Die Trockenrasen am Vinschgauer Sonnenberg - Hotspots der Biodiversität
Trockenrasen bei Laas. Frühjahrsaspekt mit Zierlichem Federgras (Stipa eriocaulis); Fotos: Thomas, Wilhalm Naturmuseum Südtirol
Dass die Vinschgauer Leitensteppe mit ihren verschiedenen Standortfaktoren und Lebensräumen ein ökologisches Kleinod ist, war schon spätestens bekannt, seit dem die botanischen und vegetationskundlichen Aspekte in den Dissertationen von Alfred Strimmer, Florin Florineth und Christian Köllemann beschrieben worden sind.
Bisher war man in der Lehrbuchmeinung davon ausgegangen, dass die trockenresistenten Pflanzenarten, in der Fachsprache „xerophile Steppenelemente“, erst gegen Ende oder nach der letzten Eiszeit aus den innerasiatischen Steppen über den so genannten „Kältesteppen-Korridor“ nach Westen gewandert, in die Alpen eingezogen und hier in den inneralpinen Trockengebieten und deren aridem Klima hängengeblieben waren. Der Vinschgau und etwa das Wallis, aber auch Teile Aostas sind solche inneralpinen Trockengebiete. Diese Lehrmeinung vertritt auch die Ansicht, dass sich diese postglazialen Einwanderer dann sekundär weiter auf größere Flächen in ihrer neuen Heimat verbreitet haben, weil Jahrtausende lang sowohl die Niederschlagsarmut als auch die extensive Beweidung durch Nutztiere wie Schafe anhalten. Und die Lehrmeinung vertrat bisher die Meinung, dass sich die inneralpinen Sippen von Pflanzenarten von den Ausgangssippen in den Steppen des Ostens nicht unterscheiden würden.
Neue phylogenetische Studien
Die neuesten phylogenetischen Studien von Philipp Kirschner und Peter Schönswetter und ihrem Team an der Universität Innsbruck zeigen jetzt eindeutig, dass manche Pflanzenarten schon vor rund einer Million Jahren und damit vor mehreren der letzten Eiszeiten in die Alpen eingewandert sind. Die letzte von vier Eiszeiten in den Alpen begann vor 120.000 Jahren und ebbte vor 15.000 bis 12.000 Jahren ab. Durch die sehr viel frühere Einwanderung haben sich diese Pflanzenarten genetisch und teils auch morphologisch weit von ihren Ausgangspopulationen in den innerasiatischen Steppen entfernt. So weit, dass sie teilweise als eigenständige Arten zu sehen sind. Entsprechende Neubeschreibungen laufen laut Thomas Wilhalm, dem Kustos für Botanik am Südtiroler Naturmuseum in Bozen derzeit, z.B. wird unser Esparsetten-Tragant (Astragalus onobrychis) zu einer neuen Art. Thomas Wilhalm hat mir für diesen Zeitungsbeitrag wissenschaftliche Informationen und Fotos aus dem Südtiroler Naturmuseum, von sich und Joachim Winkler zur Verfügung gestellt, wofür ich herzlich danke.
Arbeitsgruppe Trockenrasen
Weil die Trockenrasen im Vinschgau und andernorts in Südtirol ökologisch wertvoll und erhaltenswert sind, hat sich eine Arbeitsgruppe als offene Plattform gebildet, die von Südtiroler Institutionen und Verbänden aus den Bereichen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Forschung und Naturschutz getragen wird. Diese Plattform richtet sich an Grundbesitzer*innen, Bauern und Bäuerinnen, Forstbedienstete, Naturinteressierte, Forschende, Beamte und an die Öffentlichkeit. Folgende Ämter, öffentliche Institutionen, Forschungseinrichtungen und Verbände arbeiten in der Arbeitsgruppe „Trockenrasen“ mit: das Landesamt für Natur in der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung, die Landesabteilung Forstwirtschaft, das Institut für Alpine Umwelt und das Institut für Regionalentwicklung von eurac research, die Freie Universität Bozen und die Umweltschutzgruppe Vinschgau. Ein übergeordnetes Ziel dieser Arbeitsgruppe ist der langfristige Erhalt der Trockenrasen im Vinschgau und in Südtirol in einem guten Erhaltungszustand. Um dieses Ziel zu erreichen, werden folgende Aktivitäten durchgeführt:
• Der Ist-Zustand wird dokumentiert. Diese Dokumentation betrifft einmal die räumliche Verteilung der Trockenrasen und dann ihre botanische Artenausstattung. Dazu werden in einem ersten Schritt die zahlreichen bereits vorhandenen Daten in einer Datenbank zusammengetragen.
• Existierende Monitorings zu den Trockenrasen sollen weitergeführt und gegebenenfalls intensiviert werden, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
• Für die Biodiversität besonders wertvolle Bereiche sollen als „Hotspots“ benannt und kartiert werden.
• Die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen, welche für eine zukünftige Nutzung der Trockenrasen infrage kommen, sollen ausgelotet werden.
• Masterpläne sollen erarbeitet werden, welche es der Politik und Gesellschaft ermöglichen Schwerpunkte (z.B. Weidepläne) beim Schutz und Management der Trockenrasen zu setzen.
Was sind Trockenrasen?
Trockenrasen sind offene, von Trockenheit geprägte Grasländer unterhalb der potenziellen Waldgrenze. Primäre Trockenrasen sind Rasen die aufgrund der besonderen Lage und Bodenbedingungen kein Gehölzwachstum zulassen. Sekundäre Trockenrasen kommen hingegen an Flächen vor, die von Natur aus Waldwachstum zulassen würden und daher durch Beweidung oder Mahd offengehalten werden müssen. Die Begriffe Steppe und Steppenrasen sind aus wissenschaftlicher Sicht dem geschlossenen Steppengürtel Osteuropas und Zentralasiens vorbehalten. Sie sollten in Texten über den botanischen Charakter der Graslandschaft am Vinschgauer Sonnenberg durch Trockenrasen ersetzt werden.
Drei Mal Tragant aus der Familie der Schmetterlingsblütler: Stängelloser Tragant (Astragalus excapus)
Esparsetten-Tragant (Astragalus onobrychis); Foto: Joachim Winkler
Blasen-Tragant (Astragalus vescicarius subspec. pastellianus)
Drei Mal Süß- und Sauergräser: Pfriemengras (Stipa capillata)
Bartgras (Botriochloa ischaemum)
Kleine Segge (Carex supina), ein Sauergras
Steppen-Wolfsmilch (Euphorbia segueriana)
Schweizer Meerträublein (Ephedra helvetica), männliche Blüten
Der Sand-Blauwürger (Phelibanche arenaria) schmarotzt auf Föhrenwurzeln
- Drei Mal Tragant aus der Familie der Schmetterlingsblütler: Stängelloser Tragant (Astragalus excapus)
- Esparsetten-Tragant (Astragalus onobrychis); Foto: Joachim Winkler
- Blasen-Tragant (Astragalus vescicarius subspec. pastellianus)
- Drei Mal Süß- und Sauergräser: Pfriemengras (Stipa capillata)
- Bartgras (Botriochloa ischaemum)
- Kleine Segge (Carex supina), ein Sauergras
- Steppen-Wolfsmilch (Euphorbia segueriana)
- Schweizer Meerträublein (Ephedra helvetica), männliche Blüten
- Der Sand-Blauwürger (Phelibanche arenaria) schmarotzt auf Föhrenwurzeln