„I hon Enrico Corradore ghoaßn“

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Heinrich Renner, genannt „Plazi Heini“ Jg. 1934, Lichtenberg.  Er liest viel und alles ohne Brille. Er hat 20 Enkel- und 11 Urenkelkinder. „I woaß oft nimmer, wia sie olle hoaßn“, scherzt er. Heinrich Renner, genannt „Plazi Heini“ Jg. 1934, Lichtenberg. Er liest viel und alles ohne Brille. Er hat 20 Enkel- und 11 Urenkelkinder. „I woaß oft nimmer, wia sie olle hoaßn“, scherzt er.

Heinrich Renner, genannt „Plazi Heini“, ist der Dorfälteste von Lichtenberg. Er wuchs dort im elterlichen Hof mit fünf Geschwistern auf. Als rühriger Bauer gestaltete er die Geschicke im Dorf aktiv mit. Er war Theaterspieler und jahrzehntelang Chorsänger.

von Magdalena Dietl Sapelza

Seinen 18-monatigen Militärdienst anfangs der 1950er Jahre verlängerte Heini um zwei Wochen. Auf Wunsch seines Vorgesetzten half er als Dolmetscher mit, die neuen Rekruten aus den Tälern Südtirols in Empfang zu nehmen, die alle kaum italienisch sprachen. Heini hatte Italienisch in der faschistischen Schule gelernt.
„I hon Enrico Corradore ghoaßn“, erinnert er sich. Seine Lehrerin aus Süditalien hatte vor allem bei den älteren Schülern einen schweren Stand. Denn ihnen wurde daheim vermittelt, die Sprache der Besatzer zu boykottieren. „Di Leahrerin hot oft hintr dr Tofl greart“, sagt er. Er selbst habe sie recht gerngehabt. Deutschunterricht erhielt er zusammen mit anderen Kindern heimlich in wechselnden Verstecken. In Lichtenberg waren ein Dutzend italienische Soldaten stationiert, darunter ein hochrangiger Offizier mit seiner Frau und der kleinen Tochter. Die Kleine freundete sich mit den Lichtenberger Kindern an, und deren Vater sorgte daraufhin dafür, dass die Lichtenberger Bevölkerung gut behandelt wurde. Nach dem Einmarsch der Hitler Truppen landeten die italienischen Soldaten als Gefangene hinter den Mauern von Schloss Lichtenberg. Die Bevölkerung versorgte sie täglich durch eine Fensterluke mit Essen. Nachdem ihnen eines nachts der Ausbruch gelungen war, übergab Heini die Suppe an einen ausgehungerten deutschen Wachsoldaten. „I hon nou nia an Mensch sou essn gsechn“, meint er. Die Deutschen verschwanden, und die Amerikaner rollten mit Panzern an. Heini begegnete erstmals einem Schwarzen, der ihm eine Schokolade anbot. Nur zögerlich nahm er die Süßigkeit an und war erstaunt, wie gut sie schmeckte. Als ein Lastwagen der Amerikaner in der Häuserenge am Dorfeingang stecken geblieben war, staunte er über die Menge an darin gestapelten Lebensmitteln und Kleidern. „Noch zwoa Tog isch nichts mehr ummer gwesen“, lacht er. Drei Wochen waren anschließend nötig, um das Gefährt zu zerlegen und die Straße freizubekommen. Noch heute seien eiserne Bestandteile im Dorf zu finden und die amerikanischen Socken seien unverwüstlich gewesen. Heini träumte davon Lehrer zu werden. Doch nachdem sein älterer Bruder den Tischlerberuf ergriffen hatte, wurde er der Hoferbe. Ein Jahr lang fuhr er mit dem Fahrrad zur Landwirtschaftsschule nach Moles bei Mals.
Seine Militärausbildung absolvierte Heini in Verona und war dann in mehreren Kasernen Südtirols stationiert. Er versah seinen Dienst vorbildlich und durfte an einer Reise nach Rom teilnehmen. Beeindruckt war er vom Vatikan und von der Audienz beim Papst. Er wunderte sich über die vielen Springbrunnen in der Stadt, aber auch über den Müllhaufen im Kolosseum. Als er wieder daheim war, hieß es in der Landwirtschaft anpacken. Ausgleich bot ihm das Theaterspielen und das Chorsingen. „60 Johr bin i afn Kirchnchor gwesen“, betont er. Dort freundete er sich mit der zwölf Jahre jüngeren Aloisia Gander an. Im Mai 1965 heiratete er sie in der Kirche von Trens. Eigentlich hatte er geplant, mit seiner Loisa die Hochzeitsreise zur Tante nach Reutlingen anzutreten, doch daraus wurde nichts. „Du konnsch schun geahn, obr di Kiah nimmsch mit, hot dr Votr gsog“, schmunzelt er. Mit Loisa kam eine tüchtige Bäuerin auf den Hof. Neben Heinis Eltern lebte dort auch sein Onkel. Loisa schenkte ihrem Heini sechs Kinder. Froh war sie über die Hilfe ihrer Schwiegermutter, die es ihr möglich machte, ihren Mann bei der Feldarbeit zu unterstützen. Dort kamen jahrelang zwei Haflinger zum Einsatz, bis Heini Ende der 1960er Jahre einen Traktor kaufte. Es war einer der ersten im Dorf. „Der Porsche Traktor war haint a morts Gelt wert“, meint er. Heini war ein tüchtiger Bauer und auch ein rühriger Mitgestalter des Dorflebens, vor allem in den Bereichen der Landwirtschaft. Die Jahre vergingen und schließlich übergab Heini den Hof an seinen Sohn Karl, dem er jedoch weiterhin zur Seite stand. Glück hatte er, als er dank schneller ärztlicher Hilfe den Biss einer Giftschlange überlebte. Und dankbar ist er, dass er vor einem Jahrzehnt den Darmtumor besiegen konnte. Heinis großes Interesse gilt seit jeher den Himmelskörpern. „Weil i wissen will, wia di Welt geaht“, erklärt er. Heute hat er viel Zeit sich damit zu beschäftigen. Täglich verfolgt er den Sonnenauf- und Untergang anhand der Aufzeichnungen im Kalenderblatt. „I bin froah, dass i nou denkn unt olla Tog aufsteahn konn“, betont er.

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