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Kultur

Rote Rosen auf der Hauswand

von Peter Tscholl
veröfftl. am 14. Oktober 2026

Porträt von Hans Ebensperger (morandell.it)

Geht man vom Hauptplatz in Mals der St. Benedikt Straße entlang Richtung Schleis, kommt man am Haus Gasser vorbei. Auf der Seite des Hauses, an der die Puni vorbeifließt, kann man auf der Hauswand zwei Sgraffiti erkennen: eine Muttergottes mit Kind und ein Sgraffito, das Rosen darstellt. Es sind zwei Arbeiten von Hans Ebensperger. Als einer der frühen Wegbereiter der Abstraktion in Südtirol gehört Ebensperger zu den Großen in der Südtiroler Moderne. Er ist einer jener Vinschger Künstler, die nicht nur durch ihr Werk, sondern auch durch ihre Persönlichkeit, wegen ihrer menschlichen Art besonders geschätzt und in Erinnerung bleiben. Was Ebenspergers Werk anlangt, ist wahrscheinlich alles schon gesagt worden. In diesem Beitrag geht es nicht um das Werk Hans Ebenspergers, sondern vor allem um den Mensch Ebensperger.

Leben und Werdegang

Geboren wurde Hans Ebensperger am 31. Oktober 1929 in Prad am Stilfserjoch. Hans war einziger Sohn der Rosa Ebensperger und eines griechischen Kaufmannes, den die Mutter in einem Schweizer Sanatorium kennengelernt hat, wo sie den lungenkranken Mann als Pflegerin betreute. Die frühe Kindheit verlebte Hans bei seiner Großmutter in Prad. Seine Mutter kam nur selten zu Besuch. „Alljährlich kam die Mutter aus der Schweiz, um bei uns nach Monaten harter Arbeit ein wenig Rast zu finden. Alle guten und schönen Sachen, die sie mir immer mitbrachte, verbreiteten einen lichten Schein um sie – und doch machte mich nichts glücklicher als die lautere Liebe dieser mir damals noch fremden Frau”, schreibt Hans Ebensperger in seinen Kindheitserinnerungen. Als neunjähriger ging Hans mit seiner Mutter nach Sargans in die Schweiz, wo er die Grundschule besuchte. Hier begann er zu malen und zu zeichnen. Da Mutter und Sohn in der Schweiz aber keine Aufenthaltsgenehmigung erhielten, übersiedelten die beiden in der Kriegszeit nach Innsbruck. Von Innsbruck führte ihn sein Weg nach Wien. Von 1948 bis 1952 studierte Ebensperger dort an der Akademie der bildenden Künste. Nach Abschluss der Akademiestudien kehrte er nach Südtirol zurück und mietete sich zunächst in Meran in Schloss Rubein ein Atelier. In der Schlosskapelle von Rubein heiratete er Siegfriede Coufal, eine Studienkollegin aus der Zeit der Wiener Akademie. Der Ehe entstammten zwei Töchter, Christine und Reinhild. 1959 zog Hans Ebensperger mit seiner Familie in den Vinschgau. In den folgenden Jahren arbeitete er am Umbau verschiedener Gaststätten und Hotels mit. Unter anderem gestaltete er die Kellerbar des “Seehotels” in Reschen oder dekorierte in Sgraffitotechnik den Speisesaal im Hotel “Goldene Rose” in Schlanders. In Marling erhielt Ebensperger den Auftrag, Sgraffitoarbeiten im Hotel Oberwirt und eine größere Wandgestaltung im Hotel Nörder auszuführen. Von der Pfarrei Prad erhielt Ebensperger 1964 den Auftrag, ein Fresko in der Pfarrkirche seines Heimatortes zu gestalten. Ebensperger nahm aber auch Fresko- und Sgraffitoaufträge von Privaten an. So zum Beispiel erhielt er anfangs der 60er Jahre von Anna Gasser in Mals den Auftrag, eine Muttergottes mit Kind auf die Hauswand zu gestalten.

Anna Gasser geb. Theiner (Jahrgang 1930) erzählt:

“Ja, ich habe Hans Ebensperger den Auftrag gegeben, eine Muttergottes auf die Hausmauer zu machen. Gewohnt hat er mit seiner Frau und den beiden Kindern bei meiner Schwester Gertraud, bei der Familie Blaas. Meine andere Schwester, die Luise, hat auf seine Kinder geschaut. Bei mir kam er öfters vorbei. Ich habe mich immer gefreut, wenn er vorbei kam. Dann konnte ich ihm Fragen stellen. Ich hatte ja keine Ahnung von der Kunst, interessiert hat mich das schon. Ich habe den Ebensperger als Künstler geschätzt. Der Ebensperger und ich, wir hatten ein gutes Verhältnis miteinander. Wir hatten eine gute Freundschaft, das kann man sagen. Wir haben uns – nicht verliebt – aber gemocht. Der Ebensperger war ein intelligenter, feiner und guter Mensch, auch hilfsbereitschaft, das kann man auch sagen. Oft aber war er bocknarrisch. So soll er zum Haidersee hinauf gefahren und ins eiskalte Wasser hineingetaucht sein. Oder er ist auf den Berg hinauf und hat dort ganz gefährliche Touren unternommen. Oder er hat mit seinem rotem Sportwagen (Alfa Romeo Spider) Ausflüge gemacht. Einmal ist er mit mir in 75 Minuten nach Bozen gefahren. Geld hatte der Ebensperger allerdings nie. Um zu Geld zu kommen, musste er immer alles verkaufen. Auch ich habe zwei Bilder von ihm gekauft. Er kam zu mir und sagte, er habe ein schönes Bild, das einen Wert bekommen würde, ich sollte es nehmen. Ich habe es genommen, weil ich eine Freude damit hatte, und habe ihm natürlich gut bezahlt. Um zu Geld zu kommen hat der Ebensperger auch mit Antiquitäten gehandelt. Ich habe zwei alte Möbelstücke von ihm gekauft. Der Ebensperger hat mir öfters auch erzählt von seinen Freunden im Unterland, bei denen er öfters war: beim ‘Teppich Eccel’ in Bozen oder beim Nicolussi-Leck in Frangart. Die waren wohlhabend und haben ihm auch immer gut bezahlt. Doch das ganze Geld hat der Ebensperger dann bald einmal wieder ausgegeben, für Frauen, für Autos, für alle möglichen Blödsinne.”

Ich frage Anna: “Familienmensch war er keiner?” Ihre Antwort: “Nein, Familienmensch war er keiner. Ich glaube, wenn er keine Familie gehabt hätte, wäre es besser gewesen. Wenn man Familie hat, kann man das nicht machen, was er gemacht hat. Gelebt hat der Ebensperger für die Kunst und für seine Blödsinne.” Ich sage: “Hans Ebensperger hat seine Eltern nie richtig kennen gelernt.” Anna: “Er hatte mit seinen Eltern wahrscheinlich keine große Freude. Von seiner Oma hat er öfters erzählt. Von seinen Eltern weiß ich eigentlich gar nichts. Von ihnen hat er nie etwas erzählt.” Ich frage Anna: “Kann es sein, dass Hans von seinen Eltern zu wenig Liebe bekommen, und deshalb zeitlebens nach Liebe gesucht hat?” Anna antwortet: “ Kann sein. Aber ich möchte das nicht behaupten. Was er gesucht hat, waren meiner Meinung nach Freundschaften, ehrliche, vertrauensvolle Freundschaften. Ich war ja niemand, kein Künstler oder so, und doch haben wir uns gut verstanden.” Auf die Frage, ob Hans Ebensperger ein glücklicher Mensch gewesen sei, antwortet sie: “Hineinschauen hat man nicht gekonnt. Aber mir kam schon vor, dass er glücklich war. Wenn er durchs Dorf ging, hat er jeden gegrüßt und jeder grüßte ihn. Die Leute haben ihn alle gerne gehabt. Der Ebensperger war ein lebenslustiger Mensch, ein Lebemensch. Er hat sein Leben gehabt. Und wenn auch viele Jahre vergangen sind, ich denke immer noch gerne an ihn. Er war ein Mensch, mit dem man hat reden können.”

Rote Rosen auf der Hauswand

Rosen gehören zu den häufigsten dargestellten Blumen der Kunstgeschichte. Rosen sind weit mehr als ein dekoratives Motiv, sie symbolisieren Schönheit, Dornen, Liebe und Schmerz, Blüte und Vergänglichkeit. Das Sgraffito mit den roten Rosen von Hans Ebensperger auf der Hauswand am Haus Gasser in Mals ist insofern bedeutsam, weil es kein Auftrag war. Es entstand ganz aus einem inneren Bedürfnis und sagt somit viel aus, wie Hans Ebensperger als Mensch war. Auf die Frage, wie es zu den Rosen auf der Hauswand kam, antwortet Anna Gasser: ”Wir hatten eine Jugendherberge. Und da hatten wir so Gruppen. Bei einer Gruppe waren zwei Schwestern mit dem Nachnamen Rose. Sie kamen aus Deutschland, aus Bochum, Nordrhein Westfalen. Und wie der Ebensperger halt war, so ein lustiger Kerl, der die Frauen gern gehabt hat, hat er sich in eine der beiden Schwestern unsterblich verliebt. Sie war höchstens 20, er war schon etwas älter, schon über 30. Dann kam der Tag der Abreise. Das Madl warf so ein kleines ‘Bärele’ (Plüschtier) in die Küche. Der Ebensperger, der auch da war, ist dann hinunter zu ihr zum Auto und hat sich von ihr verabschiedet. Nach ein paar Tagen sagte er zu mir: ‘Ich mache dir jetzt etwas auf die Hauswand hinauf!’ Da ich ihm schon vor einiger Zeit den Auftrag gegeben hatte, die Muttergottes auf die Hauswand zu machen, sagte ich zu ihm: ‘Ich habe kein Geld mehr.’ Da sagte er, das sei egal, er mache es trotzdem. Er hat mir aber nicht gesagt, was er machen möchte. Er hat etwa eine Woche lang daran gearbeitet. Dann verlangte er von mir ein weißes Leintuch, um seine Arbeit zu verdecken. Nachdem er sie zugedeckt hatte, sagte er zu mir: ‘Jetzt wird eröffnet.’ Ich sagte ihm, dass ich jetzt nicht hinunter gehen kann. Ich habe Leute da, muss denen etwas zu essen machen und kann nicht weggehen. So hat er halt etwas gewartet. Etwas später nahm er mich dann aber mit hinunter vor das Haus. Er nahm langsam das Leintuch weg, und wie das Leintuch weg war, kamen die Rosen zum Vorschein. Ich habe sofort gewusst, was er damit sagen wollte. Er sagte: ‘Das ist die Rose, in die ich mich verliebt habe. Deshalb habe ich sie hier auf der Hauswand abgebildet.’ Ja, und dann war die Rose halt da oben. Ich brauchte ihm dafür nichts bezahlen.” Ich frage Anna: “Hatte Ebensperger später noch Kontakt zu seiner Rose?” Anna: “Nein! Auch ich habe zu dem Madl keinen Kontakt mehr gehabt. Aber immer wenn der Ebensperger im Dorf war, ist er hierher gekommen und hat auf seine Rose hinaufgeschaut. Ja, und dann ist er bald einmal erkrankt. Von meinem Telefon aus hat er seine Frau angerufen und ihr gesagt, dass er jetzt öfters nach Innsbruck zur Therapie fahren müsse. Wenn er dann von Innsbruck kam, ist er immer wieder hierher gekommen, um auf seine Rose hinaufzuschauen - auch wenn er schon so schwach war, dass er sich dabei am Eisengeländer hat festhalten müssen. Ja, und in Innsbruck hat er sich dann auch noch in die Krankenschwester verliebt, die ihn gepflegt hat. Er hat sich eigentlich immer verliebt, sogar noch vor dem Sterben.”

Hans Ebensperger starb erst 42-jährig am 11. Dezember 1971 kurz nach der Heimkehr von der Innsbrucker Klinik. Es gibt ein sehr lesenswertes Buch von Eva Kreuzer-Eccel und Manfred A. Mayr über Hans Ebensperger. Es enthält seinen Weg, sein Ringen um Form und Farbe und schließlich sein trauriges, aber nicht hoffnungsloses Ende. Seine letzten Texte und Bilder sind nicht voller Resignation, sondern voller Licht und Hoffnung. Als sein letztes Bild gilt die “Schöpfung”, eine untergehende Sonne. Ebensperger malte das Bild kurz vor seinem Tode und kommentierte es so: “Noch ist Leben, noch ist Sonne; ich werde dieses Bild nicht ausstellen: Es ist zu persönlich, jeder sieht wie es mir geht. Schmerz, Angst und Tod schreien hervor, und doch glaube ich an das Licht über all das Dunkel.”

Das Sgraffito mit den roten Rosen

Das Sgraffito mit den roten Rosen

Portrait von Anna Gasser geb. Theiner

Portrait von Anna Gasser geb. Theiner