Der Mauersegler - In der Luft zuhause wie Fische im Meer
Mauersegler sind Schwarmvögel, die sich aber als Paar erkennen und in monogamer Einehe brüten. Fotos: Adobe Stock
Rasant ist sein Flug. Lang und sichelförmig sind seine Flügel, schrill und laut seine abendlichen Schreiflüge um manche Kirchtürme. Die Rede ist vom Mauersegler (Apus apus). Noch viel extremer als die Schwalben sind die Mauersegler an das Luftleben angepasst. Aus besenderten Vögeln weiß man heute, dass sich die Segler außerhalb der Fortpflanzungszeit mehrere Monate so gut wie ununterbrochen in der Luft aufhalten. Die Flugkünste der Segler sind faszinierend. Sie beherrschen den Luftraum zur Insektenjagd, sie trinken im Flug, sie begatten sich manchmal sogar im Flug und sie ruhen nachts in den hohen Luftschichten, indem sie die Thermik nutzen.
Die Familie der Segler
Auch wenn Segler von manchen Beobachtern mit Schwalben verwechselt werden, bilden sie die eigene Vogelfamilie der Apodidae (Segler). Die Ähnlichkeit der Segler mit den Schwalben hat keine verwandtschaftlichen Gründe, sondern ist das evolutionäre Ergebnis gleicher Anpassung an die Erfordernisse der Jagd nach Fluginsekten. Dabei teilen sich die Segler und die Schwalben die Jagdbezirke: Segler jagen in höheren Luftschichten, Schwalben in tieferen.
In der Vogelfamilie der Segler gibt es weltweit 112 Arten in 12 Gattungen. Bei uns kommt in den Dörfern und Städten der Mauersegler (Apus apus) vor, daneben und seltener in den Bergen der Alpensegler (Apus melba). Sensationell und erstmalig war im Mai 2025 die Beobachtung eines Pazifik-Seglers (Apus pacificus) durch Dr. Horand Maier in Girlan. Der Gattungsname Apus bedeutet übersetzt „der Fußlose“. Fußlos sind die Mauersegler zwar nicht, aber ihre Füße sind so stark verkümmert, dass sie sich zwar zum Hängen, aber kaum zum Laufen eignen.
Monogame Zugvögel
Mauersegler sind in beiden Geschlechtern gleich gefärbt, haben schwarze, markante Knopfaugen und leben in treuer Einehe. Sie sind Zugvögel, die das Jahr in strenge Viertel teilen: Den Winter verbringen sie in Südafrika, im Mai kehren sie für drei Monate bis August zur Brut nach Europa zurück. Den Rest des Jahres verbrauchen die Segler als Reisezeit. Aus telemetrierten Tieren wissen wir heute, dass die Mauersegler für den Herbstzug vom europäischen Brutgebiet in das afrikanische Überwinterungsgebiet ungefähr 66 Tage benötigen: 30 Tage Flugzeit und 36 Tage für Zwischenstopps. Im Frühling, bei der Rückkehr in das Brutgebiet, haben sie es eiliger. Dann benötigen die nur 26 Tage: 21 Tage anstrengenden Kilometerfressens und fünf Tage Ruhe. Mauersegler legen bis zu 58.500 km pro Jahr im Flug zurück. Man weiß, dass Mauersegler bis zu 21 Jahre alt werden können. Höchstalter mal Jahresflugleistung ergeben 1.218.000 Flugkilometer. Das entspricht 3,2 Reisen zum Mond.
Schulung im Nichtwissen
Der englische Tierarzt und Rechtsanwalt Charles Foster, Universitätsprofessor in Oxford, schreibt in seiner neu erschienenen Monographie über die Mauersegler den vielsagenden Satz „Den Mauerseglern zu folgen, erweist sich als eine Schulung im Nichtwissen.“ Obwohl wir dank technischer Hilfsmittel über die Vogelart viel dazugelernt haben, bleiben noch viele Fragezeichen. Für Aristoteles und Plinius den Älteren übernachteten die Schwalben und die Segler noch im Schlamm des Meeresbodens. Heute wissen wir, dass die Segler in den hohen Luftschichten schlafen. Dabei nutzen sie die Asymmetrie ihres Gehirnes. Wir wissen heute auch, dass Mauersegler einen REM- und einen Nicht-REM-Schlaf haben wie wir Menschen. Bei uns Menschen laufen diese Schlafphasen hintereinander ab, bei den Mauerseglern nebeneinander: Während eine Gehirnhälfte im REM-Schlaf ausruht, sagt die andere Gehirnhälfte dem Mauersegler über das Auge, wann er im Schlaf in den hohen Luftschichten bei ausbleibender oder abnehmender Thermik den Gleitflug unterbrechen und mit den Flügeln schlagen muss, um nicht abzusacken. Übrigens ist auch aufgedeckt, dass Mauersegler ungünstige Witterung oder die Bildung von Zyklonen frühzeitig wahrnehmen, ihre Empfindlichkeit für Infraschall reicht großräumig über halbe Kontinente.
Ernährung
Luftbewegungen und damit das Wetter bestimmen auch ganz entscheidend die Ernährung der Mauersegler. Niedrige Temperaturen, hohe Niederschläge, aber auch starke Winde schaffen mitunter gefährliche Nahrungsengpässe. Bei länger anhaltenden Schlechtwetterperioden sind Mauersegler auch mitten in der Brutzeit gezwungen, große Ausweichbewegungen über oft Hunderte Kilometer vorzunehmen, um Gebiete mit ausreichendem Nahrungs-angebot zu erreichen. Solche Wetterfluchten der Altvögel zwingen die Nestjungen zu einem Hungerschlaf. Sie fallen in einen Torpor, eine Kältestarre, bei der die Körpertemperatur gesenkt und die Atemfrequenz reduziert wird. Mit Hilfe von Fettvorräten kann dieser reduzierte Stoffwechsel einen Jungvogel mitunter über eine Woche lang am Leben halten. Sinkt die Köpertemperatur jedoch unter 20° C ab, dann sterben die Jungvögel ab. Der Gewichtsverlust kann bis zu 60% betragen. Auch Altvögel können mehrere Tage hungern und dabei bis zu 40% ihres Gewichtes verlieren.
Die Mauersegler jagen etwa 500 verschiedene Insektenarten, v.a. Hautflügler, Käfer und Zweiflügler. Ein Brutpaar sammelt pro Tag mit weit aufgerissenem Schnabel rund 20.000 Fluginsekten. Bei dieser Jagdmethode ist der weit geöffnete Schnabel eine nicht selektive Ansaugfalle und würde einen weitaus höheren Anteil an Fliegen erhaschen, als es für die Kost der Mauersegler zuträglich ist. Mauersegler sind deswegen auch heikel und wählerisch und können 500 Insektenarten unterscheiden und das bei Fluggeschwindigkeiten bis zu 80 Stundenkilometern! So vermeiden sie bei ihrem Fang etwa stachelbewehrte Arbeiterinnen von Honigbienen, währenddem sie stachellose Drohnen erbeuten.
Brutdauer und Nestlingszeit
Die Brutdauer und die Nestlingszeit der Mauersegler ist stark schwankend. Die Eier der Mauersegler sind gegen Kälte resistent, auch wenn sie schon angebrütet sind. Wie bei keiner anderen Vogelart kann sich die Brutzeit durch Wetterfluchten von 20 Tagen um bis zu 10 Tage verlängern. Die Nester werden unter Dächern, in Mauerlöchern, Felsspalten oder Baumhöhlen angelegt.
Evolutionäre Entwicklung
Aus archäologischen Funden des englischen Archäologen S. Vincent und anderer Archäologen in Europa und Amerika wissen wir, dass die frühesten Segler-Vögel schon vor 50 Millionen Jahren durch die Luft schwirrten und sich von Urmauerseglern in Richtung Mauersegler (Apus apus) mit reduzierten Füßen entwickelten. Der grundlegende Bauplan für den Mauersegler war bereits im frühen Eozän vorhanden und entwickelte sich während des restlichen Eozäns (bis vor ca. 33,7 Millionen Jahren) hervorragend weiter. Als die meisten Säugetierordnungen erst auf den Plan traten, flatterten und glitten Mauersegler bereits durch die Lüfte. Die Mauersegler entwickelten sich in einer eisfreien, tropischen und subtropischen Welt mit Meeren und üppigen Wäldern. Und die Mauersegler erlebten schon die Kontinentaltrift. Sie sahen wie Nordamerika und Grönland von Europa wegdrifteten, wie sich Australien von der Antarktis losriss und Indien sich nordwärts bewegte und dabei das Gestein zum Himalaya auffaltete. Und die Segler spürten die radikale Veränderung der Meeres- und Luftströmungen, mit der vor 40 Millionen Jahren eine Abkühlungs- und Austrocknungsphase einsetzte, die dann im späten Eozän vor 33 Millionen Jahren zu einem großen Artensterben führte. Und sie wurden Zeugen, wie zwischen 50 und 90 Prozent der Arten verschwanden, die früher ihre Mitgeschöpfe waren. Und Mauersegler surfen immer noch durch die Zeit.
Siedlungsräume wie Dörfer und Städte sind die Brutorte des Mauerseglers. Das ganze Leben außerhalb der Brutzeit verbringt der Mauersegler in der Luft.
Bevor Mauersegler flügge werden, machen sie Liegestützen mit ihren Flügeln im Nest, um die Flugmuskulatur zu trainieren. Einen Absturz auf den Boden können sie sich nicht leisten.
- Siedlungsräume wie Dörfer und Städte sind die Brutorte des Mauerseglers. Das ganze Leben außerhalb der Brutzeit verbringt der Mauersegler in der Luft.
- Bevor Mauersegler flügge werden, machen sie Liegestützen mit ihren Flügeln im Nest, um die Flugmuskulatur zu trainieren. Einen Absturz auf den Boden können sie sich nicht leisten.