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Kultur

Unter den Lauben

von Erich Kofler Fuchsberg
veröfftl. am 03. März 2026

Neumarkt

Schon zu Anfang der Stadtgründungen in Tirol finden wir Lauben oder Laubengassen als wichtigstes Bau­element. Die bekanntesten sind die Bozner und Meraner Lauben. Aber auch in Trient, Innsbruck, Brixen, Sterzing, Neumarkt und in der Stadt Glurns sind die Lauben ein ­charakteristischer Bestandteil des Stadtbildes.
Arkaden oder Bogengänge, bei uns früher Gewölbe genannt, heute Lauben, sind aneinandergereihte, mit Bögen oder auch flach überbaute Loggien auf Straßen­höhe. Schon im antiken Griechenland waren ­Säulengänge Teil der öffentlichen Gebäude und Marktplätze. Im späteren Rom Bestandteil der Tempelarchitektur, der Markthallen, der öffentlichen Gebäude, Gymnasien, privater Villen, der Kreuzgänge in Klöstern usw. Ab dem Mittelalter entwickeln sich Laubengänge vor allem in oberitalienischen Städten in der heute noch vorhandenen Form als das wichtigste urbane Bauelement. Besonders jene Orte, die um das 13.,14. bis zum 15. Jahrhundert als Umschlag- und Handelsplatz eine gewisse Bedeutung erlangt hatten, bekommen Lauben­gänge als überdachte Marktplätze oder Marktstraßen. Speziell in der Handels- und Messestadt Bozen waren die Lauben sozusagen Kern und wichtigstes Element der historischen Stadt. Als fest gebaute oder überbaute Marktstände, boten sie Händlern und Kaufleuten zugleich ein rückwärts gelegenes Warenlager und eine Unterkunft. Produkte und Waren konnten gut präsentiert und verschoben werden, und schließlich fanden Verkäufer und Kundschaft unter den Lauben Schutz bei Hitze, Schnee, Regen, Wind und Wetter. Die Ausrichtung der alten Laubengassen erforderte eine genaue Beobachtung der Windverhältnisse, denn eine zugige, von Winden geplagte Anlage konnte alle Vorteile zerstören.
Drei unterschiedliche Bautypen sind festzustellen: Gebäude, die bereits bei ihrer Errichtung mit Laubengängen ­ausgestattet wurden, andere, wo zu einem späteren Zeitpunkt ein Teil des Erdgeschosses ausgebrochen und zum Laubengang aus­gebaut wurde, und solche, die im Zuge einer Gebäudeerweiterung einen Laubengang zur Straßenseite hin als Zubau erhielten, mit gleichzeitiger Erweiterung bzw. Aufbau der oberen Stockwerke. Auch die ehemals eng mit den Menschen zusammenlebenden Nutztiere, waren Mitbewohner der weiter hinten liegenden Teile eines Laubenhauses. Diese Verhältnisse waren in Neumarkt und vor allem in Glurns bis vor wenigen Jahrzehnten noch gelebte Realität.
Städtische Laubengänge konnten ihre Vorzüge als überdachter Handelsplatz ­(Bazar) eindrucksvoll herzeigen, sodass es im oberitalienischen Raum kaum eine Stadt gab, die nicht Laubengänge in ganz unterschiedlichen Ausmaßen und Formen errichten ließ. Eine Verordnung des Stadtmagistrats von Bologna des Jahres 1288 verlangt für jeden Neubau die Einplanung eines Laubenganges. Einerseits sollte die Erweiterung des Wohnraumes befördert werden, vor allem aber die Entwicklung und Optimierung der Handelstätigkeit. Im historischen Zentrum von Bologna ­erstrecken sich der „portico“ über mehr als 30 km, in Padua über 14 km, die Stadt Bozen erreicht mit seinen etwa 700m historischen Laubengängen eher bescheidene Dimensionen. Die Länge der Bozner Lauben zu übertreffen gelang immerhin Meran. Durch den Einfluss italienischer Baukunst und Baumeister gelangten Arkaden oder Laubengänge auch über die Alpen bis nach Böhmen und Mähren.
Laubengänge haben zugleich privaten und öffentlichen Charakter, sie sind nicht wirklich Innen oder Außen, und doch wieder beides gleichzeitig, sie bezeichnen ­einen Zwischenraum mehrerer Positionen und vertreten das „sowohl als auch“. Das macht sie zu einem sehr gelungenen sozialen Element innerhalb des Stadtraumes.
Die Idee des Laubenganges kommt aus dem mediterranen Raum, der überdachte Marktplatz aus dem Orient (Souk). Die Bau­struktur der italienischen und der meisten Tiroler Laubengassen sieht die Ausrichtung der Häuserreihe entlang der Trauflinie vor. Die Ausnahme bildet Glurns, wo die Gebäude in transalpiner Version ihre Stirn- bzw. Firstseite dem Straßenverlauf zeigen.
Laubengänge wirken bis heute faszinierend und beeindrucken aus unterschiedlichen Perspektiven. Eines der schönsten Beispiele moderner, eleganter und großzügiger Arkaden zeigt uns die Bozner Freiheitsstraße.
Alle natürlichen, energieunabhängigen Maßnahmen zur Belüftung und Beschattung der Fußwege sind seit jeher ein Ausweis guter Architektur. Ob Alleen in der Landschaft oder Laubengänge in der Stadt, beide sind gleich faszinierend, weil sie Emotion und Vernunft ins Gleichgewicht bringen.

Bozen

Bozen

Bozen

Bozen

Meran

Meran

Glurns

Glurns

Sterzing

Sterzing