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Natur & Landschaft

Vom Pferd zum Ross - Splitter zur Domestikation des Pferdes

von Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Augustinus, 28. August 2026
veröfftl. am 02. September 2026

Freizeitpferde auf der Sommerweide in Plamort oberhalb von Reschen mit Ausblick auf den Reschen- und den Haidersee.

Als ich Ende der 1950-er Jahre ein Kind im Volksschulalter war, wohnten meine Eltern und unsere Familie in einem Haus am Hauptplatz im Altdorfkern von Laas. Im Hausgeviert waren Bauersfamilien unsere direkten Nachbarn und im Innenhof gab es Kühe, Rinder, Pferde, Schweine und Hennen. Auch in der erweiterten Nachbarschaft waren alle Ställe mit Nutztieren belegt und alle Scheunen mit Futtervorräten für den Winter gefüllt. Die Bauern waren weitestgehend Selbstversorger. Es gab in den Nachbargassen einen Stierhalter, einen Hengsthalter und mehrere Halter von Ebern zur Besamung der Hausschweine. Künstliche Besamung der Rinder war unbekannt. Zugtiere für Futterwägen oder anderes landwirtschaftliches Gerät waren Melkkühe, ein einzelnes Pferd oder ein Pferdegespann. Im Laas der Endfünfziger Jahre gab es erst zwei Traktoren: einen Steyr Puch mit Antriebskurbel und einen Holder.
50 Jahre später, als unsere älteste Tochter nach ihrem Hochschulabschluss 2008 ein Gastjahr als Lektorin an der Universität von Ulan Bathor in der Mongolei verbracht hat, durfte ich bei einem Besuch im mongolischen Nationalpark Chustai Nuruu die Przewalski-Wildpferde (Equus perzewalski) beobachten.
Die zwei oben genannten Eckdaten sind mir Anlass, in meinem heutigen Beitrag ein paar Splitter zur Zähmung des Pferdes zum Ross zusammenzufassen. Die Welt, in der wir leben, formierte sich nämlich nicht unwesentlich auf dem Rücken der Pferde. Bis vor wenigen Jahrzehnten prägten Hauspferde (Equus caballus) viele Gesellschaften und Kulturen rund um die Erde.

Vom Wild- zum Nutztier
In den unterschiedlichsten Klimazonen unseres Planeten vollzog sich die Entwicklung der Frühmenschen vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit in unterschiedlichen Nuancen, aber im Wesentlichen im Dreischritt von nomadisierenden Jägern und Sammlerinnen über teilweise noch weiterziehende Hirten zu sesshaften Bauern. Evolutionsgeschichtlich besonders interessant ist dabei auch das Ausleuchten der Frage, welche Wildtiere dabei der Mensch in den unterschiedlichen Lebensräumen als erste zu Nutztieren gezähmt hat. Einen wertvollen und interessanten Beitrag zur Domestikation des Pferdes haben der Archäozoologe William T. Taylor von der University of Colrado in Boulder und seine Kollegin Christina Barrón-Ortiz 2021 mit der Untersuchung der Überreste Dutzender Wildpferde aus eiszeitlichen Fundstellen in Nordamerika geliefert. In der neuesten Ausgabe 9.26 des Wissenschaftsmagazins „Spektrum der Wissenschaft“ hat William T. Taylor die Ergebnisse publiziert und einige aktualisierende Einordnungen gemacht.

Das Pferd als Jagdwild
Die Gattung Equus, zu der Pferde, Esel und Zebras gehören, entstand vor rund vier Millionen Jahren in Nordamerika. Einige Vertreter dieser Huftiere wanderten über die Bering-Landbrücke, die während der Eiszeit das heutige Russland mit Alaska verband, nach Asien und Europa ein. Pferde zählen zu den frühesten und intensivsten bejagten Tiergruppen. Jahrtausende blieben Wildpferde eine wichtige Nahrungsquelle für den frühen Homo sapiens im nördlichen Eurasien. Die Frühmenschen beobachteten ihr Jagdwild offenbar sehr genau: Pferde spielten eine herausragende Rolle in der Kunst der Eiszeit. Ein eindrucksvoller Beitrag sind dabei die Pferdedarstellungen mit Holzkohle auf den Kalksteinfelsen in der Höhle von Chaúve in Frankreich, die mindestens 30.000 Jahre alt sind.
Für das Pferd erweist sich die Rekonstruktion des Überganges von der Jäger-Beute-Beziehung zur Haltung als Nutztier als schwierig. Beim Pferd gilt die Verwendung der Stutenmilch, deren Spuren man mit Hilfe neuerer Methoden zur Analyse prähistorischer Biomoleküle auf Tonscherben gefunden hat, als einer der frühen Beweise für die Zähmung zum Nutztier. Räumlich siedelt die Archäozoologie die ersten Pferdehirten in den kalten, trockenen und abgelegenen Graslandschaften der eurasischen Steppen zwischen Osteuropa bis fast zum Pazifik an. Die dort lebenden menschlichen Populationen waren nomadisierend und trieben ihre Herden, den Jahreszeiten folgend, auf jeweils geeignete Weidegründe. In der Mongolei erlebte ich es 2008 noch so. Zeitlich wurde die Domestikation des Wildpferdes zum Haustier lange Zeit und von vielen Forschern beim ukrainischen Stamm der Jamnaja vor etwa 6.000 Jahren angesetzt. Ein wichtiger Parameter für diese Zeiteinordnung war in der archäologischen Forschung dabei der Gebissverschleiß: Wenn Pferde für den Transport oder Beritt eingesetzt werden, zeigt sich durch den Druck und die Reibung bei Tieren, die mit einer metallischen Trense geführt oder beritten werden, ein bestimmtes Schadensmuster im Gebiss, häufig an den unteren zwei vorderen Backenzähnen. Die These vom Zahnverschleiß durch metallische Tresen als ein Beweis für eine erste Zähmung geriet jedoch ins Wanken, weil Archäozoologen an ausgegrabenen Skeletten von Przewalksi-Pferden den gleichen Zahnverschleiß fanden. Das Przewalksi-Pferd ist zwar eng mit dem Hauspferd verwandt, wurde jedoch nachweislich über die gesamte überlieferte Geschichte nie als Nutztier gehalten, sondern blieb immer Wildtier. Neue Genomanalysen am Institut für Evolutionsbiologie in Barcelona haben ergeben, dass die Vorfahren der heutigen Hauspferde in den eurasischen Steppen erst um 2200 v. Chr. lebten, fast 2000 Jahre später als bisher angenommen.
Archäologie und Genomik haben jetzt auch erhellt, dass die Frühmenschen die Pferde unmittelbar, nachdem die Zähmung gelungen war, nicht nur zum Reiten, sondern auch zum Transport eingesetzt haben. Zu den frühen archäologisch eindeutigen Hinweisen auf eine Domestikation gehören Bestattungen von Pferden zusammen mit Streitwagen aus der Zeit um 2000 v. Chr. an Fundstellen der Suitatscha-Kultur im heutigen Russland.
Bereits in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. setzten zahlreiche Zivilisationen auf Pferdestärken – von Ägypten und anderen Kulturen des Mittelmeeres über Skandinavien im Norden bis in die Mongolei und China im Osten. In vielen Fällen stellte die Ankunft der Reit- und Zugtiere die bestehende Machtbalance auf den Kopf. Auf dem Rücken der Pferde durchquerten Menschen die Wegenetze und Handelsrouten der Steppen, um Waren, Pflanzen, Tiere und Ideen über ganz Eurasien und darüber hinaus zu verbreiten. Dabei reisten auch frühe Pandemien im Gepäck mit: DNA-Untersuchungen des Pestbakteriums Yersinia pestis deuten darauf hin, dass die ältesten Stämme des Erregers, der Europa heimsuchte, ihren Ursprung in den Wüsten, Bergen und Steppen Zentralasiens hatten; von dort breiteten sie sich im frühen 14. Jahrhundert entlang der mit Pferden erschlossenen Steppenkorridore und der Seidenstraße aus. Und auf dem Rücken der Pferde kam auch die indogermanische Sprache nach Europa, zu der Deutsch und Englisch gehören.

Vom Arbeitstier zum Freizeittier
In vielerlei Hinsicht vollzog sich das Verschwinden der Pferde in den letzten 80 Jahren aus unserem Arbeitsalltag genauso schnell und mit entsprechend tiefgreifenden Konsequenzen wie ihre erste Domestikation vor 4.000 Jahren. Die rasche Technisierung ersetzte in den meisten Regionen der Erde Pfade durch Asphaltstraßen und Rösser durch motorisierte Fahrzeuge.

Die Darstellung der Pferde in der französichen Felsenhöhle von Chaúve ist mindestens 30.000 Jahre alt.

Die Darstellung der Pferde in der französichen Felsenhöhle von Chaúve ist mindestens 30.000 Jahre alt.

Przewalski-Wildpferde im mongolischen Nationalpark Chustai Nuruu. Diese Pferde wurden niemals gezähmt.

Przewalski-Wildpferde im mongolischen Nationalpark Chustai Nuruu. Diese Pferde wurden niemals gezähmt.

Josef Niederfriniger vom Obergasshof in Tanas anfangs der 1980er Jahre beim Pflügen.

Josef Niederfriniger vom Obergasshof in Tanas anfangs der 1980er Jahre beim Pflügen.