Dienstag, 04 März 2014 00:00

„Anstott alls wegwerfn, honni eppas draus gmocht“

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SteineKonstruktionenIn Göflan, dem zweiten Marmordorf im Vinschgau, kann man in einer unscheinbaren Nebenstraße eine kleine Kunstattraktion aus Marmor, Holz und Eisen finden. In 13 Stationen werden Gegebenheiten aus der Erdgeschichte und dem Dorfleben dargestellt.

von Heinrich Zoderer

Franz Pircher, der Murrnfranz, wie er in Göflan genannt wird, wohnt am Plengweg, einer kleinen Sackgasse, die links vor dem Bahngleis abzweigt. Unten, am Fuße des Straßenrandes, fließt die Etsch vorbei, der Plengweg mündet in einen Privatweg und führt durch Wiesen weiter zum Holzbruggwaal.

Wer hier vorbeispaziert, erlebt eine Überraschung. Am Straßengeländer sind mehrere Holzpfosten festgemacht, an denen allerlei Sachen aus Marmor, Holz und Eisen hängen. Es sind interessante Konstruktionen, dem Wind und dem Wetter ausgesetzt. Besonders die weißen Marmorsteine fallen ins WunderweiberAuge, sie sind aber nichts Besonderes, man ist ja schließlich in Göflan, dem lang vergessenen Marmordorf, das seit 2005 den weißen Marmor vom Göflaner Wandlbruch wieder zu Tal befördert. Auch entlang der Etsch kann man viele ausgewaschene weiße Marmorsteine finden. Der Murrnfranz sieht sich nicht als Künstler, aber er ist ein Sammler, ein Tüftler und ein geschickter Bastler. Schon sein Vater hat Steine gesammelt und Trockenmauern errichtet. Viele Steine hatte er vor dem Haus, entlang des Weges abgestellt. Franz führt diese Traditionen fort. Wenn er auf der Straße am Nördersberg die Kehren ausputzt, hält er Ausschau nach besonderen Steinen, nach Wurzeln und interessanten Holzstücken. Auch wenn er mit dem Auto unterwegs ist und irgendwo einen schönen Stein sieht, nimmt er ihn mit. Wird etwas umgegraben oder abgerissen, ist der Franz vor Ort und nimmt Sachen mit, mit denen andere nichts anzufangen wissen. Angetan haben es ihm vor allem Steine mit einer besonderen Struktur, einer besonderen Farbe oder einer besonderen Form. Aber auch die alten Holzschuhe vom ehemaligen Senn der Göflaner Sennerei hat er an seinem Schuppen aufgehängt. Dort findet man auch eine „Steindörre“ und eine „Rechenmaschine“. „So haben die Göflaner rechnen gelernt“, sagt Franz. Zehn Steine, aufgefädelt auf einem Draht und darunter wieder ein Draht mit zehn Steinen. Verschiedene Holzstücke hat er auf ein Stück Marmor geschraubt und aufgestellt. Am Hauseingang stehen weiße Marmorsteine, in die Franz Löcher gebohrt hat, um dann Kerzen, Tannenzapfen oder Holzstücke hineinzustecken. Oder auch  Drähte, an denen Nüsse oder kleine Marmorsteine hängen. Das Bauen und Zusammenstellen verschiedener Konstruktionen aus Marmorsteinen, in Kombination mit Holz- oder Eisenabfällen hat Franz zu seinem Hobby gemacht. Auf so einem Hof mit einem großen Anger und mehreren Schuppen kommt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte allerlei zusammen, vor allem wenn nichts weggeworfen wird. Letztes Jahr wollte Franz aufräumen und Unbrauchbares wegwerfen. Und da ist ihm eine Idee gekommen. Anstatt alles wegzuschaffen, hat er angefangen etwas daraus zu machen, ohne Plan. Franz hat einfach Holzpfosten am Marmor MuchStraßengeländer angebunden und die alten Sachen dort aufgehängt. 13 Stationen hat er schon, eine 14. Station hat er im Kopf und was dann noch dazu kommt, das weiß er selbst noch nicht. „Es muss sich ergeben, das kann man nicht planen“, sagt er. Wir stehen am ersten Pfosten und ich bin ganz erstaunt, als Franz beginnt eine Geschichte zu erzählen, aus der Erdgeschichte und dem Leben in Göflan. Jeder Pfosten ist Teil dieser Geschichte und während Franz erzählt, werden die aufgehängten Steine und Eisenstücke lebendig. Es ist seine Geschichte, aber jeder, der vorbeigeht und die Kunstwerke betrachtet, kann für sich seine eigene Geschichte herauslesen.
Die erste Station handelt von der Zeit, denn am Anfang war die Zeit. Aber sie ist nicht für alle gleich. In London ist es 12 Uhr und in Mitteleuropa bereits 13 Uhr. Bei uns in Südtirol ist es aber erst 5 vor 12. Franz meint: „Bei uns ist es höchste Zeit oder schon alles zu spät“. Dann kommt die Eiszeit und das Ende der Eiszeit. Eisbrocken schieben sich ins Tal, unter dem Eis kommen alte Baumstämme hervor. Es sind nicht gerade Stämme, sondern sie sind verbogen, durch die Zeit und das Eis. Die nächste Station stellt den Beginn des Ackerbaus und der Viehzucht dar. Die Menschen haben verschiedene Arbeitsgeräte: Hammer, Gabel, Sichel. Und überall ist ein Stein aufgespießt, als Zeichen dafür, wie hart die Arbeit war. Die nächste Station stellt mehrere Erfindungen dar, die das harte Leben etwas erleichtert haben. Das Rad zum Beispiel, dargestellt durch einen Reifen aus Eisen. Dann kam der Strom. Lampen im Haus und auf der Straße haben den Tag verlängert und die Angst vor der Nacht genommen. Strommasten auf den Dächern und entlang der Straßen und Felder sind Zeichen dieser Zeit. Die nächste Station zeigt einen Herd. In einer Pfanne werden „Spiegeleier“ gekocht. Marmorsteine stellen die Spiegeleier dar. Um die Bratpfanne herum sind Herdringe angebracht. So war es früher einmal. Der Herd als Zentrum des Hauses. Zwei weitere Stationen sollen über die Arbeit außerhalb des Hauses erzählen. Da ist einmal die Holzarbeit. Zu sehen ist eine Säge, ein „Zapin“ und ein „Lergatkibl“. Einige Stationen weiter wird das Thema „Wasserwosser“ dargestellt. Hauen, ein Wasserblech, Pickl und Schaufel hängen da, neben vielen Marmorsteinen. Die beiden Stationen dazwischen sind nicht leicht zu deuten. Franz sagt, eine Station stellt Mann und Frau dar, die andere die FranzPircherbeiden Marmordörfer Laas und Göflan. Ein Zahnrad verbindet sie, zwingt zur Zusammenarbeit, obwohl sie Rivalen sind. Denn beide Dörfer sind die Heimstätten des weißen Goldes, das tief im Berg lagert und wartet, bis es ans Tageslicht gebracht wird. Die letzte Station erzählt von den „Wunderweibern“.  Viele Gesichter schauen vom Küchenfenster auf die Gassen und beobachten das Treiben im Dorf. Es sind fröhliche und traurige Gesichter. Als nächste Station will Franz die „Schalusiegeister“ aufstellen. Das sind die neugierigen Blicke hinter den Jalousien, die alles verfolgen und ausspionieren, was sich im Dorf tut und wer mit wem was bespricht und verhandelt. Es ist noch Platz für weitere Stationen und ich bin sicher, dass dem Franz noch viel Originelles einfallen wird. Am Ende der Kunstgasse unter dem ersten Nussbaum steht der „Marmormuch“. Es ist eine Sage, die nur die alten Göflaner kennen. Der Marmormuch hat im Göflaner Berg gehaust, er soll sehr stark gewesen sein und sogar einen Bär getötet haben. Er frisst Marmorsteine und einige speit er wieder aus. Mit der Motorsäge hat Franz aus einem Baumstamm den Marmormuch  „geschnitzt“ und am Nussbaum hat er eine Gedenktafel aufgehängt, aus Göflaner Marmor.

 


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