Eine neue Weltordnung
Bei den 30. Marienberger Klausurgesprächen ging es wieder um die Zukunft, eine neue Weltordnung, Künstliche Intelligenz, Strukturwandel der Weltwirtschaft und Megatrends
Zu einer Jubiläumstagung trafen sich bei den 30. Marienberger Klausurgesprächen vom 16. bis 18. April Personen aus der Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft im Kloster Marienberg. Günther Andergassen, der Präsident, konnte viele Teilnemer:innen zum Thema: „Wie weiter? Zukunft denken – Verantwortung übernehmen!“ begrüßen. Moderiert wurde die Tagung von Anita Rossi.
Leben unter veränderten Bedingungen
„Leben unter veränderten Bedingungen“, so lautete der Titel der ersten Marienberger Klausurgespräche im Jahre 1997. Der Titel ist auch heute noch aktuell, genauso wie die einleitenden Worte von Bruno Trauner, dem damalige Abt des Klosters, veröffentlicht in einem Begleitbuch zu den ersten Klausurgesprächen: „Wohl noch nie war die Zukunft so sehr brisante Gegenwart wie heute. Die letzten beiden Jahrhunderte haben einer gigantischen Industrialisierung und mit ihr einer tiefgreifenden Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens den Weg geebnet. Ihre herausragenden Merkmale sind der Triumph des naturwissenschaftlichen Denkens und eine weitreichende Entbindung des Individuums von tradierten Rollenmustern. Mitte und Maß, vor allem die systemstabilisierenden Faktoren Nachhaltigkeit und Solidarität wurden hingegen kaum eingeübt, ja, sie gingen in vielen Bereichen sogar verloren. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend ist es daher angezeigt, in Politik, Wissenschaft, Kultur und Religion Bilanz zu ziehen.“ Bei den Klausurgesprächen wurde nicht nur Bilanz gezogen, sondern es wurde die Gegenwart analysiert und in leichter Abwandlung von Kants Grundfragen zur Aufklärung vor allem darüber nachgedacht: Was können wir voraussehen? Was müssen wir fürchten? Was dürfen wir hoffen? Philipp Kuschmann, der Abt von Kloster Marienberg, hielt in seiner Begrüßungsansprache ein Plädoyer für eine Kultur des Zuhörens. Wir dürfen nicht vorschnell urteilen, sondern müssen das Gehörte aushalten und auch andere Meinungen anhören und Verantwortung für die Gegenwart übernehmen, so der Abt. Günther Andergassen erinnerte an drei Persönlichkeiten, welche die Marienberger Klausurgespräche initiiert und geprägt haben: Abt Bruno Trauner, Bischof Karl Golser und Landesrat Otto Saurer. Es geht heute darum Mut zu fassen und die Zukunft anzudenken. Dabei zitierte er den französischen Schriftsteller Victor Hugo, der meinte: Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Tapferen ist sie die Chance. Die Tagung wurde eröffnet von der Südtiroler Poetry-Slammerin Lene Morgenstern, die eine Litanei zur Frage „Wessen Zu-ku-nft und wie viele“ und anschließend ein A-B-C der Chancengleichheit und der Gleichberechtigung vortrug. Die Philosophin und Theologin Claudia Paganini sprach zum Thema: Zwischen Hoffnung und Sorge: Wie wir eine Zukunft mit KI gestalten können“. Tina Teucher, Moderatorin, Autorin und leitende Redakteurin vom Magazin „Forum Nachhaltig Wirtschaften“ sprach über „Megatrends und Nachhaltigkeit in der Krise“. Dabei zeigte sie auf, dass jene Unternehmen sich zukunftsfähiger aufstellen, wenn sie sich mit ihrem Kerngeschäft, aber auch mit Klimaschutz, Kultur, Kreislaufwirtschaft und Kooperation auseinandersetzen.
Der Epochenbruch – auf dem Weg in eine neue Weltordnung
Julian Nida-Rümelin, der ehemalige Kulturstaatsminister, emeritierter Professor für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sprach zum Thema: „Der Epochenbruch – auf dem Weg in eine neue Weltordnung“. Nida-Rümelin blickte zuerst in die Vergangenheit, zeigte gesellschaftspolitische Entwicklungen, Zeitenwenden und Epochenbrüche auf und wagte auch einen Blick in die Zukunft. Die bisherige Weltordnung ist in Auflösung begriffen, wir erleben einen Epochenbruch, wie es ihn in der Geschichte schon öfters gegeben hat, meinte Nida-Rümelin. Er nannte das Toleranzedikt des Galerius aus dem Jahr 311 n. Chr. und das Edikt von Mailander von 313 n. Chr., wodurch das Christentum im Römischen Reich erstmals offiziell erlaubt wurde. 380 n. Chr. unter Kaiser Theodosius I. wurde das Christentum zur Staatsreligion. 1453 war nach dem Fall Konstantinopels das Ende des Oströmischen Reiches, 1648 endete mit dem Westfälischen Frieden der 30-jährige Krieg. 1776 gab es den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und 1789 die Französische Revolution. Ein weiterer Epochenbruch war 1806 mit dem Ende des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Insgesamt vier Epochenbrüche gab es nach Nida-Rümelin im 20. Jahrhundert: Der Erste Weltkrieg 1914-1918, der Zweite Weltkrieg 1939-1945, die Kubakrise 1962 und 1989 der Zusammenbruch der Sowjetunion und der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa. Durch diese Umbrüche brach auch ein altes System zusammen und eine neue Ordnung entstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg kristallisierte sich eine bipolare Weltordnung, abgesichert von den USA und der UdSSR und mit dem Völkerrecht und den Menschenrechten als Grundlage, heraus. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach diese bipolare Ordnung zusammen. Die USA blieb als einzige Weltmacht übrig und entwickelte sich zur Supermacht in wirtschaftlicher, technologischer und militärischer Hinsicht. In der Zwischenzeit ist China zu einer wirtschaftlichen und technologischen Großmacht aufgestiegen, aber genauso auch Indien. Rußland ist geschwächt, aber nach wie vor ein großes Land mit vielen Bodenschätzen. Europa hat seine führende Rolle in der Welt verloren, ist aber immer noch eine große Wirtschaftsmacht. Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), die sich wirtschaftlich und politisch als Gegenpol zur westlich geprägten Weltordnung positionieren, sind eine größere Wirtschaftskraft als die G-7 Staaten (USA, Kanada, England, Deutschland, Frankreich, Italien und Japan). Deshalb glaubt der Philosoph Julian Nida-Rümelin, dass die zukünftige Weltordnung nicht von einem Staat, sondern von mehreren Staaten geprägt wird. Er spricht von einem pentagonalen Modell der fünf Großmächte: USA, China, Russland, Europa und Indien.
Strukturwandel der Weltwirtschaft – zwischen Ordnung und Zerfall
Werner Plumpe, der Wirtschaftshistoriker und ehemalige Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, referierte zum Thema „Strukturwandel der Weltwirtschaft zwischen Ordnung und Zerfall – ein Blick zurück und ein Blick in die Zukunft.“ Der Wirtschaftshistoriker sprach vor allem über die wirtschaftliche Entwicklung, wirtschaftliche Großmächte und die zukünftige Weltwirtschaftsordnung. Seiner Auffassung nach gab es immer Wirtschaftskrisen, Weltherrschaftsansprüche und wirtschaftliche Großmächte, die von anderen Großmächten abgelöst wurden. Das Versprechen der alten Weltwirtschaftsordnung, dass durch die Globalisierung ein globaler Wohlstand entstehen würde, wurde nicht eingelöst. Die USA haben durch die „America First“ Politik und die unberechenbare Zollpolitik von Trump neue Wege eingeschlagen. China ist dabei zur neuen Wirtschaftsmacht aufzusteigen. Im 16. Jahrhundert waren Spanien und Portugal die bedeutendsten Wirtschaftsmächte, später die Holländer und dann Großbritannien. Durch die Industrialisierung, durch neue Erfindungen, wurde Großbritannien zur Weltmacht und setzte die neue Weltwirtschaftsordnung durch. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Pax Britannica die von allen Staaten respektierte Weltwirtschaftsordnung. Es ist die Phase relativer globaler Stabilität unter britischer Hegemonie zwischen 1815 und 1914. England kontrollierte die wichtigen Seehandelsrouten und übernahm die Rolle als Weltpolizei. Die Industrialisierung Deutschlands, des Kaiserreichs Japan und der Vereinigten Staaten trug zum Niedergang der industriellen Vormachtstellung Großbritanniens im späten 19. Jahrhundert bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die USA die Rolle des Weltpolizisten. Es kam die Zeit der Pax Americana. Die USA garantierte eine neue Weltordnung mit Freihandel. Seit dem Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht und durch die unsichere Politik von Trump ist die Weltwirtschaftsordnung unklar. Heute werden viele Waren, Maschinen und Arzneimittel in Indien und China produziert. Es ist eine Illusion, dass Europa dies alles selber zu günstigen Preisen produzieren könnte. Die Energiefrage, die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sind Schlüsselkompetenzen. Europa muss seine eigenen Stärken finden. Der Aufstieg Chinas ist unaufhaltsam. Zum Schluss seiner Ausführungen meinte Plumpe: Wir müssen davon ausgehen, dass es auch in Zukunft zu Konflikten und Eskalationen kommen wird. Was es braucht sind Konfliktregelungen. An ein pentagonales Weltmodell, das globale Konflikte lösen kann, glaubt Plumpe nicht.