„Wenn i Stress hon, gea i zu meine Vögelen“
Ida Lanbacher, Jg. 1954, Kastelbell, bei ihren Wellensittichen. Als Anerkennung für ihren ehrenamtlichen Einsatz erhielt sie 2012 die Verdienstmedaille des Landes Tirol. Sie ist weiterhin aktiv nach ihrem Motto: Wer rastet, der rostet. Derzeit unterstützt sie einen 92-jährigen Senior bei seinen Besorgungen und Terminen.
Die Nymphensittiche sind Idas Lieblinge. Doch auch alle anderen Sittiche sind ihr ans Herz gewachsen. Angefangen hatte alles 2008 als ihr Enkel zwei Wellensittiche geschenkt bekam. Idas Partner Michele war von denen so angetan, dass er sich auch zwei kaufte. Kurz darauf übernahm Ida die Wellensittiche des Enkels. Dann kamen noch zwei von einem Nachbarn dazu. „Nor isch di Sucht ausbrochn“, lacht sie.
Ida wuchs auf einem Hof in Galsaun mit drei älteren Brüdern auf. Als 15-Jährige schickte sie die Mutter in eine Haushaltsschule zu Klosterfrauen nach Turin. Ihr Vater erkrankte, und sie kehrte zurück. Seinen Tod kurz darauf beschreibt sie als einschneidendes Ereignis. „In Turin hat i schun a Stell kopp, obr i hon di Mama nit alloan lossn gwellt“, sagt sie. Später begann sie als Bedienung am Ritten. Damit sie die Fahrschule machen konnte, wechselte sie ins Überetsch. Sie nutzte jede Gelegenheit zum Tanzen. „I tonz für mein Leben gearn“, betont sie. Als sie vor der Anschlagtafel in Latsch Ausschau nach einer Tanzgelegenheit hielt, traf sie auf ihren ersten Ehemann. Er lud sie zum Ball ein. Es entwickelte sich eine Beziehung und Ida wurde schwanger. Das Paar heiratete 1973. „A ledigs Kind war selm a Schond gwesn“, sagt sie. Ida wurde Mutter einer Tochter. Die Familie lebte zuerst in Schlanders und zog dann in Idas Elternhaus zu ihrem erkrankten Bruder. Die zweite Tochter kam 1976 zur Welt. Dann scheiterte die Ehe und Ida stand mit den Mädchen allein da. „I hon selm koa Kronkenversicherung mea kopp, wos i heint nou nit verstea“, sagt sie. Ihre Rettung war die Bauernkrankenkasse. Ida schlug sich als Vertreterin von AMC-Geschirr durch. 1985 begann sie mit dem Theaterspielen. Ida lebte sparsam und wagte den Bau ihres Reihenhauses. Finanzielle Sicherheit gab ihr schließlich die Anstellung als Kindergartenköchin zuerst in Kastelbell und dann in Tschars, wo sie bis zu ihrer Pensionierung 2020 tätig war.
Idas Einsatz galt stets dem Kampf um soziale Gerechtigkeit. Sie war als Präsidentin der Plattform für Alleinerziehende 20 Jahre lang treibende Kraft. Als ihre größte Errungenschaft wertet sie die Einrichtung der Landes-Unterhalts-Vorschussstelle 2003. 20 Jahre lang wirkte sie im Beirat für Chancengleichheit. Sie verteilte „Essen auf Rädern“, war aktiv im Dachverband für Soziales und ist im Vinzenzverein tätig. 30 Jahre lang war sie Kassiererin der Theaterbühne Kastelbell/Tschars. Heute ist sie deren Obfrau. Sie ist Mitglied im Vogelzuchtverein und im Tierschutzverein Vinschgau.
Ida knüpfte Netzwerke, so auch das europäische Netzwerk für Alleinerziehende „ENoS“, wo sie immer noch tätig ist. Auf der Heimfahrt von Sitzungen in Bozen machte sie öfters Halt im Tanzstadel „Nörder“. 1999 traf sie dort den Bauarbeiter Michele Lorusso (Jg 1949), der genauso gerne tanzte wie sie. Er wurde später ihr Ehemann. Beide teilten die Liebe zu den Wellensittichen. Sie bestückten Ausstellungen und erhielten viele Auszeichnungen. Eine schwere Zeit brach an, als Michele im November 2025 erkrankte und sechs Monate später starb. Ida bemüht sich nun den Verlust zu bewältigen. Ihr Hund Fido, ihre zwei Katzen und die Wellensittiche helfen ihr dabei. Wenn diese beim Käfigputzen im Freiflug um sie herumflattern und sich auf ihre Hand setzen, vergisst sie allen Schmerz. Dass die Sittiche gerne in ihre Käfige zurückfliegen, zeigt, dass sie sich dort geborgen fühlen. Die Größe der Käfige ist der Vogelart und der Zahl der Tiere angepasst. Ida sorgt für größte Sauberkeit. Regelmäßig kontrolliert sie die Brutnester. Oft päppelt sie Küken auf. Tierärzte hatten bisher nichts zu beanstanden. „Wenn i Stress hon, gea i zu meine Vögelen“, betont Ida. „Selm kimm i zur Rua, a wenn’s laut isch.“ Mittlerweile denkt sie darüber nach mit dem Nachzüchten aufzuhören und den Vogelbestand langsam abzubauen. Von ihren Nymphensittichen will sie sich erst zuletzt trennen.