Landflucht in Ligurien Ein Blick über den Zaun
Von Landflucht bedroht: Apricale im Nerviatal in der ligurischen Provinz Imperia
Mit 5.410 km² Fläche ist Ligurien kleiner als Südtirol (7.400 km²), hat aber 1,6 Millionen Einwohner (Stand 2024). Die Region Ligurien erstreckt sich entlang der Küste des Ligurischen Meeres. Nach Norden hin ist sie von zwei Gebirgskämmen geschützt, die bis ans Meer reichen: den Alpi Marittime mit der höchsten Erhebung bis auf 2201 Meter, sowie dem sich östlich anschließenden Ligurischen Apennin, der Ligurien von der Poebene trennt.
Das Territorium der Region ist von Westen nach Osten in die vier Provinzen Imperia, Savona, Genua und La Spezia unterteilt und zählt mit 235 weit mehr Gemeinden als Südtirol (116).
In Ligurien herrscht ein mediterranes Klima. Das mediterrane Klima ist von milden Wintern, kaum mit Frost, aber trockenen Sommern gekennzeichnet. Dieses mediterrane Klima wird in Ligurien von den starken morphologischen Unterschieden des Territoriums mitbestimmt. Das Hinterland wird seinerseits von den starken Gebirgserhebungen, der Küstenabschnitt hingegen vom verhältnismäßig warmen Meer dominiert.
Bevölkerungsentwicklung
Die ligurische Bevölkerung konzentriert sich größtenteils in den großen und mittleren Küstenstädten entlang der gesamten Riviera. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil lebte zumindest früher hingegen in den kleinen bis mittleren Gemeinden im Binnenland. Dieses ist durch ein gebirgiges Territorium gekennzeichnet, welches in den engen Tälern wenig Siedlungsraum bietet. Durch Terrassierungen mit kilometerlangen Trockensteinmauern wurde dem mediterranen Macchien-Wald Jahrtausende lang mühsam Kulturland zur landwirtschaftlichen Nutzung abgerungen. Die Gemeinden im Hinterland sind an den Hügel- und Gebirgshängen angelegt, aber auch im Mündungsbereich von Bächen, wo es Süßwasser gibt. Mit der Häufung von Extremniederschlägen durch den Klimawandel sind diese Siedlungsplätze immer öfter überschwemmungsgefährdet.
Das Olivenöl aus den Ölbäumen an den Hängen und die Zucht von Zierblumen in Glashäusern, aber auch die Häfen und die Schifffahrt haben den Menschen in Vergangenheit Wohlstand gebracht. Ligurien zählt mit Venetien, Lombardei und Piemont zu den wohlhabenden Regionen Italiens.
Landflucht nicht nur im Nerviatal
Der ländliche Raum im Hinterland Liguriens ist seit Jahren aber massiv von Entsiedlung bedroht. Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ist der höchste in ganz Italien. Die Sterberate liegt deutlich über der Geburtenrate, was zu schwerwiegenden sozialen Problemen geführt hat. Selbst ein erhöhter Zuzug von Immigranten, der im Vergleich zu den anderen Regionen Norditaliens jedoch geringer ausfällt, konnte diese Entwicklung nicht abfedern.
Grund genug für den ABC, in der zweiten März-Dekade des heurigen Jahres eine Kultur- und Bildungsreise nach Ligurien zu unternehmen. ABC steht hier für den Alt-Bürgermeister-Club, der vom vormaligen Bürgermeister von Klausen Dr. Arthur Scheidle gegründet und heute noch geführt wird.
Apriacale und Dolceacqua sind zwei Gemeinden im Nerviatal in der Provinz Imperia im Westen Liguriens, hart an der Grenze zu Frankreich. Als engstens verbaute Siedlungen wie ein Schwalbennest auf eine Kuppe gebaut oder eng und verwinkelt in den Hang gesetzt, haben beide Gemeinden in den letzten Jahrzehnten massiv an Einwohnern verloren. Die Landwirtschaft mit der Pflege von Ölbäumen gibt kein Einkommen zum Überleben mehr her, seit Öl aus dem Mittelmeerraum von Portugal bis zur Türkei importiert wird. Wer zur Arbeit auspendeln muss, verlegt seinen Wohnort über kurz oder lang seinem Arbeitsplatz nach. So ist etwa die Einwohnerzahl von Apricale von 2.161 im Jahr 1901 auf 604 im Jahr 2025 gesunken. Anders ausgedrückt: In vier Generationen hat die Anzahl der sesshaften Bevölkerung um mehr als 70 % abgenommen. Landflucht ist die Kehrseite einer Medaille, die auf der Vorderseite mit Nobelorten wie Sanremo an der Rivera di Ponente prunkt. Dabei darf sich z.B. Apricale zu den „Borghi piú belli d´ Italia“ zählen. Aber museale Schönheit ist für viele junge Menschen zu wenig, um zu bleiben. Heute versuchen die wenigen Verbliebenen, mit der Sanierung von Wohnungen touristische Angebote als B&B Übernachtung mit Frühstück zu bieten und bringen einen bestimmten Kultur- und Wandertourismus in die engstens verwinkelten Gassen und Treppenstiegen dieses ländlichen Kleinodes. Der beherzte und energische Bürgermeister Silvano Pisano kämpft überzeugt und überzeugend für das Überleben seiner Gemeinschaft. Sagt aber auch, dass Ausländer zuziehen, weil die Mieten im Hinterland billiger sind als in den Küstenorten, aber sich mit der Gemeinschaft im Dorf nicht identifizieren, zum Gemeinwesen keinen Beitrag leisten und wieder fortziehen, sobald sie sich wirtschaftlich einigermaßen gefangen haben. Ein Bild, das mir geblieben ist: Der Beichtstuhl in der Kirche von Apricale ist im wörtlichen Sinn zum Mülleimer verkommen.
Verrottende Glashäuser
Auch die Zucht von Zierblumen trägt nicht mehr. Tausende Quadratmeter von Glashausdächern haben eingedrückte Scheiben, viele Glashäuser selbst werden als Rumpelkammern und Abstellplätze zweckentfremdet. Trotzdem bleibt Ligurien eine landschaftlich reizvolle Region mit vielen kulturellen Höhepunkten und architektonischen Sehenswürdigkeiten, welche die wechselvolle Geschichte dieses Landstriches dokumentieren.
Abwechslungsvolle Siedlungsgeschichte
Häfen sind Ausfahrtstore zur Welt über die Meere. Christophorus Kolumbus war Genueser. Häfen sind aber auch Einfallstore für Überfälle. Die Reste von Stadtmauern zeigen in vielen ligurischen Orten noch von dem Schutzbedürfnis vor erobernden Raubüberfällen und entsprechend wechselvoll ist die Geschichte Liguriens in der Abfolge der Siedler.
Ligurien leitet seinen Namen von seinen vorrömischen Bewohnern, den Ligurern ab. Diese Indoeuropäer siedelten ursprünglich zwischen Pyrenäen und Alpen, in Nord-italien und auf Korsika. Die lokale Kultur war bereits in vorneolithischer Zeit im Gebiet von ausgeprägter Weidewirtschaft und sehr starker Mobilität gekennzeichnet. Die Ligurer wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. in die Seealpen und den nördlichen Apennin abgedrängt. Im 3. Jahrhundert v. Chr. kam die ligurische Küste unter römische Kontrolle. Ligurien wurde sehr früh christianisiert. Möglicherweise war Genua bereits im 3. Jahrhundert Sitz eines Bischofs. Im 5. Jahrhundert sind Bischöfe von Albenga und Luni belegt. Ab 493 n. Chr. beherrschten die Ostgoten auch Ligurien, ab 553 gehörte Ligurien zu Ostrom. Ab 641 war das Gebiet Teil des Langobarden-Reiches, ab 772/774 Teil des Franken-Reiches. Bis 1016 folgten die Sarazenen. Im Mittelalter gab es wechselnde Lehensherrschaften, der Einfluss der Kommunen stieg, aber ab dem 11. Jahrhundert auch die Vormachtstellung Genuas.
Landflucht vermeiden
Landflucht kennen wir auch aus unseren Südtiroler Berggebieten. Umso bedeutsamer sind alle unsere Bemühungen, das Berggebiet und den peripheren Raum unseres Landes vor Entsiedlung zu bewahren. Wo Gemeinschaft abbröckelt und zerfällt, wo die kultivierende Hand des Menschen zur Landschaftspflege fehlt, steigt in Zeiten des Klimawandels und der sich häufenden Elementarereignisse die Gefahr und Rote Zonen dehnen sich aus. In dieser Optik sind auch die zielgerichteten Förderungen z.B. für
Stilfs aus dem Nationalen Plan für Aufbau und Resilienz PNRR (Piano Nazionale di Ripresa e Resilienza) zu sehen und einzuordnen.
Enge Treppenstufen als Dorfgassen in Apricale
Das mondäne Menton an der Cote d‘Azur in Frankreich