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Natur&Landschaft

Marillen aus dem Vinschgau - Prunus armeniaca ist ein Frühblüher

von Wolfgang Platter, am Tag des Evangelisten Markus, 25. April 2026
veröfftl. am 29. April 2026

Marillenwiese bei den Obermühlen in Laas in der Frühjahrsblüte

Die Marille ist ein Frühblüher. In manchen Jahren öffnen sich die Blüten schon um Josefi, also um den 19. März. Die Marillen-Blüte eignet sich nicht für die Frostschutzberegnung wie die Blüten der Apfelsorten. Weil die Marille ein Frühblüher ist und nicht mit Frostschutzberegnung eingeeist werden kann, ist sie den Spätfrösten ausgesetzt. Deswegen wurde sie von unseren Vorfahren bevorzugt auch in den Schattlagen des Vinschger Nörderberges gepflanzt, damit sie später blüht und möglichst den Spätfrösten entgeht.
Weil die Marille ein Vinschger Regionalprodukt und Identifikationsmerkmal mit unserem Tal ist, sei ihr der heutige Beitrag gewidmet. Neue Sorten wie Red Orange oder Goldrich werden als Vinschger Bergmarillen vermarktet.

Prunus armeniaca
Die Marille heißt mit ihrem wissenschaftlichen Namen Prunus armeniaca. Der lateinische Name verweist auf das Herkunftsgebiet: Die Marille kommt ursprünglich aus Armenien. Dort war sie schon in der Antike bekannt. Bei einer archäologischen Grabung in Armenien fand man Steinkerne der Marille aus der Kupferzeit. Die Kupferzeit dauerte im Südosten von 5.500 bis 2.200 vor Christi Geburt. Diese Zeitperiode ist nach der Verwendung des Schmelzmetalls Kupfer benannt. In der Abfolge der Zeitalter menschlicher Zivilisation liegt die Kupferzeit zwischen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit.
In der Fachliteratur wird Armenien aber nicht als einziger Herkunftsort der Marille geführt. Es gibt auch Quellen, welche den genetischen Ursprung der Marille in China verorten. Wieder eine andere Quelle besagt, dass die Aprikose um 3.000 vor Christus zuerst in Indien kultiviert wurde.
Marille heißt die Steinfrucht aus der Familie der Rosengewächse nur im bayrisch-österreichischen Sprachraum (Ober- und Niederbayern, Oberpfalz, Österreich und Südtirol), hochdeutsch heißt sie Aprikose. Das Wort Aprikose geht auf das lateinische praecox („frühreif“) zurück.

Weltweite Produktion
Im Jahr 2022 betrug die weltweite Produktion von Aprikosen laut Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO 3.863.180 Tonnen, aufgerundet also 4 Millionen Tonnen. Von dieser Weltproduktion stammt ein Fünftel aus Europa. Noch eine Einordnung: Im Vinschgau werden in „normalen“ Jahren 150 – 200 Tonnen Marillen erzeugt. Mit 20 Tonnen der originalen Vinschger Marille konnten im Jahr 2024 deutlich weniger Marillen geerntet werden. Die Schlechtwetter- und Regenperiode während der Blütezeit hat 2024 zu geringer Bestäubung und nachfolgend zu verminderter Ernte geführt.
Das weltweit größte Anbaugebiet für Aprikosen liegt in der osttürkischen Provinz Malatya am Oberlauf des Euphrat. Dort werden die süßen Aprikosen entsteint und als ganze Frucht getrocknet. Mittlerweile stammen ca. 95% der in Europa gehandelten getrockneten Aprikosen aus Malatya.

Die Hunza-Marille
In Tibet, Ladakh und Nordpakistan wird die kleinfruchtige Hunza-Marille angebaut. Die Hunza-Marille ist nach den Bewohnern des Hunza-Tales in Pakistan benannt.
Martin Fliri Dane (geboren am 11. November 1949 und gestorben am 16. Mai 2019, beerdigt in Taufers im Münstertal) hat die ersten Hunza-Marillen als Steinkerne in den Vinschgau gebracht und ausgesät. Während die Vermehrung unser Vinschger Marille als endemische Lokalsorte üblicherweise durch Okulation erfolgt, ist die Hunza-Marille eine Sämlingsmarille. Die Hunzuruc, das Bergvolk im Hunzatal, kennen das Veredeln der Obstbäume nicht. Die Hunza-Marille gedeiht in Pakistan bis auf eine Meereshöhe von 4.000 Metern.

Wachauer versus Vinschger Marille
Die Wachau ist das circa 30-35 km lange Tal der Donau zwischen Melk und Krems in Niederösterreich. Die Wachau ist wie der Vinschgau ein bekanntes und gutes Anbaugebiet für Marillen. Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Meine Frau und ich haben vor einigen Jahren in der Wachau zur Zeit der Marillenernte ein paar Tage Urlaub verbracht und sind dabei auch Abschnitte des Donauradweges abgefahren. Als wir bei einer Bäuerin, die am Rande des Radweges ihrer Marillen anbot, ein paar Früchte kaufen wollten, fragte sie uns zuerst woher wir kämen. Als sie Vinschgau hörte, gab sie uns nicht die bereits geernteten Marillen aus ihrer Obststeige, sondern stieg mit der Leiter in einen Baum, um frische Früchte zu pflücken. Denn, so sagte sie, die Vinschger Marillen seien die besten, und sie könne nur mit baumfrischen Marillen dagegen antreten. Eine respektvolle Sicht von außen auf unsere Frucht. Beste Werbung für das Laaser Kulturfest „Marmor und Marillen“, das auch im heurigen Jahr 2026 wieder am 1. und 2. August stattfindet.

Von der Blüte über die Bestäubung zur Frucht

Von der Blüte über die Bestäubung zur Frucht

Erdhummel als Bestäuberin der Marillenblüten; Foto: Franz Grassl

Erdhummel als Bestäuberin der Marillenblüten; Foto: Franz Grassl

Vinschger Marille; Foto: Franz Grassl

Vinschger Marille; Foto: Franz Grassl

Hunza-Marille; Foto: Franz Grassl

Hunza-Marille; Foto: Franz Grassl

Red Orange

Red Orange

Marillenwiese bei der St. Nikolaus-Kirche in Laas in den Herbstfarben

Marillenwiese bei der St. Nikolaus-Kirche in Laas in den Herbstfarben