Natur&Landschaft: Die Alpen: schön, anziehend, aber empfindlich - Szenarien für 2035 von Werner Bätzing bei Trendbrüchen

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Die Sextner-Dolomiten von der  Auronzo-Hütte aus. Die Sextner-Dolomiten von der Auronzo-Hütte aus.

Wolfgang Platter, am Tag der Hlg. Kosmas und Damian, 27. September 2024

Die letzten Hochwasserereignisse in Ostösterreich, Tschechien, Polen, der Slowakei und in Rumänien und wenige Tage nachher in Mittel- und Süditalien haben uns die Häufung von Extremwettereignissen im Klimawandel zum wiederholten Male vor Augen geführt. Und sie haben uns als Menschheit einen Spiegel vorgehalten. Seit der Industriellen Revolution mit der Erfindung und Nutzung von Verbrenner-Motoren bei Verwendung fossiler Energieträger heizen wir unsere Erde auf. Die Durchschnittstemperatur der Luft ist seither weltweit um 0,86° C gestiegen, in den Alpen ist der Anstieg mit 1,5° C doppelt so hoch. Bei der Weltklimakonferenz von Paris 2015 hat die internationale Staatenorganisation beschlossen, den Temperaturanstieg bis 2050 auf +1,5° C einzubremsen. Von diesem Limit haben wir schon 1,2° C verbraucht.
Unser Land Südtirol soll nach den Vorstellungen und Vorgaben unserer Landesregierung bis 2040 klimaneutral werden. Am 17. September d.J. hat das Forum zum Südtiroler Klimaplan als beratendes und partizipatives Gremium seine Vorschläge dazu vorgelegt.

Die Alpen -schön, begehrt und sensibel
Unsere Alpen sind schön, von Touristen begehrt und vielbesucht, aber auch empfindlich und gefährdet.
Einer der Experten, der sich seit Jahrzehnten mit der wissenschaftlichen Erforschung der Alpen befasst, ist Werner Bätzing. Bätzing ist Kulturgeograph und emeritierter Universitätsprofessor. Er hat zuerst an der Universität Bern und danach an jener von Erlangen Nürnberg gelehrt. Mit seinem 2015 in vierter und völlig überarbeiteter und erweiterter Auflage erschienenen Buch „Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ hat Bätzing ein wertvolles Standardwerk vorgelegt. In seinem Buch beschreibt Bätzing auch Szenarien für die Alpen im Jahr 2035. Der Autor skizziert dabei die Zukunft der Alpen in zwei möglichen Szenarien: das Szenario „Trend“ und das Szenario „Trendbrüche“. Das Szenario Trend geht davon aus, dass zukünftige Entwicklungen so weitergehen wie bisher und dass eben in absehbarer Zeit keine Trendbrüche eintreten. Die sogenannte „Szenarien-Technik“ ist eine wissenschaftliche Methode, die sich verschiedener „Schlüsselfaktoren“ oder Parameter bedient.

Trendbrüche
Im 20. und 21. Jahrhundert sind mit einschneidenden Ereignissen Trendbrüche eingetreten: Der Erste und Zweite Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, der Fall der Berliner Mauer im 20. Jahrhundert, Drei-Zinnendie Covid 19-Epidemie, die Kriege in der Ukraine und in Palästina, die Klimakrise, die Umweltkrise und die Wirtschaftskrise, fundamentalistisch begründete Terroranschläge im 21. Jahrhundert, um nur ein paar zu nennen.
In seinem oben erwähnten Buch hat Werner Bätzing 2015 Szenarien mit Trendbrüchen in den Bereichen Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft und Politik beschrieben. Bätzings Überlegungen haben uns auch als Alpenbewohner, neun Jahre nach ihrer Formulierung, noch Wichtiges zu sagen. Ich fasse sie nachstehend als Denkanstoß zusammen. Zugeben, es ist keine leichte Kost.

Szenario Wirtschaftskrise
Wird Europa von einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise globalen Ausmaßes betroffen, dann dürften die sehr großen Wirtschaftsbetriebe und -konzerne in Relation zur Gesamtwirtschaft weiterhin halbwegs gut dastehen, während viele kleine und mittlere Betriebe schließen müssten. Für die Alpen bedeutete dies, dass hier zahlreiche Betriebe in verstädterten Alpenregionen geschlossen würden und dass die Zahl der Auspendler aus den Alpen in die Metropolen zunehmen, aber dir touristische Nachfrage stark abnehmen würde. Dadurch würden die Alpen als Lebens- und Wirtschaftsraum stark geschwächt werden.

Szenario Energiekrise
Wir wollen und müssen weg von den fossilen Energieträgern. Wenn Energie aus regenerativen Quellen wie Sonne, Wind und Wasser unseren quantitativ immer noch steigenden Energiebedarf nicht wettmachen kann, dann werden Verkehr und Transport sehr teuer. Das heutige extrem arbeitsteilige Wirtschaften beruht auf niedrigen Transportkosten. Bei sehr hohen Transportkosten würden viele räumliche Arbeitsteilungen wieder reduziert werden. Für die Alpen bedeutet dies, dass viele ubiquitäre, d.h. situationsorientierte Arbeitsplätze wieder verschwinden würden und dass viele Pendler in die Nähe ihrer Arbeitsplätze ziehen und die Alpen verlassen würden. Zugleich würde der Druck von Seiten außeralpiner Energiekonzerne noch einmal steigen, in den Alpen regenerative Energien in Großstrukturen zu produzieren. Bei sehr hohen Transportkosten entsteht jedoch zugleich ein „Distanzschutz“, der es ermöglicht, regionale Ressourcen der Alpen wieder besser für den regionalen Markt zu nutzen, was zusätzlich Arbeitsplätze brächte. Trotzdem werden auch bei diesem Szenario die Alpen als Wirtschafts- und Lebensraum geschwächt werden.

Szenario Umweltkrise
Wenn die Erderwärmung bis 2035 sehr viel stärker ausfällt, als bisher vorhergesagt, und zugleich klimatische Extremereignisse ebenfalls sehr viel häufiger auftreten, dann werden die Alpen großflächig instabil: Die Gletscher schmelzen noch stärker und schneller und hinterlassen auf den Gletschervorfeldern zahlreiche Seen, die leicht ausbrechen können. Der Permafrost taut noch schneller und bis in noch größere Höhen auf. Große, abrutschgefährdete Schuttmassen sind die Folge. Die viel heftigeren und häufigeren Starkniederschläge verursachen dann so viele Muren- und Hochwasserereignisse, dass große Teile der Alpen nicht mehr bewohnbar sind. Die Verkehrsinfrastrukturen in den Haupttälern werden wegen ihrer europäischen Bedeutung nach solchen Ereignissen immer wieder repariert. Für zahlreiche lange und exponierte Bergstraßen könnte die Reparatur nicht mehr möglich sein, so dass zahlreiche periphere Siedlungen wegen der prekären Erreichbarkeit aufgegeben werden müssten.

Szenario Wasserkrise
Wenn der Klimawandel in Europa zu einer extremen Sommertrockenheit bei gleichbleibenden Niederschlägen im Winter führt, dann kann Wasserknappheit das Leben und Wirtschaften in Europa bedrohen. In solchen Situationen ist ein Druck der europäischen Staaten auf die Alpen vorstellbar, die Alpen zu einem riesengroßen Wasserspeicher – jedes Tal ein großer Stausee – umzubauen, um die sommerliche Wasserversorgung zu sichern und gleichzeitig einen Beitrag zu Energieversorgung zu leisten.

Szenario der inneren Sicherheit
Wenn Millionen von Flüchtlingen und Asylanten die „Festung Europa“ stürmen und bürgerkriegsähnliche Zustände drohen, dann könnte es aus Gründen der inneren Sicherheit sehr wichtig werden, diese Menschen irgendwo in Europa räumlich zu konzentrieren und zu bewachen. Italien hat in der Realisierung des Auffanglagers in Albanien schon damit begonnen. Bätzing: „In einer solchen Situation könnten die Alpen als einziges Asylantenlager genutzt werden: In den Tourismuszentren der Alpen können problemlos Millionen von Menschen untergebracht werden, und sie könnten aufgrund der Topographie auch sehr effizient bewacht und kontrolliert werden.“

Szenario Krise des Sozialstaates
Wenn sich die europäischen Staaten nicht bloß ein Stück, sondern vollständig vom Sozialstaat distanzieren, dann setzen sie alle sozialen Mittel nur noch dort ein, wo sie am effizientesten sind, nämlich in den dicht besiedelten Gebieten, und ziehen sie aus den dünn besiedelten Gebieten und Peripherien ab. Für die Alpen würde das bedeuten, dass die staatlichen Infrastrukturen aus den meisten Seitentälern der Alpen abgezogen würden, dass das Netz der „Zentralen Orte“ stark ausgedünnt würde und dass sich die Wildbach- und Lawinenverbauung so wie die Straßenverwaltung aus vielen Gebieten zurückziehen würde. Dann würden sich die Entsiedlungsgebiete der Alpen stark vergrößern.

Szenario Kapitalismuskrise
Wenn das gesamt heutige Wirtschaftssystem einschließlich der Banken, des Handels und des Internet zusammenbrechen und sich zu einer Selbstversorgerwirtschaft verwandeln würde, dann müsste die große Mehrheit der Alpenbewohner die Alpen verlassen: Auf dem Höhepunkt der landwirtschaftlichen Nutzung der Alpen im Jahre 1880 lebten maximal fünf Millionen Menschen von den endogenen Potentialen der Alpen. Da inzwischen zahlreiche Nutzflächen verbuscht und verwaldet sind, die kurzfristig nicht nutzbar sind, könnten heute bestenfalls 2,5 Millionen Menschen davon leben, so dass bei diesem Szenario 12,5 Millionen Menschen die Alpen verlassen müssten.

Wahrscheinlichkeit
Werner Bätzing schreibt in seinem Buch selbst, dass alle diese Szenarien, die an den unterschiedlichsten Krisenphänomenen unserer Gegenwart ansetzen, sich negativ auf die Alpen auswirken. Ein positives Szenario, das direkt an aktuellen europäischen Entwicklungen ansetzt, sei dagegen nicht leicht vorstellbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass die skizzierten Trendbrüche (in vollem Ausmaß und voller Heftigkeit) eintreten werden, sei in den meisten Fällen nicht hoch. Aber, so Bätzing, es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich mehrere dieser Krisenphänomene zeitgleich ein Stück weit in die Richtung Trendbruch entwickeln und dass sich dann ihre jeweils negativen Auswirkungen miteinander vernetzen und dadurch schnell gegenseitig verstärken.

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