegemeinschaft Vinschgau soll bekannt gemacht, deren Vorteile dargelegt und die Vinschger für diese Gemeinschaft, damit sie gut funktioniert, zum Beitritt bewogen werden.
Der Hausherr Mauro Dalla Barba bringt in seiner Begrüßung das Interesse mit aufkommenden Krisen mit Blick auf den Nahen Osten und den damit verbundenen Verteuerungen von Energie in Zusammenhang und auch der Marteller BM Georg Altstätter weist auf die große Abhängigkeit Europas von fossilen Energieträgern hin. Altstätter ist Obmann der am 25. März 2024, also genau vor zwei Jahren gegründeten Energiegemeinschaft Vinschgau, abgekürzt EVi. An der Gründung waren die 13 Gemeinden des Vinschgaus und die Bezirksgemeinschaft Vinschgau und die zwei Gemeinden Plaus und Naturns beteiligt. Im Vorstand sind neben Altstätter auch der Schludernser BM Heiko Hauser und der Latscher BM Mauro Dalla Barba. Mit Michael Wunderer von der E-Werk Prad Genossenschaft und vom Südtiroler Energieverband (SEV) und mit Alexander Telser vom Vinschgauer Energiekonsortium (VEK) beraten zwei Energiefachleute als technischer Beirat die Energiegemeinschaft.
Operativer Ansprechpartner ist Luca Daprá von der BASIS Vinschgau. Luca Daprá führt in Latsch in das Thema Energiegemeinschaft ein. Die Energiegemeinschaft Vinschgau ist als Teil des PNRR-Projektes Green Communities herausgewachsen und aus diesem Geldtopf wird sie bis zur operativen Phase finanziert. Mastermind hinter der Gründung und hinter der Anschubfinanzierung ist Michael Wunderer vom E-Werk Prad.
Die Energiegemeinschaft ist die konsequente Antwort auf eine zentrale Herausforderung der Energiewende: Immer mehr Strom wird dezentral erzeugt, aber die Netze sind dafür nur begrenzt ausgelegt. Statt weiter auf den Ausbau zentraler Strukturen zu setzen, schafft die Energiegemeinschaft eine lokale Lösung: Erneuerbare Energie wird vor Ort genutzt, geteilt und optimiert. Das reduziert Netzbelastungen, erhöht die Effizienz und stärkt gleichzeitig die regionale Wertschöpfung. Gerade mit dem weiteren Ausbau von Photovoltaik- und Windkraftanlagen wird dieses Modell zu einem unverzichtbaren Baustein einer stabilen und zukunftsfähigen Energieversorgung.
„Für die geteilte Energie bekommt man Förderungen“, sagt Luca Daprá. Wenn also die erzeugte Energie mittels Photovoltaik direkt innerhalb der Gemeinschaft verbraucht wird, gibt es Zuschüsse. Vorausgesetzt, sowohl der Erzeuger als auch der Verbraucher sind Mitglied einer Energiegemeinschaft. In der EU ist es politischer Wille, dass solcherart geteilte Energie gefördert wird und Italien hat die EU-Richtlinie in ein eigenes Dekret umgewandelt. Komplizierter zwar als in Österreich wird in Latsch gesagt, aber sinnvoll und mit gutem Willen durchaus umsetzbar.
Auf derzeit 4 Cent für den Erzeuger als zusätzlichen Erlös zum Marktpreis und auf etwa 5 Cent für den Verbraucher als Gutschrift schätzt Luca Daprá diese Art der Förderung pro Kilowattstunde. Man werde dabei nicht reich, ein Zuckerle sei es allerdings allemal. Wenn’s funktioniert, werden auch die Verluste im Stromnetz erheblich reduziert.
Aktuell hat die Energiegemeinschaft Vinschgau EVi 89 Mitglieder bei 144 registrierten PODs (Einspeise- oder Entnahmepunkte für elektrischen Strom). Die installierte Leistung, also die Stromleistung, die der Energiegemeinschaft derzeit zur Verfügung steht, ist aktuell 490 Kilowatt (peak). Die EVi ist also noch in den Kinderschuhen.
Aber, so sagt es Luca Daprá, es seien derzeit Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 4,5 Megawatt geplant und in der Genehmigungsschiene und die würden voraussichtlich im Sommer 2026 mit voraussichtlich 72 neuen Mitgliedern ans Netz gehen.
Das ist Musik auf der Erzeugerseite - von daher ist der Aufruf an die Verbraucher, der Energiegemeinschaft beizutreten, verständlich.
Thomas Gasteiger, der Präsident des Südtiroler Energieverbandes SEV, ruft den Vinschgern zu, die Chance zu nutzen und an das Modell Energiegemeinschaft zu glauben. Denn bei den Förderungen handle es sich um Steuergelder und die können so in die Region geholt werden. Tut das der Vinschgau nicht, werden andere diese Steuergelder abholen. Gasteiger spricht aus Erfahrung. Denn er ist Obmann der Erneuerbaren Energie Genossenschaft Tauferer Ahrntal. Diese Energiegemeinschaft schreibt auf ihrer Webseite: „Als erste offiziell anerkannte Energiegemeinschaft in Südtirol nutzen wir die Potenziale erneuerbarer Energien in unserem Einzugsgebiet und tragen so zur nachhaltigen Energieversorgung bei. Unser Ziel ist es, ökologische, wirtschaftliche und soziale Vorteile für unsere Mitglieder sowie die lokale Gemeinschaft zu schaffen. Wir übernehmen soziale Verantwortung, indem wir die Gemeinschaft stärken, lokale Initiativen fördern und der gesamten Bevölkerung vor Ort Vorteile bieten.“
Ja wenn’s die Tölderer geschafft haben, sollen die Vinschger kneifen? Wie kompliziert ist das Ganze? Wie lukrativ? Was muss man tun, um der EVi beizutreten?
Mauro Dalla Barba fasst es zum Schluss so zusammen: Der Stromanbieter ändert sich nicht, man braucht also nicht zu wechseln. Die Abrechnungen erfolgen auf den Stromrechnungen. Stromanbieter, Stromkosten und Einnahmen bei den Produktionsanlagen ändern sich nicht.
Eine Mitgliedschaft bei der Energiegemeinschaft kostet für den privaten Konsumenten einmalig 25 Euro und für Unternehmen und private „Prosumer“ (also gleichzeitig Stromerzeuger und Stromverbraucher) einmalig 100 Euro.
Dann kommen noch 25 Euro Bearbeitungsgebühren hinzu und gestaffelte Beträge für Produzenten je nach Leistung.
Die Formulare, sagt Luca Daprá sind unter evi-energie.it online abrufbar.
Die Verwaltung der Förderungen innerhalb der Energiegemeinschaft betrifft das Gebiet von Reschen bis Plaus. Allerdings gibt es eine Unterteilung in 6 Gebiete und zwar laufen die Förderungen nur auf den Einzugsgebieten von Primärkabinen. Zwischen Reschen und Plaus gibt es nämlich 6 Primärkabinen.
Es gibt ein paar Einschränkungen. So dürfen Großbetriebe nicht mittun. Das hat die Frage in der Diskussion ergeben, ob etwa eine Obstgenossenschaft Mitglied der Energiegemeinschaft werden kann. Ausgeschlossen sind auch jene Photovoltaikanlagen, die einen Vertrag „scambio sul posto“ haben. Es gilt: Jene Produktionsanlagen, die nach er Gründung der Energiegemenschaft im März 2024 ans Netz gegangensind, sind zu einem Beitritt berechtigt. Alle Anlagen, die vor dem März 2024 ans Netz gegangen sind, können der Energiegemeinschaft nicht beitreten.
Auf der anderen Seite sind Überlegungen zu machen, ob Ladesäulen für E-Autos als Verbraucherpods eingetragen werden können und so auch E-Autofahrer als Konsumenten an den Förderungen profitieren können.
Klar hervorgegangen ist eines: Je mehr Mitglieder in der Energiegemeinschaft sind, desto geringer fallen die Verwaltungskosten ins Gewicht und desto höher fallen die Förderungen aus.
Was ist eine Energiegemeinschaft?
- eine nicht gewinnorientierte juristische Person
- es ist ein partizipatives Energiemodell; um den Fördertarif zu generieren, benötigt eine Energiegemeinschaft Erzeuger und Verbraucher
- umfasst das Territorium auf einer oder mehrerer Primärkabinen