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Nationalpark Stilfserjoch

Der Tod des jungen Bartgeiers Juval - Naturfotografie immer öfter Ursache von Verlusten

von Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Zeno, 12. April 2026
veröfftl. am 15. April 2026

Adulter Bartgeier; Foto: Dimitri Pozzi

Der Bartgeier ist wegen der aufgegebenen Brutpflege beim Jungvogel des neuen Paares „Juval“ in die Schlagzeilen verschiedener Südtiroler Printmedien gelangt. Ich nehme das Thema nochmals auf. Und vorweg deutlich dazu: Ich bin nicht der Amtsverteidiger des Forstinspektorates Schlanders. Mit Klarheit kann anhand der Datumsabfolge festgestellt werden: Nicht der Hubschrauber-Transportflug, sondern die fehlende Rücksicht eines „Natur-Fotografen“ ist für den Verlust des jungen Bartgeiers aus der Brut 2026 des Paares „Juval“ verantwortlich. Auch im derzeit letzten verfügbaren Jahresbericht der Schweizerischen Stiftung „Pro Bartgeier“ kann man nachlesen, dass unsachgemäße „Natur-Fotografie“ immer öfter die Ursache für Brutverluste von jungen Bartgeiern ist. Daher ergeht auch an dieser Stelle ein Apell an alle „Natur-Fotografen“, bebrütete Horste von Bartgeiern zu meiden und die sensiblen Vögel während ihres Brutgeschäftes nicht Angst und Stress auszusetzen. Und eine Erkenntnis für uns alle: Fotos von brütenden Elternvögeln und Nestlingen aus Naturbruten sollen auch in der Verwendung zur Bebilderung von Textbeiträgen tabu sein. Dies z.B. auch deshalb, weil neben dem Verlust des Juvaler Jungvogels 2026 von den bisher erfassten und bekannten Bartgeier-Paaren „Matsch-Planeil“ und „Laaser Tal“ für 2026 der Verbleib unbekannt ist und Störungen durch Naturfotografen auch für das Verlassen ihrer bisherigen Brutterritorien vermutet werden.

Die alpenweite Situation
Der Jahresbericht 2025 des internationalen Bartgeier Monitorings IBM erfasste für den Alpenraum zum August 2025 116 territoriale Paare von Bartgeiern. Dabei haben 47 Paare erfolgreich gebrütet und ihren Jungvogel bis zu seinem Ausfliegen gebracht. 20 Paaren haben ihre Brut begonnen, aber abgebrochen, bei 27 Paaren ist die Brut 2025 misslungen und 24 Paare haben nicht gebrütet. Der Verlust des Jungvogels bei den ersten Brutversuchen ist an sich nicht sonderlich abnormal. Abnormal ist es aber, wenn der Verlust auf menschliche Neugier, mangelnden Respekt und fehlende Haltung zurückzuführen ist und nicht auf naturgegebene Faktoren wie Nahrungsmangel oder z.B. artfremde Aggression und Attacken durch territoriale Steinadler im Brutgebiet der Bartgeier zurückgeht.

Geburten, Freilassungen und Todfunde
Seit der ersten Naturbrut 1997, elf Jahre nach Beginn des Wiederansiedlungsprojektes 1986 mit den ersten Freilassungen von Bartgeiern aus Zoos, sind in den 38 Jahren bis einschließlich 2025 im Alpenbogen insgesamt 518 Junggeier aus Naturbruten flügge geworden.
Seit Beginn des Wiederansiedlungsprojektes in den Alpen im Jahr 1986 wurden mehr als 260 Jungvögel aus Zoo- und Gehegezuchten freigelassen.
Eine exakte, absolute Gesamtzahl sämtlicher Todfunde seit 1986 ist aus den einzelnen Jahresberichten nur schwer rekonstruierbar. Die Berichte verdeutlichen jedoch, dass die Sterblichkeit – insbesondere durch Kollisionen, Vergiftungen und Abschüsse – ein kritischer Faktor für die Population ist.

Italien und Südtirol
In der Brutsaison 2025 gab es in Italien 28 erfasste Paare von Bartgeiern, 7 davon in Südtirol. Von diesen bisher bekannten 7 Südtiroler Bartgeier-Paaren haben 6 im
Vinschgau und eines in Passeier gebrütet.
Bartgeier werden erst im Alter von 5-7 Jahren geschlechtsreif und fortpflanzungsfähig. Einmal verpaart, gelten sie als monogam, d.h. sie leben in Einehe und lebenslang treu bis einer der beiden Paarpartner stirbt.
Bartgeier sind Winterbrüter, weil im abklingenden Spätwinter das Nahrungsangebot aus Skeletten von Fallwild am höchsten ist.
Bartgeier legen nur zwei Eier je Brut. Das zweite Ei wird dabei erst im Abstand von sieben Tagen nach dem ersten gelegt. Aber die Bartgeier-Henne sitzt vom ersten Ei an fest. Deswegen schlüpft das erste Junge sieben Tage vor dem zweiten, wenn beide Eier befruchtet und erfolgreich bebrütet worden sind. Das ältere und daher schon deutlich größere Junge verdrängt sein kleineres Geschwister von der Fütterung, hackt und attackiert es bis zu seinem Tod. Nach dem biblischen Brudermord von Kain an Abel wird diese arteigene Aggression des Bartgeiers in der Verhaltensforschung als Kainismus bezeichnet.

Bartgeier färben sich mit eisenoxidhaltigen Schlämmen das Gefieder ein. Das Auge hat einen orange-roten Skleralring. Foto: Michele Mendi

Bartgeier färben sich mit eisenoxidhaltigen Schlämmen das Gefieder ein. Das Auge hat einen orange-roten Skleralring. Foto: Michele Mendi

Juveniler Bartgeier. Foto: Renato Grassi

Juveniler Bartgeier. Foto: Renato Grassi