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Schluderns/Latsch

Wenn Wälder brennen - Ursachen, Risiken, Resilienz

von Erwin Bernhart
Schluderns/Latsch - Zwei Tage - zwei Orte: Das Format „Neu denken“ von der Europäischen Akademie EURAC und dort vom Center For Advanced Studies als Nachfolge der Churburger Wirtschaftsgespräche sei, so sagt es der Leiter des Center for Advanced Studies, Eurac Research, Harald Pechlaner, perfekt. Eine Veranstaltung findet immer in Schluderns statt und die zweite wechselt je nach Thema.
veröfftl. am 18. März 2026

oben v.l.: Harald Pechlaner, Roman Horrer, Mortimer Müller; unten v.l: Judith Kirschner, Andreas Platter, Nikolaus Obojes

Wenn Wälder brennen: Ursachen, Risiken, Resilienz“ war das Thema der heurigen Vortragsreihe von Eurac Research. Der Auftakt war im Vuseum in Schluderns am 11. März.
Nach den Begrüßungen durch den Schludernser BM Heiko Hauser und dem Direktor der Raika Prad-Taufers, Werner Platzer, führte Harald Pechlaner in das Thema ein. Voriges Jahr war das Wasser Thema der Vorträge in Schluderns und in Graun, heuer sei es das Feuer. Ausgangspunkt für beide, so sagte es Pechlaner, sei der Klimawandel. Das Center for Advanced Studies an der Eurac Bozen habe es sich zur Aufgabe gemacht, globale Themen auf regionale Begebenheiten herunterzubrechen. „Unser interdisziplinärer Auftrag ist es, Themen, die Einfluss auf Gesellschaft, auf Wirtschaft, auf Politik und auf Wissenschaft haben, möglichst breit auszuleuchten und auf die regionalen Zusammenhänge hinzuweisen“, so Pechlaner.
Die Zeiten seien längst vorbei, dass man sage, Waldbrände beträfen ausschließlich den Süden Europas, Spanien, Portugal, Griechenland, Italien. Die Entwicklung ist bei uns angekommen, die zwei großen Waldbrände im vorigen Jahr in St. Martin im Kofl und in Prad haben das eindrücklich gezeigt. Es gebe global eine Zunahme der Waldbrandtage, also eine Zunahme an Tagen, an denen es heiß, trocken und windig ist - ideale Bedingungen für Waldbrände. In den vergangenen 45 Jahren habe sich die Anzahl dieser Tage verdreifacht. Die synchronen Brände, Brände an mehreren Orten gleichzeitig, haben zugenommen. Eine aktuelle Studie mit Beteiligung von Eurac Research projiziert im ungünstigsten Klimaszenario eine Zunahme von Waldbrandflächen um 183 %.
Wie gehen wir damit um? Was muss sich ändern?
Roman Horrer, der Präsident des Feuerwehrbezirkes Untervinschgau, eröffnet mit einem Nachzeichnen der Ereignisse rund um den Waldbrand bei St. Martin im Kofl, die Vorträge. Am 6. März 2025 ist um 13.33 der Alarm ausgelöst worden. Mit den Bildern der Webcam auf St. Martin am Kofl zeichnet Horrer das explosionsartige Ausbreiten des Brandes nach. Ursache für den Brand sei ein Autobrand gewesen. Mit drei Hubschraubern wurden 60 Bewohner evakuiert und durch Weißes Kreuz, Notfallarzt, Notfallseelsorge und Notfallpsycholgen betreut. Feuerwehrleute wurden hochgeflogen, waren dann wegen der einbrechenden Nacht so gut wie eingesperrt und mussten die Nacht in St. Martin verbringen. Die enorme Rauchsäule habe in Imst und in Zams die Zivilschutzmeldung ausgelöst. Diskutiert wurde, ob die Staatsstraße in der Latschander wegen möglichem Steinschlag gesperrt werden soll. Das habe man dann nicht getan.
Am Tag 2 war die Chaosphase vorbei. Landeshauptmann Arno Kompatscher habe sich vor Ort voll hinter die Einsatzleitung gestellt und das sei für die Moral der Einsatzleitung und der Feuerwehrleute enorm wichtig gewesen. Am Tag 3 wurden Löscharbeiten durch die Hubschrauber und Nachlöscharbeiten vor Ort ausgeführt. Am Tag 4 kamen Drohnen zum Einsatz für die Lokalisierung von Glutnestern. Horrer wies auf die sehr gute Zusammenarbeit aller beteiligten Organisationen hin. Wenn es um Hilfe gegangen sei, habe es nie ein Nein gegeben, das sei eine tolle Erfahrung gewesen.
Hinter den 12 Kilometer Löschleitungen, den 46 freiwilligen Organsationen, den 1333 Einsatzkräften, hinter den 12000 Einsatzstunden standen Menschen aus der Gesellschaft, stehen Freiwillige aus vielen Familien. Ähnlich wie in Prad habe es keine größeren Verletzungen gegeben. Eine gute Ausbildung, Hausverstand, Einsatz mit Vernunft haben für den letztlich erfreulichen Ausgang der Einsätze beigetragen.
Was für die vielen Feuerwehrmänner im Raum des Vuseums ein verarbeitender Rückblick war, war für die Zuhörer ein emotionaler Einblick in die Einsätze der Freiwilligen Organisationen. „Das müssen wir auf uns wirken lassen“, formulierte es Harald Pechlaner. Das Vereinswesen sei Ausdruck von gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Mit dem Titel „Let it burn - mit dem Feuer leben“ setzte Mortimer Müller von der Boku Wien und per Internet zugeschaltet eine Anfangsprovokation in seinem Vortrag. Für rund 90 % der Waldbrände sei der Mensch Verursacher (weggeworfene Zigaretten als Hauptursache) für den Rest Blitzschläge. Glasscherben verursachen keinen Brand, das sei ein moderner Mythos. Für die Zukunft hatte Müller drei Vorschläge: Für die Feuerwehren neue Trainingsszenarien, neue Löschtechniken und neue Kooperationen. Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung für die Prävention und ein Brennstoffmanagement mit Entfernen von Totholz im Wald, mit kontrolliertem Abbrennen und vor allem durch gezieltere Beweidung.
In den letzten Punkten waren sich Müller und Judith Kirschner von der Uni Bern einig. Kirschner ging auf die Waldbrände in der Schweiz und im Besonderen auf das Tessin ein. Die Waldbrände im Tessin haben seit den 80er Jahren abgenommen, aufgrund besserem Management, besserer Ausrüstung der Feuerwehren, bessere Gesetzgebungen in Richung Feuerverbote. Für die Resilienz der Gesellschaft schlug Kirschner bessere Kommunikation von Gefahren vor, eine Diskussion über Feuerverbote und eventuell Zugangsverbote, Bearbeitungen von Erfahrungsgewinnen und eine Verbesserung der Löschinfrakstuktur vor.
In der Diskussion haben Roman Horrer und Heiko Hauser diese Löschinfrastrukur in Form von Löschteichen angesprochen, die ganzjährig mit Wasser befüllt sein müssten. Denn Waldbrände, so auch eine gemeinsame Erkenntnis, würden vor allem in der Zeit von Februar/März/April auftreten (auch Juli/August).
In der Diskussion wurde auch deutlich, dass man die aktuellen und kommenden Waldbranddimensionen bei uns so nicht kenne. Einer technisch geführten Diskussion wollte Herbert Raffeiner auch eine Verantwortungsdiskussion, eine Werte-Diskussion beistellen.

Im Schloss Goldrain begrüßen die Zuhörer am 12. März BM Mauro Dalla Barba und der Direktor der Raiffeisenkasse Latsch, Gerhard Rinner, mit Hinweisen auf Zusammenhalt und Verantwortung. Nach einer beeindruckenden Exkursion nach St. Martin im Kofl mit den Forstbehörden stehe der zweite Abend, so sagt es Harald Pechlaner, im Zeichen des Waldes, im Zeichen des Zusammenspieles zwischen Forstbehörden, Freiwilligen Feuerwehren und Zivilgesellschaft.
Mit Nikolaus Obojes vom Institut für Alpine Umwelt an der Eurac Research bietet ein Biologe Einblick in die Waldentwicklung und in die Waldnutzung seit der Jungsteinzeit. Die heutigen Funktionen des Waldes, von der Nutzwirkung Bau- und Brennholz, über die Schutzwirkung gegen Lawinen, Muren und Steinschlag, über die Wohlfahrtsfunktionen als Filter und CO2-Speicher bis hin zur Erholungsfunktion als Freizeitraum geben Anlass zu Diskussionen über Zielkonflikte. Mit dem Klimawandel, mit dem Ansteig der Temperaturen in kurzer Zeit, werde es zu einem Rückgang der Fichte und der Kieferarten kommen und Eichen werden vordringen. Extremereignisse, wie es Waldbrände und Windwürfe (Vaja) sind, verursachen auch Borkenkäferbefall. Obojes weist darauf hin, dass es aufgrund von Unsicherheiten und Risiken keine Patentrezepte gebe. „Wir müssen Sachen probieren“, sagt Obojes in Richtung Durchforstung in Richtung Baumartenvielfalt.

Andreas Platter vom Forstinspektorat Schlanders gab in seinem Vortrag einen beeindruckenden Einblick in die Aufgaben und Tätigkeiten der Forstbehörden. Das Vorbeugen von Waldbränden beinhalte die Waldbrandinfrastruktur, zu der Löschteiche, Wasserleitungen, Zufahrten u.a. gehörten, weiters eine Waldbrandeinsatzkarte, auf der alle Infrastrukturen eingezeichnet sind und so Einsätze der Feuerwehr, Hubschrauber und anderer Organsiationen gezielt uterstützt, das Abschätzen von Waldbrandrisiken und der Ankauf von Geräten und Material für die Vorbeugung und für den Einsatz. Der gesetzliche Rahmen überträgt die Waldbrandbekämpfung den Regionen und in der Autonomen Provinz Südtirol fällt der Forst die Aufgabe der Prävention, des Handels (in der Einsatzleitung gemeinsam mit der Feuerwehr) und des Wiederherstellens zu. Platter zeigte auch die laufenden Arbeiten auf den Brandflächen von St. Martin und von Prad auf.

In der abschließenden Diskussion mit Roman Horrer, Nikolaus Obojes, Andreas Platter und Judith Kirschner, geleitet von Jenny Ufer und Michael de Rachewiltz, kam es zu einem subsummierenden Aufruf, dass die Klimakrise und die Waldbrände im Wesentlichen ein gesamtgesellschaftliche Verantwortung darstelle und dass die Klimakrise im Besonderen vor allem eine politische Verantwortung sei. Vor allem sei auch an den Kommunikationskanälen zu feilen, vor allem vor dem Hintergrund, dass Waldbrände zu 90 % von Menschen ausgelöst würden.