„Miar hobm olm guat mitnond gschoffn“
Loisa Tröger Jg. 1943 und Hans Steiner Jg. 1931 in Agums haben im vergangenen Dezember ihre „Eiserne Hochzeit“ gefeiert. Besondere Freude machen ihnen ihre acht Enkel und die zehn Urenkel.
Loisa kam als uneheliches Kind bei den Klosterfrauen in Schlanders zur Welt. Ihre Mutter, eine mittellose Dienstmagd, durfte nur zwei Monate dort bleiben. Anschließend musste sie die Kleine in fremde Hände geben, um als „Diarn“ bei Bauern weiter ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. „Di Muatr hot koa Hoamat kopp, unt Votr hots für miar koan gebm“, sagt Loisa. Ihr sieben Jahre älterer Bruder hatte mehr Glück. Er war auf dem Hof seines Vaters untergekommen. Ihr erstes Zuhause fand Loisa bei einer Ziehmutter in einer Schludernser Großfamilie. Ihre leibliche Mutter kam nur selten zu Besuch. Zwischen den beiden ließ sich keine Beziehung aufbauen. Nach dem Tod der Ziehmutter 1950 kümmerte sich eine Tante in Prad um Loisa. Eine andere Tante holte sie kurz darauf für ein Schuljahr nach Allitz, damit sie deren Tochter auf dem Schulweg begleiten konnte. Dann kehrte Loisa wieder zur Tante nach Prad zurück und hütete deren Kinder. Schließlich fand Loisa eine Bleibe auf dem Hof ihrer Firmpatin in Agums. Sie war dort Mädchen für alles. Obwohl sie einst herumgereicht worden war, hadert Loisa nicht mit ihrem Schicksal. „I bin nia ausgschoadat gwortn“, erklärt sie. Sie vermisst jedoch, dass sie als Kind nie in den Arm genommen worden war. „I moan, deswegn hon i deis selbr a nia kennt“, verrät sie.
Hans wuchs als jüngster von fünf Kindern auf dem kleinen Bauernhof in Agums auf, in dem er heute noch lebt. Sein Vater war Totengräber im nahen Friedhof. Als kleiner Bub schaute Hans ihm beim Graböffnen oft über die Schultern. So ganz wohl war ihm jedoch nie dabei. Immer wenn der Vater auf das Brett eines Holzsarges stieß, ergriff Hans die Flucht. Bittere Erinnerungen hat Hans an die Jahre 1943/44. Im November 1943 kam die Nachricht vom Tod seines ältesten Bruders an der Front. Drei Monate später starb seine Schwester an Thyphus. In den 1950er Jahren ging Hans auf Arbeitssuche und fand sie im Magnesit-Bergwerk „Zumpanell“ bei Stilfs. Ein offener Lastwagen brachte ihn und seine Kumpel am Montag zum Bergwerk. „Miar hobm in gonzn Tog Stoan klobm“, erklärt er. Am Samstag kehrten die Männer meist zu Fuß ins Tal zurück. Drei Jahre blieb Hans dort. Dann übernahm er den elterlichen Hof. Seine Mutter war inzwischen gestorben und die Geschwister waren ausgezogen. Beim täglichen „Milchschütten“ in der Sennerei traf er die 12 Jahre jüngere Loisa. Die beiden verliebten sich und heirateten im Dezember 1960 in Maria Trens. Loisa zog zu ihm in sein Elternhaus. Mit ihrem Schwiegervater verstand sie sich auf Anhieb. „I hon mit ihm olm guat redn kennt“, betont sie. Die Familie lebte von der kleinen Bauerschaft. Hans übernahm auch den Totengräber-Dienst von seinem Vater. Schwerstarbeit war das Graböffnen bei gefrorenem Boden. Oft war er bis zu zwei Tage mit Pickel und Schaufel am Werk. Der Lohn war bescheiden. „1970 hon i pro Grob 4.000 Lire kriag“, erinnert er sich. Der Platzmangel auf dem Friedhof sorgte für manch schaurigen Anblick. Deshalb regte Hans bei jeder Gelegenheit die Errichtung eines neuen Friedhofs an, der später auch gebaut wurde. Daheim waren inzwischen vier Kinder zu versorgen. Deshalb gab Hans den Totengräberdienst nach 12 Jahren auf und arbeitete als Handlanger bei einer Lichtenberger Baufirma, bis zu seinem Ruhestand.
Loisa kümmerte sich um die Kinder, um den Haushalt, um Stall- und Feldarbeit. Hans half mit, wo er konnte. „Miar hobm olm guat mitnond gschoffn“, betont sie. Ende der 1970er Jahre wurde ihr Schwiegervater pflegebedürftig. Loisa betreute ihn rund um die Uhr. Sie nahm auch ihre alte Mutter auf, obwohl es vorher kaum einen Kontakt gegeben hatte. Beide umsorgte sie bis zu deren Tod. Als schwersten Schicksalsschlag beschreiben Hans und Loisa den Verlust ihres ältesten Sohnes, der vor drei Jahren nach kurzer Krankheit gestorben ist. „Es gib für Eltern nichts Schlimmers, als a Kind zu verliern“, betont Loisa. Dem Hans setzen die Beschwerden seines hohen Alters immer mehr zu. Loisa ist seine liebvolle Stütze. „Miar tian olm nou viel mitnond diskutiern, sou wia friaher“, erklärt sie. „Lai iatz lott holt olz noch.“ Beim Lesen und beim Stricken lenkt sie sich ab. Sie kreiert kunstvolle Deckchen. Das ist ihre Freude. Mit viel Gottvertrauen nehmen die Eheleute jeder Tag hin wie er ist und sind dankbar, dass sie sich noch haben.