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„Wenn i Stress hon, gea i zu meine Vögelen“

  • Vorspann: Ida Lanbacher aus Kastelbell wirkte als engagierte Präsidentin der Plattform für Alleinerziehende. Sie war im Beirat für Chancengleichheit und im Dachverband für Soziales und Gesundheit tätig. Sie verteilte „Essen auf Rädern“, ist in der Vinzenz-Gemeinschaft aktiv und treibende Kraft in der Theatergruppe Kastelbell/Tschars. Sie ist Mitglied im Tierschutz- und im Vogelzuchtverein. Denn ihr Hobby sind rund 150 Wellensittiche. Sie zählt zu den bekanntesten Züchterinnen des Landes.
  • Dachzeile: Portrait
  • Redakteur: Magdalena Dietl Sapelza
  • Redakteur Bild:

Die Nymphensittiche sind Idas Lieblinge. Doch auch alle anderen Sittiche sind ihr ans Herz gewachsen. Angefangen hatte alles 2008 als ihr Enkel zwei Wellensittiche geschenkt bekam. Idas Partner Michele war von denen so angetan, dass er sich auch zwei kaufte. Kurz darauf übernahm Ida die Wellensittiche des Enkels. Dann kamen noch zwei von einem Nachbarn dazu. „Nor isch di Sucht ausbrochn“, lacht sie.
Ida wuchs auf einem Hof in Galsaun mit drei älteren Brüdern auf. Als 15-Jährige schickte sie die Mutter in eine Haushaltsschule zu Klosterfrauen nach Turin. Ihr Vater erkrankte, und sie kehrte zurück. Seinen Tod kurz darauf beschreibt sie als einschneidendes Ereignis. „In Turin hat i schun a Stell kopp, obr i hon di Mama nit alloan lossn gwellt“, sagt sie. Später begann sie als Bedienung am Ritten. Damit sie die Fahrschule machen konnte, wechselte sie ins Überetsch. Sie nutzte jede Gelegenheit zum Tanzen. „I tonz für mein Leben gearn“, betont sie. Als sie vor der Anschlagtafel in Latsch Ausschau nach einer Tanzgelegenheit hielt, traf sie auf ihren ersten Ehemann. Er lud sie zum Ball ein. Es entwickelte sich eine Beziehung und Ida wurde schwanger. Das Paar heiratete 1973. „A ledigs Kind war selm a Schond gwesn“, sagt sie. Ida wurde Mutter einer Tochter. Die Familie lebte zuerst in Schlanders und zog dann in Idas Elternhaus zu ihrem erkrankten Bruder. Die zweite Tochter kam 1976 zur Welt. Dann scheiterte die Ehe und Ida stand mit den Mädchen allein da. „I hon selm koa Kronkenversicherung mea kopp, wos i heint nou nit verstea“, sagt sie. Ihre Rettung war die Bauernkrankenkasse. Ida schlug sich als Vertreterin von AMC-Geschirr durch. 1985 begann sie mit dem Theaterspielen. Ida lebte sparsam und wagte den Bau ihres Reihenhauses. Finanzielle Sicherheit gab ihr schließlich die Anstellung als Kindergartenköchin zuerst in Kastelbell und dann in Tschars, wo sie bis zu ihrer Pensionierung 2020 tätig war.
Idas Einsatz galt stets dem Kampf um soziale Gerechtigkeit. Sie war als Präsidentin der Plattform für Alleinerziehende 20 Jahre lang treibende Kraft. Als ihre größte Errungenschaft wertet sie die Einrichtung der Landes-Unterhalts-Vorschussstelle 2003. 20 Jahre lang wirkte sie im Beirat für Chancengleichheit. Sie verteilte „Essen auf Rädern“, war aktiv im Dachverband für Soziales und ist im Vinzenzverein tätig. 30 Jahre lang war sie Kassiererin der Theaterbühne Kastelbell/Tschars. Heute ist sie deren Obfrau. Sie ist Mitglied im Vogelzuchtverein und im Tierschutzverein Vinschgau.
Ida knüpfte Netzwerke, so auch das europäische Netzwerk für Alleinerziehende „ENoS“, wo sie immer noch tätig ist. Auf der Heimfahrt von Sitzungen in Bozen machte sie öfters Halt im Tanzstadel „Nörder“. 1999 traf sie dort den Bauarbeiter Michele Lorusso (Jg 1949), der genauso gerne tanzte wie sie. Er wurde später ihr Ehemann. Beide teilten die Liebe zu den Wellensittichen. Sie bestückten Ausstellungen und erhielten viele Auszeichnungen. Eine schwere Zeit brach an, als Michele im November 2025 erkrankte und sechs Monate später starb. Ida bemüht sich nun den Verlust zu bewältigen. Ihr Hund Fido, ihre zwei Katzen und die Wellensittiche helfen ihr dabei. Wenn diese beim Käfigputzen im Freiflug um sie herumflattern und sich auf ihre Hand setzen, vergisst sie allen Schmerz. Dass die Sittiche gerne in ihre Käfige zurückfliegen, zeigt, dass sie sich dort geborgen fühlen. Die Größe der Käfige ist der Vogelart und der Zahl der Tiere angepasst. Ida sorgt für größte Sauberkeit. Regelmäßig kontrolliert sie die Brutnester. Oft päppelt sie Küken auf. Tierärzte hatten bisher nichts zu beanstanden. „Wenn i Stress hon, gea i zu meine Vögelen“, betont Ida. „Selm kimm i zur Rua, a wenn’s laut isch.“ Mittlerweile denkt sie darüber nach mit dem Nachzüchten aufzuhören und den Vogelbestand langsam abzubauen. Von ihren Nymphensittichen will sie sich erst zuletzt trennen.

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Rote Rosen auf der Hauswand

  • Dachzeile: Kultur
  • Redakteur: Peter Tscholl
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: Das Sgraffito mit den roten Rosen
  • Weitere Fotos - 2: Portrait von Anna Gasser geb. Theiner

Geht man vom Hauptplatz in Mals der St. Benedikt Straße entlang Richtung Schleis, kommt man am Haus Gasser vorbei. Auf der Seite des Hauses, an der die Puni vorbeifließt, kann man auf der Hauswand zwei Sgraffiti erkennen: eine Muttergottes mit Kind und ein Sgraffito, das Rosen darstellt. Es sind zwei Arbeiten von Hans Ebensperger. Als einer der frühen Wegbereiter der Abstraktion in Südtirol gehört Ebensperger zu den Großen in der Südtiroler Moderne. Er ist einer jener Vinschger Künstler, die nicht nur durch ihr Werk, sondern auch durch ihre Persönlichkeit, wegen ihrer menschlichen Art besonders geschätzt und in Erinnerung bleiben. Was Ebenspergers Werk anlangt, ist wahrscheinlich alles schon gesagt worden. In diesem Beitrag geht es nicht um das Werk Hans Ebenspergers, sondern vor allem um den Mensch Ebensperger.

Leben und Werdegang

Geboren wurde Hans Ebensperger am 31. Oktober 1929 in Prad am Stilfserjoch. Hans war einziger Sohn der Rosa Ebensperger und eines griechischen Kaufmannes, den die Mutter in einem Schweizer Sanatorium kennengelernt hat, wo sie den lungenkranken Mann als Pflegerin betreute. Die frühe Kindheit verlebte Hans bei seiner Großmutter in Prad. Seine Mutter kam nur selten zu Besuch. „Alljährlich kam die Mutter aus der Schweiz, um bei uns nach Monaten harter Arbeit ein wenig Rast zu finden. Alle guten und schönen Sachen, die sie mir immer mitbrachte, verbreiteten einen lichten Schein um sie – und doch machte mich nichts glücklicher als die lautere Liebe dieser mir damals noch fremden Frau”, schreibt Hans Ebensperger in seinen Kindheitserinnerungen. Als neunjähriger ging Hans mit seiner Mutter nach Sargans in die Schweiz, wo er die Grundschule besuchte. Hier begann er zu malen und zu zeichnen. Da Mutter und Sohn in der Schweiz aber keine Aufenthaltsgenehmigung erhielten, übersiedelten die beiden in der Kriegszeit nach Innsbruck. Von Innsbruck führte ihn sein Weg nach Wien. Von 1948 bis 1952 studierte Ebensperger dort an der Akademie der bildenden Künste. Nach Abschluss der Akademiestudien kehrte er nach Südtirol zurück und mietete sich zunächst in Meran in Schloss Rubein ein Atelier. In der Schlosskapelle von Rubein heiratete er Siegfriede Coufal, eine Studienkollegin aus der Zeit der Wiener Akademie. Der Ehe entstammten zwei Töchter, Christine und Reinhild. 1959 zog Hans Ebensperger mit seiner Familie in den Vinschgau. In den folgenden Jahren arbeitete er am Umbau verschiedener Gaststätten und Hotels mit. Unter anderem gestaltete er die Kellerbar des “Seehotels” in Reschen oder dekorierte in Sgraffitotechnik den Speisesaal im Hotel “Goldene Rose” in Schlanders. In Marling erhielt Ebensperger den Auftrag, Sgraffitoarbeiten im Hotel Oberwirt und eine größere Wandgestaltung im Hotel Nörder auszuführen. Von der Pfarrei Prad erhielt Ebensperger 1964 den Auftrag, ein Fresko in der Pfarrkirche seines Heimatortes zu gestalten. Ebensperger nahm aber auch Fresko- und Sgraffitoaufträge von Privaten an. So zum Beispiel erhielt er anfangs der 60er Jahre von Anna Gasser in Mals den Auftrag, eine Muttergottes mit Kind auf die Hauswand zu gestalten.

Anna Gasser geb. Theiner (Jahrgang 1930) erzählt:

“Ja, ich habe Hans Ebensperger den Auftrag gegeben, eine Muttergottes auf die Hausmauer zu machen. Gewohnt hat er mit seiner Frau und den beiden Kindern bei meiner Schwester Gertraud, bei der Familie Blaas. Meine andere Schwester, die Luise, hat auf seine Kinder geschaut. Bei mir kam er öfters vorbei. Ich habe mich immer gefreut, wenn er vorbei kam. Dann konnte ich ihm Fragen stellen. Ich hatte ja keine Ahnung von der Kunst, interessiert hat mich das schon. Ich habe den Ebensperger als Künstler geschätzt. Der Ebensperger und ich, wir hatten ein gutes Verhältnis miteinander. Wir hatten eine gute Freundschaft, das kann man sagen. Wir haben uns – nicht verliebt – aber gemocht. Der Ebensperger war ein intelligenter, feiner und guter Mensch, auch hilfsbereitschaft, das kann man auch sagen. Oft aber war er bocknarrisch. So soll er zum Haidersee hinauf gefahren und ins eiskalte Wasser hineingetaucht sein. Oder er ist auf den Berg hinauf und hat dort ganz gefährliche Touren unternommen. Oder er hat mit seinem rotem Sportwagen (Alfa Romeo Spider) Ausflüge gemacht. Einmal ist er mit mir in 75 Minuten nach Bozen gefahren. Geld hatte der Ebensperger allerdings nie. Um zu Geld zu kommen, musste er immer alles verkaufen. Auch ich habe zwei Bilder von ihm gekauft. Er kam zu mir und sagte, er habe ein schönes Bild, das einen Wert bekommen würde, ich sollte es nehmen. Ich habe es genommen, weil ich eine Freude damit hatte, und habe ihm natürlich gut bezahlt. Um zu Geld zu kommen hat der Ebensperger auch mit Antiquitäten gehandelt. Ich habe zwei alte Möbelstücke von ihm gekauft. Der Ebensperger hat mir öfters auch erzählt von seinen Freunden im Unterland, bei denen er öfters war: beim ‘Teppich Eccel’ in Bozen oder beim Nicolussi-Leck in Frangart. Die waren wohlhabend und haben ihm auch immer gut bezahlt. Doch das ganze Geld hat der Ebensperger dann bald einmal wieder ausgegeben, für Frauen, für Autos, für alle möglichen Blödsinne.”

Ich frage Anna: “Familienmensch war er keiner?” Ihre Antwort: “Nein, Familienmensch war er keiner. Ich glaube, wenn er keine Familie gehabt hätte, wäre es besser gewesen. Wenn man Familie hat, kann man das nicht machen, was er gemacht hat. Gelebt hat der Ebensperger für die Kunst und für seine Blödsinne.” Ich sage: “Hans Ebensperger hat seine Eltern nie richtig kennen gelernt.” Anna: “Er hatte mit seinen Eltern wahrscheinlich keine große Freude. Von seiner Oma hat er öfters erzählt. Von seinen Eltern weiß ich eigentlich gar nichts. Von ihnen hat er nie etwas erzählt.” Ich frage Anna: “Kann es sein, dass Hans von seinen Eltern zu wenig Liebe bekommen, und deshalb zeitlebens nach Liebe gesucht hat?” Anna antwortet: “ Kann sein. Aber ich möchte das nicht behaupten. Was er gesucht hat, waren meiner Meinung nach Freundschaften, ehrliche, vertrauensvolle Freundschaften. Ich war ja niemand, kein Künstler oder so, und doch haben wir uns gut verstanden.” Auf die Frage, ob Hans Ebensperger ein glücklicher Mensch gewesen sei, antwortet sie: “Hineinschauen hat man nicht gekonnt. Aber mir kam schon vor, dass er glücklich war. Wenn er durchs Dorf ging, hat er jeden gegrüßt und jeder grüßte ihn. Die Leute haben ihn alle gerne gehabt. Der Ebensperger war ein lebenslustiger Mensch, ein Lebemensch. Er hat sein Leben gehabt. Und wenn auch viele Jahre vergangen sind, ich denke immer noch gerne an ihn. Er war ein Mensch, mit dem man hat reden können.”

Rote Rosen auf der Hauswand

Rosen gehören zu den häufigsten dargestellten Blumen der Kunstgeschichte. Rosen sind weit mehr als ein dekoratives Motiv, sie symbolisieren Schönheit, Dornen, Liebe und Schmerz, Blüte und Vergänglichkeit. Das Sgraffito mit den roten Rosen von Hans Ebensperger auf der Hauswand am Haus Gasser in Mals ist insofern bedeutsam, weil es kein Auftrag war. Es entstand ganz aus einem inneren Bedürfnis und sagt somit viel aus, wie Hans Ebensperger als Mensch war. Auf die Frage, wie es zu den Rosen auf der Hauswand kam, antwortet Anna Gasser: ”Wir hatten eine Jugendherberge. Und da hatten wir so Gruppen. Bei einer Gruppe waren zwei Schwestern mit dem Nachnamen Rose. Sie kamen aus Deutschland, aus Bochum, Nordrhein Westfalen. Und wie der Ebensperger halt war, so ein lustiger Kerl, der die Frauen gern gehabt hat, hat er sich in eine der beiden Schwestern unsterblich verliebt. Sie war höchstens 20, er war schon etwas älter, schon über 30. Dann kam der Tag der Abreise. Das Madl warf so ein kleines ‘Bärele’ (Plüschtier) in die Küche. Der Ebensperger, der auch da war, ist dann hinunter zu ihr zum Auto und hat sich von ihr verabschiedet. Nach ein paar Tagen sagte er zu mir: ‘Ich mache dir jetzt etwas auf die Hauswand hinauf!’ Da ich ihm schon vor einiger Zeit den Auftrag gegeben hatte, die Muttergottes auf die Hauswand zu machen, sagte ich zu ihm: ‘Ich habe kein Geld mehr.’ Da sagte er, das sei egal, er mache es trotzdem. Er hat mir aber nicht gesagt, was er machen möchte. Er hat etwa eine Woche lang daran gearbeitet. Dann verlangte er von mir ein weißes Leintuch, um seine Arbeit zu verdecken. Nachdem er sie zugedeckt hatte, sagte er zu mir: ‘Jetzt wird eröffnet.’ Ich sagte ihm, dass ich jetzt nicht hinunter gehen kann. Ich habe Leute da, muss denen etwas zu essen machen und kann nicht weggehen. So hat er halt etwas gewartet. Etwas später nahm er mich dann aber mit hinunter vor das Haus. Er nahm langsam das Leintuch weg, und wie das Leintuch weg war, kamen die Rosen zum Vorschein. Ich habe sofort gewusst, was er damit sagen wollte. Er sagte: ‘Das ist die Rose, in die ich mich verliebt habe. Deshalb habe ich sie hier auf der Hauswand abgebildet.’ Ja, und dann war die Rose halt da oben. Ich brauchte ihm dafür nichts bezahlen.” Ich frage Anna: “Hatte Ebensperger später noch Kontakt zu seiner Rose?” Anna: “Nein! Auch ich habe zu dem Madl keinen Kontakt mehr gehabt. Aber immer wenn der Ebensperger im Dorf war, ist er hierher gekommen und hat auf seine Rose hinaufgeschaut. Ja, und dann ist er bald einmal erkrankt. Von meinem Telefon aus hat er seine Frau angerufen und ihr gesagt, dass er jetzt öfters nach Innsbruck zur Therapie fahren müsse. Wenn er dann von Innsbruck kam, ist er immer wieder hierher gekommen, um auf seine Rose hinaufzuschauen - auch wenn er schon so schwach war, dass er sich dabei am Eisengeländer hat festhalten müssen. Ja, und in Innsbruck hat er sich dann auch noch in die Krankenschwester verliebt, die ihn gepflegt hat. Er hat sich eigentlich immer verliebt, sogar noch vor dem Sterben.”

Hans Ebensperger starb erst 42-jährig am 11. Dezember 1971 kurz nach der Heimkehr von der Innsbrucker Klinik. Es gibt ein sehr lesenswertes Buch von Eva Kreuzer-Eccel und Manfred A. Mayr über Hans Ebensperger. Es enthält seinen Weg, sein Ringen um Form und Farbe und schließlich sein trauriges, aber nicht hoffnungsloses Ende. Seine letzten Texte und Bilder sind nicht voller Resignation, sondern voller Licht und Hoffnung. Als sein letztes Bild gilt die “Schöpfung”, eine untergehende Sonne. Ebensperger malte das Bild kurz vor seinem Tode und kommentierte es so: “Noch ist Leben, noch ist Sonne; ich werde dieses Bild nicht ausstellen: Es ist zu persönlich, jeder sieht wie es mir geht. Schmerz, Angst und Tod schreien hervor, und doch glaube ich an das Licht über all das Dunkel.”

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Das Bartgeierjahr 2026 - Auszüge aus dem Internationalen Monitoring

  • Dachzeile: Nationalpark Stilfserjoch
  • Redakteur: Wolfgang Platter, am Tag der Heiligen Theresa von Avila, 5. Oktober 2026
  • Weitere Fotos - 1: Derzeit gibt es in Europa 85 Junggeier mit Satellitensendern. 6davon fliegen in den Zentralalpen im Alter zwischen 1 und 4 Jahren.
  • Weitere Fotos - 2: Die Flugrouten des bulgarischen Bartgeiers Boev. 2024/25 hat er 14.100 Flug-kilometer zurückgelegt, ist bis an die Ost- und Nordsee geflogen und wurde nach seiner Rückkehr nach Bulgarien mit 5 Mönchsgeiern und 2 Gänsegeiern vergiftet.

Im September dieses Jahres ist der zusammenfassende Bericht des IBM (Internationale Bartgeier Monitorings) erschienen. Der Bericht umfasst die wissenschaftlichen Eckdaten der Bartgeier-Reproduktion in natura in den Alpen-Staaten, aber auch in Spanien und Bulgarien sowie auf der Insel Korsika. Im heutigen Beitrag fasse ich die wesentlichen Inhalte zusammen.

Territorien und Brutpaare


Das Internationale Bartgeier Monitoring hat im Jahr 2026 europaweit insgesamt 130 Territorien bzw. Brutpaare erfasst und monitoriert. Von diesen 130 Bartgeier-Territorien lagen 123 in den Alpen, 4 auf der Insel Korsika, und die restlichen 3 in den Pyrenäen und im französischen Zentralmassiv. Von den 130 erfassten Paaren haben 2026 73 erfolgreich gebrütet, bei 32 Paaren ist die Brut 2026 misslungen und 25 Paare haben im heurigen Jahr nicht gebrütet. 73 flügge gewordene und ausgeflogene Junggeier bei 105 brütenden Paaren entsprechen einem Bruterfolg von 69,5 %, was bei Bartgeiern als guter Bruterfolg gilt.
Von den 130 monitorierten Paaren sind 10 im Jahr 2026 neu erfasst worden und zwar 3 in Österreich (Lechquellen Ost, Paznaun Süd und Wipptal West), 3 in der Schweiz , 3 in Südtirol/Italien und eines in Frankreich. Fünf Paare haben 2026 erstmals erfolgreich gebrütet (CH: Filisur, Armiviers, Gsteig, I: Sondalo, F: Grand Cot).
Bartgeier werden erst in ihrem 5. bis 7. Lebensjahr geschlechtsreif und fortpflanzungsfähig. Es soll deswegen explizit gesagt werden, dass im Verbreitungsgebiet der Bartgeier nicht nur die bekannten und oben zusammengefassten Brutpaare vorkommen, sondern auch deren immature und subadulte Jungvögel. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, in den Zentralalpen Bartgeier im Flug beobachten zu können, hoch und mit zunehmender Dichte immer höher. Im Gegensatz zu den Großen Beutegreifern Wolf und Braunbär ist der Bartgeier inzwischen für die Schutzgebiete und den Artenschutz zum Sympathieträger geworden. Der Trivialname „Lämmergeier“ hatte ihm in den Alpen allerdings den Kragen gekostet: 1910 war in Piemont die letzte Brut erfolgt und 1930 ist der letzte Bartgeier in den Alpen abgeschossen worden. Heute hat sich das Wissen weitestgehend durchgesetzt, dass der Bartgeier mit seinen stumpfen Zehen und seinem Schnabel gar keine Lebendtiere töten kann, sondern das letzte Glied der Nahrungskette ist. Mit seiner aggressiven Magensäure, die in ihrem pH-Wert der Salzsäure entspricht, kann er die Kalksubstanz von Knochen auflösen und sich so das Fett- und Eiweiß-reiche Knochenmark als Nahrungsquelle erschließen. Wenn Steinadler, Fuchs, Marder, Kolkrabe, Rabenkrähe und andere Tiere sich am Aas schon bedient haben, dann schlägt die Stunde des Bartgeiers, der auch scheinbar wertlose Knochen noch energetisch verwenden kann.

Warum werden die Freilassungen fortgesetzt?


Trotz der guten Bruterfolge werden die Freilassungen von in Zoos oder Zuchtvolieren aufgezogenen Junggeiern fortgesetzt. Im Jahr 2026 waren es insgesamt 21 nicht ganz flügge junge Bartgeier, die an acht verschiedenen Freilassungsorten in Kunsthorste ausgewildert wurden. Vier der Freilassungsorte lagen in Spanien, je einer in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und in Bulgarien. Die Freilassungsorte haben sich an den Nord­rand der Alpen, an deren Westrand, in das französische Zentralmassiv und eben nach Bulgarien verlagert. Die Freilassungsorte sind nie zufällig gewählt, sondern es muss ein starkes Interesse der Projektpartner und eine Überwachungsgarantie während der Nestlingszeit geben. Ein weiterer Grund für die Wahl der Freilassungsorte ist der Versuch, geographische Lücken im Bartgeier-Vorkommen zu schließen, z.B. zwischen den Alpen und den Pyrenäen und durch die Durchmischung mit jungen Vögeln den genetisch engen Flaschenhals auszuweiten und damit die Gefahr der Blutsverwandtschaft und Inzucht zu verringern. Unter den 2026 freigelassenen 21 Jungvögeln waren 13 Weibchen und 8 Männchen.
Zur Erinnerung: Als Nationalpark Stilfserjoch haben wir zwischen den Jahren 2000 und 2008 im Schludertal oberhalb von Stallwies am Marteller Waldberg bei fünf Freilassungsaktionen insgesamt 11 Junggeier freigelassen.
Der derzeitige Bestand an Bartgeiern in den Alpen wird jedes Jahr im Herbst an einem Tag der Gleichzeitigkeitszählungen zu erheben versucht. Bei diesen Beobachtungen sind Hunderte von Freiwilligen und Ornithologie-Begeisterten im Einsatz. Selbstredend gelingt es trotz größter Bemühungen dabei an diesem Tag der Forschung mit Bürgerbeteiligung (citizen-science-Aktion) nicht, alle Bartgeier zu sehen und zu zählen. Deswegen streuen die Angaben, wie groß die Bartgeier-Population in den Alpen derzeit ist, von 250 bis 400 Individuen. Wissenschaftliche Experten der Populationsbiologie lehren uns, dass sich eine vormals ausgerottete und wiedereingesetzte Tierart von höheren Tieren wie Vögeln und Säugern erst wieder allein erhalten kann, wenn sie etwa 1.000 Individuen umfasst. Dieser Umstand von einer Mindestzahl und die Ausweitung des Verbreitungsareales sind weitere Gründe, warum nach wie vor Freilassungen erfolgen. Seit Jahren gehört das Richard-Faust-Bartgeier-Zuchtzentrum der Eulen- und Greifvogelstation Haringsee bei Wien zu den Hauptlieferanten der Junggeier, die freigelassen werden. Gegründet und geleitet wurde bzw. wird das Projekt in Haringsee maßgeblich von Univ.-Prof. Dr. Hans Frey, der früher an der Veterinärmedizinischen Universität Wien tätig war. Im heurigen Jahr hat Haringsee 5 der 21 freigelassenen Junggeier zur Verfügung gestellt.
Die durchschnittliche Nestlingszeit der freigelassenen Junggeier bis zum Flüggewerden betrug 119 Tage. Die Freilassungen sind zwischen dem 7. Mai (die früheste) und dem 24. Juni (die späteste) erfolgt.

Satellitentelemetrie erhellt Raumnutzung und Verbreitungsareale


Derzeit sind in Europa insgesamt 85 freigelassene Bartgeier mit einem Satellitensender ausgestattet. Die sehr leichtgewichtigen Sender werden an der Basis der Schwanzfedern aufgeklebt und liefern bis zum ersten Wechsel des Großgefieders wertvolle wissenschaftliche Daten zu den Territorien der besenderten Vögel, zur Reviergröße, Raumnutzung und den möglichen Weitwanderflügen. Als ein Beispiel für die Satellitentelemetrie seien die Flugbewegungen des bulgarischen Bartgeiers Boev angeführt. Er hat im Jahr 2025 und bis April 2026 14.100 Kilometer durch verschiedene europäische Länder zurückgelegt. Als er im April dieses Jahres nach Bulgarien zurückgekehrt ist, wurde er wenige Tage nachher mit 5 Mönchsgeiern und 2 Gänsegeiern tot aufgefunden. Die Geier sind vergiftet worden. Ein 36-jähriger Mann ist von der bulgarischen Polizei verhaftet worden.

Bartgeierpaare in Südtirol


Von den 130 derzeit erfassten, fortpflanzungsfähigen Bartgeierpaaren leben aktuell neun in Südtirol, alle in der westlichen Landeshälfte zwischen Reschen und Moos in Passeier. 7 von diesen 9 Paaren haben im Winter 2025/26 gebrütet und im Frühjahr ihr Junges erfolgreich zum Ausfliegen gebracht. Das erfolgreichste Brutpaar ist das Paar Martell. Es hat in 16 Jahren 16 -mal gebrütet und alle 16 Jungen erfolgreich aufgezogen.

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„Wer rupft, ...“

  • Dachzeile: Kommentar von Chefredakteur Erwin Bernhart
  • Redakteur: von Erwin Bernhart
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9 Milliarden Euro, genauer 9,2 Milliarden Euro: So groß ist der Haushalt der Autonomen Provinz Südtirol im Jahr 2026. (Die Trientner haben rund eine Milliarde weniger.) Porzellana, das ist ein Haufen Geld. Damit lässt sich so einiges finanzieren. Bei den Investitionen wird vor allem derjenige drankommen, der mit Projekten und politischem Willen frühzeitig pronto ist. Beides fehlt derzeit offensichtlich im Vinschgau. Naja, der Kastelbeller Tunnel ist ja kürzlich eröffnet worden, könnte man sagen. Aber wann wurde dafür der politische Wille gebildet und wann das entsprechende Projekt? Letzteres ist Jahre, ersteres Jahrzehnte her. Also. Die derzeit herrschende politische Elite möge doch in die Zukunft schauen. Mag sein, dass das Vorausschauende gemeinsamen politischen Willen voraussetzt. Der ist derzeit in der Bezirksgemeinschaft Vinschgau nur ganz schwach am Horizont erkennbar. Europäische Preise entgegennehmen zu können, ist ja nett, und die Plaketten machen sich in den Gemeindestuben gut. Die Gefahr ist, dass man sich da politisch zusätzlich vernebeln lässt und die Landesmillionen jenen überlässt, die mit klarem Blick, politischem Willen und Projekten Investitionen fordern - und dann auch bekommen. Na, und ich verweise nicht auf das Pustertal. Aus guten Gründen ist anzunehmen, dass die Haushalte für die kommenden Jahre üppig ausfallen. Aber die Vinschger haben anscheinend vergessen, dass, wer rupft, der hott mea.


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