Zum Hauptinhalt springen

Portrait

Von Schlinig nach Zernez

von Christine Weithaler
Er wurde 1946, unter dem Namen Frederico, in Schlinig geboren und ist auf dem Anigglhof aufgewachsen. Er verbrachte als Ziegenhirte viel Zeit in der Natur, machte eine Lehre als Koch, arbeitete an den verschiedensten Orten, in Südtirol, England und der Schweiz. Die Liebe hielt ihn im Hotel Baer und Post in Zernez. Hier genießt er die Abgeschiedenheit der Natur auf den dazugehörigen Bauernhof.
veröfftl. am 10. Juni 2026

Der gastfreundliche Koch lud in seine private Küche zu einem köstlich einfachen Essen

Spielzeug gab es für Fritz und seine 10 Geschwister keines. Sie hatten die Natur, die Tiere und ihre Freiheit, die sie lebhaft auslebten. Mit sieben Jahren hütete Fritz die Ziegen des Hofes und die von anderen Bauern. Gern begleitete er seinen Vater auf die Jagd. Er mochte ihn trotz seiner Strenge und Disziplin. Seine Mutter führte als Bäuerin und Köchin den Gasthof, der zum Anigglhof gehörte. Durch Hof und Gasthof waren sie gut versorgt. Als Ziegenhirte war Fritz ein sogenannter Kostgänger, dabei sah er, dass viele der ärmeren Familien trotz ihrem Wenigen sehr zufrieden lebten. Sein letztes Schuljahr verbrachte er in Cesenatico in einer Kolonie mit weiteren Südtirolern. Mittwochs wurde in italienischer Sprache unterrichtet, an den restlichen Tagen in Deutsch, genauso wie in Schlinig. Mit 15 Jahren begann er die Lehre als Koch im Marlinger Hof, eine strenge und harte Zeit. Täglich arbeitete er von sieben Uhr morgens bis mitternachts. Danach brachte er noch die Kochabfälle zur Etsch, wo die dort lebenden Zigeuner auf das noch Verwendbare warteten. Fritz entdeckte in Marling ein Motoradgeschäft. Er verdiente damals umgerechnet etwa 50 € und, da der Lohn nicht reichte, bat er seine Tante um Hilfe. Sie lieh ihm das fehlende Geld. Am nächsten freien Tag fuhr er mit seinem neuen Motorrad stolz von Marling nach Schlinig.
Der gelernte Koch trat 1961 seine erste Arbeitsstelle im Hotel La Margna in St. Moritz an. Die Arbeit im bzw. mit dem multikulturellen Küchenteam war spannend und bereichernd. Doch er wollte nie lange an einem Ort bleiben. Gemeinsam mit dem dortigen Küchenchef wechselte er zum Hotel Post, auch in St. Moritz. Dort lernte er das Zubereiten Schweizer und Französischer Spezialitäten. Da Fritz zweisprachig aufwuchs lernte er schnell Rätoromanisch. Es zog ihn nach Scoul, Zürich bis in die französische Schweiz. In Martigny arbeitete er im Hotel Kluser. Der dortige Portier vermittelte ihm einen Aufenthalt in England. In London half Umberto Casa, ein Freund des Portiers, dem Schliniger mit der damals strengen Fremdenpolizei und einer nicht ganz legalen Arbeitsstelle. Täglich besuchte Fritz die Sprachschule in Oxford, um den Schein als Student zu wahren.
Unfreiwillig kehrte er 1967 zurück. Er wollte seine Staatsbürgerschaft nicht verlieren und kam zum Militärdienst nach Cuneo. Durch Oberst Stocker „Fuchs“ aus Mals erhielt Fritz eine Stelle in der Militärküche. Dadurch kam er zur Ehre, in der Küche des Capitano auf Wunsch dessen Frau eine Schwarzwälderkirschtorte zuzubereiten. Ein geliehenes Rezept half ihm zum Gelingen seines ersten Backversuches. Die Mutter des Capitano besaß ein Bergrestaurant auf dem Matterhorn in Cervinia. Fritz verbrachte dort seinen restlichen Dienst. Hier hatte er keine Gelegenheit, das gut verdiente Geld auszugeben. Im August endete sein Militärdienst. Er fuhr mit dem Zug nach Mals, holte seinen „Concedo“, kaufte sich einen Fiat 1300 und fuhr direkt wieder nach Cervinia, um die Saison zu beenden. Danach half Fritz seiner Schwester im Hotel Watles. Sie hatte die Zeitschrift „Engadiner Post” abonniert, in der er eine Stelle im Hotel Aurora in S-chanf fand.
Am Wochenende wurde natürlich mit Kollegen gefeiert. Nach einer durchfeierten Nacht traten sie morgens in das Hotel Baer und Post in Zernez. Mit strahlenden Augen erzählt Fritz: „Da kam ein junges Mädchen mit Schulranzen die Treppe herunter…“. 1972 wurde geheiratet. Ihre drei Töchter und der Sohn sind alle in der Gastronomie tätig. „In der Gastronomie gibt es keinen Stillstand“ meint Fritz „man muss immer wieder investieren“. Was er auch tat. Zudem erwarb er nicht weit vom Hotel eine 9 ha große Wiese. Nach dem nicht einfachen Kauf und Landabtausch begann Fritz 1984 dort mit dem Stallbau. 2005 folgte das Haus, wo sie seither leben. Sie errichteten ein eigenes Wasserkraftwerk, und der Hof wurde einer der ersten Bio Landwirtschaftsbetriebe im Engadin. Das Fleisch aus der eigenen Black Angus Mutterkuhherde kommt im Hotel auf den Tisch. 2017 übernahm der Sohn Christian das Hotel und den Bauernhof, führt alles mit seiner Frau Andrea und großer Leidenschaft weiter.
Fritz genießt die Abgeschiedenheit und die Natur des Hofes. Er ist Jäger, sammelt Antiquitäten, ist von Oldtimern und Motorrädern fasziniert. Er restauriert gerne Traktoren, macht gerne „Geschäfte“ und gönnt sich ein gutes Glas Wein. Der etwas Querköpfige mit großem Herz liebt seine Familie, verfolgt seine Ziele und bestärkt andere, ihren eigenen Weg zu gehen. „Im Leben braucht es ein Ziel“, meint der sympathische Engadiner mit Vinschger Wurzeln.