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Sharing Economy - Wirtschaft des Teilens - Ausleihen oder Tauschen von Gegenständen, von Informationen und Wissen

  • Dachzeile: Kultur
  • Redakteur: Heinrich Zoderer
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: Repair Café – hier wird repariert und installiert
  • Weitere Fotos - 2: Freiwillige in der Kleider(tausch)kammer. v. l.: Giongo Maria, Veronika Weiss, Gerda Flora, Esther Bonora

Früher war es selbstverständlich: wenn etwas kaputt ging, wurde es repariert und nicht weggeworfen. Wenn etwas ausgedient hatte, wurde es an Freunde und Verwandte weitergereicht. Es wurde getauscht, ausgeliehen, man hat sich gegenseitig unterstützt und ganz bewusst konsumiert. Das ist Kreislaufwirtschaft, Selbst- bzw. Nahversorgung und Nachbarschaftshilfe. In den landwirtschaftlich geprägten Dorfgemeinschaften gab und gibt es Waalinteressentschaften, Alminteressentschaften, Maschinenringe usw. Später entstanden die modernen Genossenschaften. Durch diese Wirtschaftsweise entstand kaum Müll. Industrialisierung und Globalisierung veränderten das. Es kam zum weltweiten Warenaustausch, Billigprodukte überschwemmen den Markt und heute stehen wir vor riesigen Müllbergen, Plastik und Mikroplastik, das sich erst in Jahrhunderten abbaut, Giftstoffe, die das Wasser und den Boden verseuchen. Wir sind abhängig von Rohstoffen, die nur in bestimmten Ländern abgebaut werden. Unser Wohlstand hat zur Klimakrise geführt und bedroht in vielen Teilen der Erde die Lebensgrundlagen. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, so Friedrich Hölderlin. Alternative Wirtschaftsformen, man spricht von Sharing Economy, einer Wirtschaft des Teilens, werden wieder modern. In der Gemeinde Schlanders gibt es mehrere Projekte, Konzepte und konkrete Initiativen einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise.

S´ELKI Ladele, Second Hand für Kinder und Familien
Vor sechs Monaten, am 31. Jänner dieses Jahres wurde das Elki Ladele, wie es liebevoll genannt wird, in der Fußgängerzone in Schlanders eröffnet. Seit dieser Zeit ist es nicht nur zu einem wichtigen Tauschmarkt für gut erhaltene Kleidung und Ausstattung rund ums Baby und Kind geworden, sondern auch zu einer Begegnungsstätte für Familien und Kinder. Wie Kunhilde von Marsoner, die Präsidentin vom Elki (Eltern-Kind-Zentrum) Schlanders in einem Gespräch erläuterte, hat man 10 Jahre nach der Vereinsgründung diesen Schritt gewagt, um Familien noch besser zu unterstützen und Solidarität und Nachhaltigkeit zu realisieren. Die Umsetzung war nicht einfach, aber nach einer 5-jährigen Vorarbeit wurden geeignete Räumlichkeiten und zwei junge Personen gefunden, die das Ladele zusammen mit mehreren Freiwilligen mit Engagement und Einsatz führen. Im Ladele wurden bisher über 5.000 Artikel von Dienstag bis Samstag am Vormittag von 9:00 bis 11:30 Uhr zum Verkauf angeboten. Alle Produkte stammen von Elki Mitgliedern und werden im Geschäft nur an Mitglieder (20 Euro beträgt der jährliche Mitgliedsbeitrag) verkauft und zwar zu sehr günstigen Preisen. Die meisten Artikel kosten weniger als 20 Euro. Neben Sabine Holzer und Miriam Floridia als Teilzeitangestellte und mehreren Freiwilligen, arbeiten auch Praktikantinnen mit. In den Sommermonaten ist die Oberschülerin Emma Dietl aus Kortsch im Ladele anzutreffen, die über das 1 260728 Elki Ladele LogoProjekt „JAV – Junges Aktives Vinschgau“ einen Praktikumsplatz erhalten hat. Verkauft werden nur hochwertige Sachen. Wenn diese nicht innerhalb von drei Monaten verkauft werden, können die Mitglieder die abgegebenen Sachen wieder abholen. Angeboten werden Kinderkleidung und Schuhe von 0-14 Jahren, Faschingskostüme, Bademäntel, Inliner, Schlittschuhe, Fahrrad- und Skihelme, Spielzeug, Bücher, Sportartikel, Tragerucksäcke, Tragetücher, Umstandskleidung, Auto- und Fahrradsitze, Dreiräder, Kinderfahrräder, Gehschulen, Gitterbetten, Hochstühle, Kinder- oder Stubenwagen. Ab 01. Jänner wird Faschingskleidung entgegengenommen, ab 01. Februar Frühjahrskleidung und Erstkommunionkleidung, ab 01. April Sommerkleidung, ab 01. August Herbstkleidung und ab 01. Oktober Winterkleidung. Das Ladele läuft gut, auch durch die großzügige Unterstützung durch die Familienagentur des Landes Südtirol und das große Interesse der Familien aus dem ganzen Vinschgau. Einige Besucher sind sogar mit der Idee an das Elki herangetreten, auch ein Second Hand Ladele mit Produkten für Erwachsene zu eröffnen.

Nähere Infos:
www.elki.bz.it/de/schlanders/elkiladele

 

Neben dem Elki Ladele für Kinder und Familien gibt es noch weitere Einrichtungen, Projekte und Initiativen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise in Schlanders. Viele dieser Einrichtungen gibt es in der Basis Vinschgau bzw. auf dem Gelände der Ex-Drususkaserne. Basis Vinschgau ist nicht nur ein Kultur- und Bildungszentrum, sondern auch ein Zentrum für Innovation, Kreativ- und Alternativwirtschaft.

➜ Repair Café in der Basis Vinschgau
Jeden letzten Dienstag im Monat gibt es von 18 - 21 Uhr das Repair Café in der Basis Vinschgau. Man kann einfach mit dem kaputten Gerät oder Computer vorbeischauen. Fachleute und Hobbybastler reparieren die Geräte bzw. installieren die notwendige Software, soweit es möglich ist.

➜ Kleider(tausch)kammer
Die Kleidertauschkammer ist seit Mai 2022 in das ehemalige Kasernengebäude, Palazzina Tagliamento, umgezogen. Es ist ein Ort zum Geben und zum Nehmen. Mitbürger:innen bringen gebrauchte, gut erhaltene Kleider in die Kleiderkammern. Für jede Kleiderspende erhält man eine Wertkarte, die als Guthaben in der Kleidertauschkammer eingelöst werden kann. Ein Schwerpunkt der Kleider(tausch)kammer ist nach wie vor die Ausgabe von Kleidern an bedürftige Menschen. Doch alle Personen können in die Kleidertauschkammer kommen, Kleider aussuchen und dafür eine Spende geben. Das Gemeinschaftsprojekt wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut. Die Vinzenzkonferenz Schlanders ist der rechtliche Trägerverein.

➜ Bastelmateriallager in der Basis
Das Bastelmateriallager ist eine Schatzkammer für scheinbar wertlose und unbrauchbare Materialien. Nach dem Vorbild des Basismateriallagers REX in Brixen will man eine solche Einrichtung auch in Schlanders in einem Raum auf der Ex-Drususkaserne einrichten. Je nach Bedarf sollen kleine Materialien gesammelt werden: z.B.: Wolle, Knöpfe, Perlen, Farben, Korken, Garn, Bänder, Seile, Schnüre …

➜ Coworking-Space in der Basis
In der Basis Vinschgau kann man Arbeitsplätze mit Internetanschluss mieten. Freiberufler, Beamte, Wirtschaftler, Künstler mieten sich einen Arbeitsplatz für kurze oder längere Zeit, um hier zu arbeiten, sich mit anderen zu treffen und bei einem Kaffee auszutauschen.

➜ Künstlerateliers
In der Palazzina Tagliamento der ehemaligen Drususkaserne werden Räume an Künstler vermietet, welche diese Raume zu Ateliers umbauen und dort arbeiten. So wird die Ex-Militärkaserne zu einem Treffpunkt und Arbeitsraum für Freigeister und Künstler.

➜ Bibliothek der Dinge
In der Bibliothek werden in erster Linie Bücher, Hörbücher und Videokassetten ausgeliehen. Seit einiger Zeit gibt es eine Erneuerung: die Bibliothek der Dinge. Das sind Dinge bzw. Geräte, die man selten benötigt und in der Bibliothek ausleihen kann. Folgendes kann man mit einem gültigen Bibliotheksausweis ausleihen: Feuerschale, Sack-Karre, Geschirrset mit 24 Teilen für Familienfeiern, Nussknackmaschine, Tonieboxen, Kamishibai Theater, Diktiergerät, Kapla Bauset, Energiemessgerät und vieles mehr.

➜ Schlanderser Tafel
Seit 2012 gibt es die Schlanderser Tafel, eine wertvolle Einrichtung, die an bedürftige Menschen jede Woche Lebensmittel verteilt. Unter der Trägerschaft der Vinzenskonferenz Schlanders organisieren die vielen Freiwilligen diesen Dienst. Geschäfte und Obstgenossenschaften übergeben an die Tafel regelmäßig Lebensmittel. Durch diese Initiative der „Tafel“ kann einerseits bedürftigen Menschen geholfen und andererseits die Lebensmittelverschwendung eingeschränkt werden. Die Schlanderser Tafel erhielt 2013 den Vinschger Ökologiepreis.

➜ Sprachencafé in der Bibliothek
Organisiert vom Bildungsausschuss Schlanders gibt es seit einigen Jahren das Sprachencafé in der Bibliothek Schlandersburg. Es ist ein gemütliches Zusammensein, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich in Kleingruppen in einer Fremdsprache austauschen und so ihre mündliche Kommunikationsfähigkeit verbessern können. Im Herbst und Winter werden immer am Samstag von 10 bis 11.30 Uhr solche Treffen angeboten. Gestartet wurde mit Deutsch, Italienisch und Englisch, im letzten Jahr wurde das Angebot auf Spanisch und Dialekt erweitert. Muttersprachliche Moderatorinnen oder Moderatoren geben Impulse und halten das Gespräch in Gang. Das Angebot ist kostenlos, Interessierte können ohne Anmeldung kommen.

➜ Zeitbank – verrechnet wird nur die Zeit
Seit 2006 gibt es die Zeitbank Schlanders. Der Verein ist eine eigenverantwortliche Selbsthilfegruppe mit dem Ziel einer zukunftsorientierten Nachbarschaftshilfe. Durch den Austausch von Diensten und Tätigkeiten wird den Mitgliedern Hilfe geleistet und eine moderne, nachbarschaftliche Solidarität bewirkt. Alles erfolgt ohne Gewinnabsicht und Geldvermittlung, nur die Zeit wird verrechnet. Die Zeitbank Schlanders hat Mitglieder aus dem ganzen Vinschgau und arbeitet mit anderen Zeitbanken in Südtirol zusammen.

➜ Carsharing
Wer Autofahren will, ohne ein eigenes Fahrzeug besitzen zu müsse, kann sich ein Leihauto buchen. Die Gesellschaft AlpsGo GmbH wurde von der Genossenschaft Carsharing Südtirol Alto Adige gemeinsam mit ALPERIA AG gegründet, um das CarSharing in Südtirol zu elektrifizieren und auszubauen. Privatpersonen, Firmen und Touristen können Carsharing nutzen. Nach der Registrierung mit digitaler Hinterlegung des Führerscheins kannst man das E-Autos rund um die Uhr selbstständig buchen. Auch Schlanders hat seit 2017 in der Marconistraße, gegenüber der Musikschule eine Carsharing-Station. Nähere Hinweise: https://www.alpsgo.it/de/

➜ DIGGY-Treff in der Bibliothek
Es ist die kostenlose Anlaufstelle fürs Digitale, getragen von der Weiterbildungsgenossenschaft des Bauernbundes, von KVW-Bildung, der Volkshochschule Südtirol und dem Amt für Weiterbildung. In den Wintermonaten können sich Bürger:innen jeden Mittwoch von 09:00 – 12:00 Uhr informieren und Hilfe holen im Umgang mit dem PC, Handy oder Tablet.

➜ Radltag und Nachhaltigkeitsfest
Neben fixen Einrichtungen gibt es in Schanders auch jährlich im Frühjahr das Nachhaltigkeitsfest, organisiert vom Klimateam in Zusammenarbeit mit verschiedenen Vereinen und Verbänden. Neben Vorträgen und Infoständen gibt es auch ein Kinderprogramm, Bastelwerkstatt, Fahrradcheck, Kleidertausch, Repair Café und reichlich zu essen und zu trinken.

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Das Val Müstair

  • Dachzeile: Willkommen an der Grenze

Das Val Müstair vereint kulturelles Welterbe, alpine Wildnis und eine über Jahrhunderte bewahrte rätoromanische Identität in einem der abgelegensten Winkel der Schweiz.
Das prägendste Merkmal des Tals ist das Kloster St. Johann in Müstair, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Es wurde der Überlieferung nach von Karl dem Großen gegründet und beherbergt den weltweit umfangreichsten Bestand karolingischer Wandmalereien – ein einzigartiges Zeugnis frühmittelalterlicher Kunstgeschichte.
Die Dörfer – Müstair, Tschierv, Fuldera, Lü, Valchava und Santa Maria – haben ihren traditionellen Charakter mit charakteristischen Engadiner Häusern, Sgraffito-Fassaden und dörflicher Struktur weitgehend bewahrt. Landwirtschaft, insbesondere Milchwirtschaft und Bio-Landbau, prägt die Wirtschaft bis heute stark.
Touristisch gilt das Tal als ruhiges Gegenstück zu den bekannteren, stärker erschlossenen Engadiner Orten wie St. Moritz. Es zieht Wanderer, Biker und Wintersportler an, die Ursprünglichkeit und Abgeschiedenheit schätzen.
Soweit die ersten Eindrücke. Allerdings bewegt sich das Val Müstair nolens volens auf die Moderne zu. Gegen die Abwanderung der Jugend ist noch nicht wirklich ein Rezept gefunden worden. Attraktive Arbeitsplätze, ein kulturelles Leben, welches neben den traditionellen Gepflogenheiten auch Kunst und Kultur miteinbezieht, werden Schritt für Schritt eingeführt.
Derweil bleibt das Val Müstair auch Durchzugstal im Wechsel zwischen Ofenpass und dem nahen und preislich viel günstigeren Südtirol, zwischen dem Umbrail und dem Stilfserjoch als attraktive Radtouren.

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Hirt mit Leib und Seele

  • Vorspann: Gesundheitliche Gründe brachten Joggl auf die Alm und er hofft, dass solche ihn nicht von dort vertreiben. Bis auf wenige hat er die Sommer als Hirte, mit seinen und anderen Tieren, auf den Almen verbracht. Letztes Jahr zog es ihn ins Laaser Tal auf die „Unterolb“. Er kam heuer wieder und auch er weiß noch nicht, wo er den nächsten Sommer verbringt.
  • Dachzeile: Portrait
  • Redakteur: Christine Weithaler
  • Redakteur Bild:

An einem glasklaren Sommertag begrüßen mich auf der „Unterolb“ im Laaser Tal zwei Hunde, ein paar Hühner und das idyllische Läuten der Kälberglocken. Bereits voriges Jahr wurde mir von einem „originalen Hirt aus Völs“ erzählt, und als ich dann in Laas einen Mann mit krausem Haar und knapper Lederhose Vorräte auf einen „Jeep“ aufladen sah, wusste ich wohin. Kurze und lange Lederhosen, gutes Schuhwerk hat er zusammen mit seinem Ross und mit Galtvieh, zwei Hunden und Katzen auf die „Unterolb“ ins Laaser Tal mitgebracht.
Joggl, Jakob Voetter, ist 1966 in Bozen geboren und als Einzelkind in Völs aufgewachsen. Seine Mutter betrieb dort eine kleine Pension. Mit knappen zwei Jahren erkrankte er an Bronchitis, und der Arzt verschrieb ihm Höhenluft. So begleiteten sie von da an Jakobs Vater im Sommer auf die Alm. Dort besserte sich Jakobs Gesundheit und er verbrachte mit wenigen Ausnahmen, die Sommerfrische auf der Alm. Bereits ab 1978 war er „Hiatbua“, zuerst auf der Seiser Alm, darauf hin drei Sommer im Fassatal. Er verbrachte den Militärdienst am Bozner Flughafen, danach arbeitete er als Zimmermann bei einer Baufirma und später wieder als Hirte im Fassatal und Belluno. Von 2001 bis 2014 war Joggl auf einer Voralp in Völs. 2015 hütete er Schafe von Tiers auf dem Schlern, 2016/2017 wieder Kälber in Col di Lana-Buchenstein im Belluno und drei Sommer in Tiers. 2021 pausierte Joggl unfallbedingt. Er schloss 2022 in Salern den Lehrgang für Hirten ab und verbrachte den Sommer auf der Haniger Schweige in Tiers und die zwei darauffolgenden im Defereggental in Ostirol. In den Wintermonaten arbeitete er bei den Skiliften auf der Seiser Alm und half seinen Eltern in der Völser Pension. Seine Mutter wurde dement und er sollte die Pension weiter führen. Jakob wusste, das ist nicht seines. Er baute die Pension zu fünf Wohnungen um und hat in einer seine Bleibe. Er ist mit Leib und Seele „Hirt“ und kam 2025 ins Laaser Tal. Er trifft an jedem neuen Ort auf Menschen, Bauern, Almmeister mit neuen anderen Ideen und meint, das sei auch gut so. Seine Erfahrung ist: „S‘Vieh isch unkompliziert, sel muasche lei lossen. Es suacht sich schu des, wos es braucht, man muaß a bissl derbei bleiben, zwischendurch salzn, nor fahlt ihmanen nichts.“ Es erfüllt ihn mit Freude und Genugtuung zu sehen, wie das Vieh am Morgen über die Weide grast und in den Mittagsstunden in der Sonne „flockt“. Sein Hobby ist sein Beruf. Jeder Sommer ist neu. Er hat immer wieder heftige Gewitter und Unwetter hautnah miterlebt, die ihn achtsam, aber keine Angst machen. Bedenklich bemerkt er, dass die schneearmen Winter zunehmen und die Almweiden vermehrt zuwachsen. Es wird immer weniger Vieh aufgetrieben, das Gras nicht vollständig abgeweidet, und die „Olmroasn“ und andere Stauden verwuchern langfristig wertvolle Weidefläche. Dem Vieh genügt kurzes Gras, meint Jakob. Er ist kein Freund der Koppelhaltung, d.h. das Vieh wird umzäunt und die Weide Stück für Stück abgefressen. Das Vieh soll freien Lauf haben, zuerst die Schafe, dann das Galtvieh, später die Kühe, zuletzt die Rösser und die „Goaß“. Im Laaser Tal wird nicht gesennt, d.h. es werden keine Kühe gemolken und deren Milch zu Käse und Butter weiter verarbeitet. Das wäre nicht seines. Trotzdem ist Joggls Tag ausgefüllt. Früh morgens sieht er nach dem Vieh, kehrt zur Almhütte zurück und kocht sich mindestens einmal am Tag eine warme Mahlzeit. Er erkundet das Gelände, macht ab und zu „an Ratscher“ mit den Wanderern und den Bauern die vorbeikommen, er meint: „I konn besser mit die Viecher, wia mit die Leit.“. Trotzdem ist er ein geselliger, lebensfroher Zeitgenosse und macht manchmal einen Abstecher in die Zivilisation. Dann sieht man ihn z.B. beim Pizzaessen in Laas. Heute trinkt er dazu Wasser, seiner Gesundheit bzw. seinem Blutzuckerspiegel und Blutdruck zu Liebe. Die Höhe beeinflusst diesen negativ, momentan liegt es noch im annehmbaren Bereich und Joggl hofft, dass es so bleibt. Er möchte weiterhin „hiatn gian“. Zum Thema Herdenschutz sagt er: “Man muss bedenken, dass ein Wildtier ein wildes Tier ist und bleibt. Es jagt um zu überleben, verteidigt seinen Nachwuchs und Lebensraum, sucht sich leichte Beute, unterscheidet dabei nicht zwischen Tier und Mensch. Der Lebensraum in Südtirol ist zu stark besiedelt, um beidem ausreichend Platz zu geben.“ „Noch Liachtmess wear i longsom unruhig, gutzlt‘s mi und wenn es nor longsom griane weart, frei i mi afe Summar“.

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125 Jahre Umbrailpassstrasse

  • Vorspann: Die Umbrailpassstrasse feiert 2026 ihr 125-jähriges Bestehen. Mit einer würdigen Feier fanden die Jubiläumsanlässe am Sonntag, 26. Juli, auf dem Umbrailpass ihren Abschluss.
  • Dachzeile: Spezial: Leben an der Grenze - Val Müstair
  • Redakteur: Annelise Albertin
  • Weitere Fotos - 1:  Ortler Sammlerverein Erster Weltkrieg v. l.Christian Mazagg, Franz Angerer, David Accola, Gabriella Binkert Becchetti, Gerald Holzer (Vize_Präsident)
  • Weitere Fotos - 2: v.l. Lilly Ermakova, Gabriella Binkert Becchetti, Alfred Hog

Handelsweg
Die 13,4 Kilometer lange Strasse über den Umbrailpass verbindet das Val Müstair mit dem Veltlin und über das Stilfserjoch mit Südtirol. Als sie 1901 eröffnet wurde, galt im Kanton Graubünden noch ein Automobilverbot. Es entstand eine moderne Infrastruktur, die zunächst kaum genutzt werden konnte – eine mutige und weitsichtige Entscheidung der Erbauer.
Die Geschichte des Übergangs reicht jedoch weit über tausend Jahre zurück. Bereits im Mittelalter war der Umbrailpass ein bedeutender regionaler Handelsweg. Salz aus Tirol wurde in die Lombardei transportiert, italienischer Wein gelangte in den Norden. Was heute in einer Stunde bewältigt werden kann, war damals eine Tagesreise.
Um den Handel zu fördern, wurde die Strasse auf Schweizer Seite von Sta. Maria bis zur Passhöhe ausgebaut. Lange blieb ein grosser Teil der Strecke eine Schotterpiste, bis sie zwischen 2008 und 2015 vollständig asphaltiert wurde. Heute ist die Umbrailpassstrasse eine beliebte Ausflugsroute. Der Verkehr bringt Herausforderungen für die Dörfer im Tal, insbesondere für Sta. Maria, schafft aber gleichzeitig Wertschöpfung für die Region.

Die Legende um Karl den Grossen
Zu den bekanntesten Überquerern des alten Saumpfades am Umbrail zählt Karl der Grosse, König des Fränkischen Reiches und ab dem Jahr 800 römischer Kaiser. Der Überlieferung nach geriet er auf dem Rückweg von der Eroberung Norditaliens am Umbrailpass in einen schweren Schneesturm. In Todesangst gelobte er den Bau eines Klosters, sollte er den Sturm überleben. Der Legende nach entstand so im 8. Jahrhundert das heutige UNESCO-Welterbe Kloster St. Johann in Müstair.

Militärische Bedeutung
Ein weiterer bedeutender Meilenstein in der Geschichte des Umbrailpasses war der Erste Weltkrieg (1914–1918). Soldaten aus Italien, Österreich-Ungarn und der Schweiz standen sich im Umbrail- und Stilfserjochgebiet während vier entbehrungsreicher Jahre gegenüber. Die extremen Bedingungen des Hochgebirges führten trotz des Krieges immer wieder zu menschlichen Begegnungen jenseits der Fronten. Über die Umbrailstrasse wurden die Truppen in der Ortlerregion mit Gütern versorgt. Heute erinnern der militärhistorische Wanderweg auf dem Umbrail/Stelvio sowie das Museum 14/18 in Sta. Maria an dieses Kapitel der Geschichte.
Die Strasse, einst für Handel und Austausch gebaut, steht bis heute für die Verbindung zwischen Regionen, Sprachen und Kulturen. Vom mittelalterlichen Handelsweg über die Ereignisse des Ersten Weltkriegs bis zur heutigen Ausflugsroute: Der Umbrailpass hat seine Bedeutung über die Jahrhunderte bewahrt. Die 1901 eröffnete Strasse bildet dabei ein wichtiges Kapitel seiner langen Geschichte.

Jubiläumsfeier auf dem Umbrailpass
Am Sonntag, 26. Juli, fand das Jubiläumsjahr auf dem Umbrailpass seinen stimmungsvollen Abschluss. Dort, wo sich Graubünden, Südtirol und die Lombardei begegnen, erinnerten Vertreter aus Politik, Tourismus und den Nachbarregionen an die Bedeutung der Passstrasse als Verbindung zwischen Menschen, Regionen und Kulturen. Dabei richtete sich der Blick nicht nur zurück auf ihre Geschichte, sondern ebenso nach vorne: Gemeinsame Projekte und grenzüberschreitende Zusammenarbeit sollen die Bedeutung der Umbrailpassstrasse auch künftig stärken
Dem Anlass verliehen auch der Verein Stelvio/Umbrail 14/18 und der Ortler Sammlerverein Erster Weltkrieg einen würdigen Rahmen. Beim von den Sponsoren Alfred Hog und Lilly Ermakova offerierten Apéro riche bot sich Gelegenheit zum Austausch über die Landesgrenzen hinweg. Für die musikalische Umrahmung sorgten die Musica Aurora Sta. Maria sowie die Alphorngruppe «Ils Infernals».
Kaum ein Ort hätte sich für den Abschluss des Jubiläumsjahres besser geeignet als die Passhöhe selbst – dort, wo die Umbrailpassstrasse seit 125 Jahren Regionen, Menschen und Kulturen miteinander verbindet.

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