MUZEUM SUSCH im Engadin
Im Herbst des letzten Jahres unternahm der ASM (Arbeitskreis Südtiroler Mittel-, Ober- und Berufsschullehrer/innen) eine Tagesfahrt zu diesem geheimnisvollen Ort. Angesiedelt auf dem Gelände eines ehemaligen mittelalterlichen Klosters, hat das MUZEUM SUSCH seit dem 2. Januar 2019 seine Türen geöffnet. Es ist ein experimenteller Ort für die Kunst, die in der malerischen Landschaft des Engadins Bezüge sucht und herstellt. Ein Schwerpunkt der Ausstellungen sind Werke von Künstlerinnen aus dem osteuropäischen Raum.
Susch ist eine kleine Ortschaft mit rund 200 Einwohnern in der Gemeinde Zernez im Engadin, einem der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas. Bis 2014 war Susch eine eigenständige Gemeinde auf 1438 m ü. M. Susch liegt an einer wichtigen Wegkreuzung am Inn. Nach Norden geht es über den Flüelapass ins Rheintal, nach Süden über den Ofenpass nach Müstair in den Vinschgau, nach Westen geht es ins Oberengadin nach St. Moritz und über den Malojapass zum Comersee nach Italien und nach Osten führt der Weg ins Unterengadin nach Landeck/Österreich. Große Bedeutung hatte Susch als Kreuzungspunkt der Pilgerpfade nach Rom bzw. nach Santiago de Compostela in Spanien. In Susch entstand 1157 ein ländliches Kloster, das den Pilgern Unterkunft, Verpflegung, Schutz und geistliche Betreuung bot. Im 19. Jahrhundert wurde das Kloster um eine Brauerei ergänzt.
Aus dem Klostergebäude wird ein modernes Museum
Die polnische Unternehmerin Grażyna Kulczyk erwarb dieses mittelalterliche Klostergebäude und an der gleichen Straße drei weitere alte Engadiner Häuser und beauftragte das Architektenduo Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy damit, aus dem Häuserkomplex das Projekt „Muzeum Susch“ zu entwickeln. Die Architekten standen vor der Herausforderung, diese Bauwerke sowohl visuell als auch funktional zu vereinen. Da der Gebäudekomplex einen bedeutenden historischen und landschaftlichen Wert besitzt und durch das kantonale Denkmalschutzgesetz geschützt ist, durfte nichts abgerissen und auch nichts dazu gebaut werden. Zusätzliche Räume und Verbindungswege mussten durch Ausgrabungen in den festen Bergfels geschaffen werden. Die erste Phase des Projekts umfasste über ein Jahr lang Sprengungen und Ausgrabungen, wobei 10.000 Tonnen Amphibolit, ein lokales Gestein, abgebaut wurde. In einigen Räumen wurde der rohe Fels belassen, in einem anderen Raum kann beobachtet werden, wie Quellwasser aus dem Felsen tritt. Der Umbau dauerte drei Jahre. Das herausgesprengte Gestein wurde zermahlen und als geschliffener Bodenbelag wieder verwendet. Weitere Böden bestehen aus einheimischem Arvenholz, aus Kieseln aus dem Inn oder aus Platten aus dem Kalkstein, der in den Vorgängerbauten verbaut worden war. Heute umfasst die Ausstellungsfläche auf vier Etagen in rund zwanzig labyrinthartig angeordneten und unterschiedlich gestalteten Räumen 1.500 Quadratmeter. Um das Wirtschaftsgebäude des Klosterkomplexes (Bieraria Veglia) mit dem später hinzugefügten Hauptgebäude (Bieraria) zu verbinden, führt ein unterirdischer Durchgang die Besucher unter der Straße hindurch in die Bieraria.
Stairs und Tuor per Susch
Das Muzeum Susch besteht aus einer Reihe permanenter Installationen internationaler zeitgenössischer Künstler:innen. Die Installationen setzen sich mit der Architektur und der charakteristischen Struktur des Gebäudes auseinander. Außerdem gibt es temporäre Ausstellungen, die den größten Teil des Gebäudes einnehmen. Die Museumsgründerin Grażyna Kulczyk sieht sich als Botschafterin für die zeitgenössische polnische und mittelosteuropäische Kunst, die lange Zeit von der Mehrheit der westlichen Kunstkritiker und Sammler übersehen wurde. Außerdem verfolgt sie zwei Hauptinteressen: Internationale Künstler mit neuen Perspektiven und Künstler mit vielfältigen Beziehungen zwischen Ost und West. Beim Eintreten in den früheren Kühlturm der Brauerei fällt der Blick auf eine schwarze, wuchtige Installation, die von der Decke herabhängt wie eine Schlange. Es ist „Stairs“ (die Treppe), eine 14 Meter hohe Stahlstruktur, eine massive, dekonstruierte Treppe, die fast eine Tonne wiegt und über alle vier Stockwerke reicht. Es ist die erste ortsspezifische Installation für MUZEUM SUSCH, die von der Künstlerin Monika Sosnowska entworfen wurde. Diese Installation im Inneren des Gebäudes symbolisiert irgendwie das Rückgrat des ganzen Museums. Die Landschaftsgestaltung im Außenbereich durch Günther Vogt ist ein zentraler Bestandteil des Projekts und umgibt die Bauwerke der Gebäude, um die historischen Eigenschaften des Geländes zu bewahren und zu verbessern. Oberhalb der ganzen Gebäude steht der „Tuor per Susch“ (Turm für Susch), ein Kunstprojekt des Schweizer Künstlers Not Vital, der im Schloss Tarasp im Unterengadin lebt, aber international tätig ist. Der Turm, der aus einem 28 Tonnen schweren Marmorblock aus Italien gefertigt wurde, ist zehn Meter hoch und bietet einen einzigartigen Blick ins Innere, das durch eine rechteckige Öffnung im Stein sichtbar ist. Der Turm Tuor per Susch ist der vierte Turm im Dorf, nach dem historischen Tuor La Praschun, errichtet im 13. Jahrhundert, Tuor Planta, dessen Fundamente ebenfalls bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, sowie dem romanischen Turm der spätgotisch reformierten Dorfkirche.
Die fünf Säulen des Museumsprojektes
Das ganze Museumsprojekt steht auf fünf Säulen – MUZEUM SUSCH, INSTITUTO SUSCH, ACZIUN SUSCH, TEMPORARS SUSCH und DISPUTAZIUNS SUSCH und bemüht sich Räume für Begegnung, Diskurs und Austausch zu schaffen.
„Instituto Susch“ Im Fokus stehen Werke von Künstlerinnen aus den 1960er bis 1980er Jahren aus Mittel- und Osteuropa. Zur historischen Einordnung wird auch die Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre berücksichtigt. Besonders interessiert ist das Instituto Susch an Künstlerinnen, die mit neuen Medien und Techniken experimentierten oder traditionelle Techniken innovativ einsetzten.
„Acziun Susch“ ist eine Forschungs- und Präsentationsplattform, die die Kunst der Choreografie im Dialog mit anderen Disziplinen hervorbringt und der Tanzgemeinschaft einen Treffpunkt in den Schweizer Alpen bietet.
„Temporars Susch“ beherbergt seit Februar 2020 in der Chasa neben dem Museum das Temporars-Susch-Residenzprogramm, das Reisenden und Kreativen eine temporäre Heimat bietet, die sich auf literarisches, poetisches und akademisches Schreiben konzentrieren.
„Disputaziuns Susch“ ist ein forschungsbasiertes Diskursprogramm des Muzeum Susch. Das Programm würdigt den Geist von Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Avantgarde-Kunst geprägt haben. Disputaziuns Susch ist interdisziplinär und umfasst Formate wie Publikationen, Symposien und Performances, die kritische Reflexion und kreativen Austausch fördern. Das Muzeum Susch Magazine dient als Plattform, um den kreativen Dialog mit Künstlern, Kuratoren und Forschern, die Teil des Programms des Muzeums Susch waren, fortzusetzen und weiterzuentwickeln.