Die Adlernester
Der Bettenstopp, nach langwierigen Verhandlungen vom damaligen Tourismuslandesrat Arnold Schuler vor vier Jahren durchgezogen, hat dem Tourismus gegenüber kritische Gemüter etwas beruhigt. Vor allem in touristischen Ballungszentren wie in Gröden, in der Meraner Gegend, im Pustertal auch, hat der Begriff Overtourism Einzug gehalten - ein Zuviel an Tourismus, ein Zuviel an Nächtigungen, was zur Folge hat, dass der Verkehrsanstieg als bedrohlich, dass die Preissteigerungen bei Wohnungen als existenzbedrohlich empfunden und beklagt werden, dass die Wanderwege, die Hütten am Berg regelrecht mit Touristen überflutet sind. Die Schattenseiten des Tourismus-Booms, die Bedrohung der Idylle werden in teuflischen Farben an die Wand gemalt. Die Landesregierung hat mit dem Bettenstopp diese Bedrohung zu zähmen versucht.
Sogar ein versteckter Drache wurde aufgescheucht - und mit einem Verfallsdatum belegt. Wenn ausgewiesene Tourismuszonen mit möglichen Betten nicht bis September 2026 verbaut sind oder bis dahin zumindest eine Baukonzession beantragt wird, dann sollen, so der Beschluss, diese „erworbenen Rechte“ verfallen. In diesem versteckten Drachen sind südtirolweit scheinbar rund 12.000 Betten versteckt. Wie sich diese Betten im Land verteilen, ist nicht bekannt. Dass diese alle verbaut werden, ist sehr unwahrscheinlich. Aber wenn man diesen Drachen mit Leben füllen möchte und den 12.000 Betten 200 Auslastungstage unterstellt, so kämen zu den heute rund 38 Millionen Nächtigungen 2,4 Millionen hinzu. In der Theorie. Einzig die ff hat letzte Woche, grafisch zumindest, die Debatte um den „Bettenstopp“ wohl richtig dargestellt: Es geht ausschließlich um den Osten des Landes - vom Ritten bis Prettau. Wenn demnach von Overtourism in „Südtirol“ die Rede ist - dann ist „Südtirol“ die östliche Hälfte des Landes (vielleicht noch Meran und Umgebung).
2,4 Millionen Nächtigungen kämen hinzu
Weil aber das Bauen und das Wachstum im Tourismus marktorientiert, organisch und von der Geldverfügbarkeit abhängig sind und das Bauen nicht per Dekret angefordert werden kann, haben sich die Hoteliers oder die Bauherren nicht unmittelbar auf diese Tourismuszonen gestürzt, so dass vielerorts die Zonen noch unbebaut sind oder ein Ansuchen um eine Baukonzession einfach nicht da ist.
Der Wechsel in der Landesregierung - das Ressort Tourismus (und auch die Landwirtschaft) ist von Schuler auf Luis Walcher gewechselt - bewirkt ein aufkommendes Umdenken in Bezug auf diese Annullierung der „erworbenen Rechte“. Wohl auf Druck der Touristiker, auch auf Druck von Gemeindeverwalter, von Bürgermeister eben. Walcher testet die Öffentlichkeit mit Vereinen und Presse, seine SVP-Parteikollegen und die Landtagsabgeordneten mit der Aussage, die Frist für den Verfall der „erworbenen Rechte“ sei um fünf Jahre zu verlängern. Die Diskussion ist eröffnet. Widerstand brandet auf, vom Verein für Heimatpflege, vom Bund für Natur und Umwelt, von den Grünen über das Team K bis zur Süd-Tiroler Freiheit. Auch der ehemalige Landesrat Schuler hat sich in diversen Medien zu Wort gemeldet und Walchers Vorgehen kritisiert. Er sei gegen dieses Ansinnen. Schuler ließ aber in seinen Aussagen durch einen Spalt blicken, wenn er sagt, dass er mit seinem Widerstand eher in der Minderheit in der Partei sei. Das lässt die Interpretation zu, dass LH Arno Kompatscher den Walcher Luis in der Frage der „erworbenen Rechte“ eher gewähren lässt und sich die Stimmung mal anschauen wird. Allerdings hat Schuler kürzlich nachgelegt und im RAI Südtirol gesagt, dass man politisch wohl den Kompass verloren habe.
Wohlwollen für eine Fristverlängerung kommt hingegen von vielen Gemeinden, von vielen Touristikern, aus den Reihen der Wirtschaft.
Wie sieht es im Vinschgau aus?
„Wir sind von einem Massentourismus meilenweit entfernt“, sagt der Schnalser BM Peter Grüner. Es sei schon komisch und brutal, dass „erworbene Rechte“ seit 2022 mit einem Verfallsdatum von 4 Jahren beschränkt würden. In Schnals wäre wohl der von Athesia geplante Hotelkomplex in Kurzras betroffen. „Seit Leo Gurschler“, sagt BM Grüner, „weisen sämtliche bisher erstellten Studien darauf hin, dass es in Schnals mehr Betten braucht, damit unter anderem die Schnalstaler Gletscherbahnen wirtschaftlich arbeiten und damit entsprechende Investitionen tätigen können.“ Als Beispiel nennt Grüner das Hotel Cristall in Kurzras, welches damals nur zur Hälfte des Geplanten gebaut worden sei. Er teile die Meinung von Landesarat Luis Walcher, dass die Frist für die „erworbenen Rechte“ verlängert werden solle. Denn man solle sich bei den Planungen für die Tourismuszonen Zeit lassen und so ordentliche Konzepte umsetzen können. In Schnals gebe es jedenfalls keine Spekulationen rund um die Tourismuszonen. Von einem Bettenstopp halte er grundsätzlich gar nichts.
In Latsch ist derzeit der Jagdhof-Hotelier Martin Pirhofer beim Bauen eines neuen Hotels im Grünen. Längst genehmigt und von den Schuler’schen Stopp-Fristen nicht betroffen. Allerdings, so sagt es der Latscher BM Mauro Dalla Barba, könnte das Hotel Adler in Morter davon betroffen sein. Bekanntlich hat der nunmehr ehemalige HGV-Präsident Manfred Pinzger das leer stehende Hotel Adler gekauft und damit auch die zugehörigen Betten. Das Hotel Adler ist nicht in einer Tourismuszone, sondern in einer B-Zone, also in einer Wohnbauzone. Damit jedenfalls ein kurioses Adlernest. Denn Pinzger hätte für einen Um- oder Neubau von einem Hotelbau bis hin zu einem Kondominium mit Wohnungen alle Möglichkeiten offen. Pinzger sagt dem Vinschgerwind, dass ihn die Diskussion um diese Tourismusbetten gerade das Hotel Adler betreffend gar nicht beunruhigten.
Was soll das alles, fragt sich der Marteller BM Georg Altstätter. Der Gemeinderat von Martell hat vor einem Jahr in seinem Gemeindeentwicklungskonzept klar und einstimmig festgehalten, dass die Gemeinde Martell rasch noch um die 300 Betten vertragen kann. Tatsächlich hat Martell in den derzeit bestehenden Tourismuszonen zwischen Hintermartell, Stallwies und Biathlonzentrum das Potenzial von rund 250 bis 300 Betten. Je nachdem, was in den einzelnen Zonen umgesetzt wird, sagt Altstätter. Abgesehen davon, kenne man sich ohnehin kaum mehr aus. Denn im ehemaligen und verfallendem Hotel Paradies sind noch Betten vorhanden, „erworbene Rechte“ eben. Der sogenannte Bettenstopp bzw. vor allem das Ablaufdatum von „erworbenen Rechten“ stifte zwischen der Urbanistik und dem Tourismus ein Chaos, so dass niemand mehr durchblicke.
Und was passiert, wenn man ausgerechnet im Nationalpark die Tourismuszonen abwürgt? „Dann ist die touristische Entwicklung in Martell auf Jahrzehnte hin passé“, sagt Altstätter. Von wegen Overtourism. Es gebe weder in Martell noch im Vinschgau einen Overtourismus. Was der Köllensperger Paul da von sich gegeben habe (im facebook), sei ein Schmarrn, sagt Altstätter. Wenn man nämlich Tourismushochburgen wie Schenna und Dorf Tirol hernehme, die gemeinsam in etwa so viele Nächtigungen generieren wie der Vinschgau (rund 2 Millionen), dann ergeben sich 330 Nächtigungen pro Einwohner für Schenna und 50 Nächtigungen pro Einwohner für alle 13 Gemeinden im Vinschgau. „Das ist schon ein großer Unterschied und sagt alles über Overtourism aus“, sagt Altstätter.
Was ist mit den Restbeständen?
In der touristisch aufstrebenden Gemeinde Graun sind in den letzten Jahren gar einige Betten hinzugekommen. Mit dem neuen Gerstl ist ein neues Hotel entstanden, in diversen Um- und Anbauten an bestehenden Hotels wurden Betten untergebracht. Graun boomt. Der dortige BM Franz Prieth sagt, dass der Bettenstopp in der Gemeinde Graun bislang nicht so gespürt wird. Von den „erworbenen Rechten“ und deren Verfall wäre möglicherweise die vor Jahren ausgewiesene Tourismuszone in Kappl betroffen.
Aber, was wird mit den Restbeständen von Kubaturen rund um bestehende Hotels geschehen? Fallen die auch unter den Hammer? Prieth sagt, dass in der Gemeinde Graun noch rund 27.000 Kubikmeter in diversen Tourismuszonen und an Hotels zur Verfügung stünden. Als Vergleich: Das neue Gerstl hat eine überirdische Kubatur von rund 13.000 Kubikmeter. „Diese Kubatur streichen, geht auf keinen Fall“, sagt Prieth. Die Kubatur sei laut Index bereits zugewiesen. Würde man diese vorhandene Kubatur direkt in Betten umrechnen, käme man wohl - je nach Berechnung - auf 600 bis 700 Betten. Man benötige bestenfalls einen transparenten Schlüssel für mögliche Betten in diesem Bereich.
Eine Verlängerung der Frist für die „erworbenen Rechte“ ist auf jeden Fall wichtig, sagt Prieth. Auch um Klarheit in das vorhandene Chaos zwischen Urbanistik und Tourismus zu bringen. Und wenn es heißen sollte, dass die Gemeinden Betten zuweisen könnten, wär’ das ok.
Tourismus-Pappenheimer
Um Walcher nicht ins offene Messer des Overtourism-Vorwurfes laufen zu lassen, sind Diskussionen dahingehend unterwegs, dass die Gemeinden über ihre eigenen Tourismuszonen bestimmen sollen. Die heiße Kartoffel soll, wenn es denn gelingen sollte, in die Gemeinderäte hineinverlagert werden. Die BM, die Ausschussmitglieder und die Gemeinderäte vor Ort kennen ihre Tourismus-Pappenheimer bestens und können so am ehesten abschätzen, ob ein Terminaufschub für eine Tourismuszone Sinn macht - oder ob man die Tourismuszone selbst versenken will.
der Schnalser BM Peter Grüner
der Latscher BM Mauro Dalla Barba
der Marteller BM Georg Altstätter