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Kultur

In der „Apotheke Gottes“ im Kloster St. Johann Müstair

von Peter Tscholl
veröfftl. am 02. September 2026

Der „Apfelbaumgarten“ des Benediktinerinnenklosters St. Johann in Müstair. Links das Nordtor.

„Ora, labora et lege“ (zu dt. „bete, arbeite und lies“), das empfahl der hl. Benedikt seinen Mitbrüdern und Mitschwestern. Dazu gehört das Bleiben an einem Ort (lat. „stabilitas loci“), aber auch Arbeit und Bewegung in der Natur, wie beispielsweise die Arbeit in der Herrgottsapotheke.

Klosterheilkunde - Hintergründe

Die Klosterheilkunde spielte bei der Vermittlung und Bewahrung der Weiterentwicklung der traditionellen europäischen Medizin seit jeher eine Schlüsselrolle. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen datieren zurück auf das 5. Jahrhundert v. Christus, in die Zeit des griechischen Arztes Hippokrates von Kos. Nach dem Zusammenbruch des griechischen und dann des römischen Reiches drohte dieses Wissen verloren zu gehen. Hier kamen die Mönche ins Spiel. Benedikt von Nursia gründete 529 das erste Kloster Europas in Montecassino. Schon im Frühmittelalter begannen die Klöster Heilpflanzen im großen Stil anzubauen und zu erforschen. Neben Benedikt von Nursia (480-540) spielte sein Ordensbruder Cassiodor (490-etwa 580) eine bedeutende Rolle bei der Ausgestaltung der klösterlichen Arzneimittellehre. Er schrieb um 560 die „Institutiones“, in denen er die Mönche aufforderte die Eigenschaften der Kräuter und die Mischung der Arzneien kennen zu lernen und die Werke von Hippokrates (460-370 v. Chr.), Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) und Galen (129-etwa 200 n. Chr.) in lateinischer Übersetzungen zu studieren.
Kaiser Karl der Große ( verstorben 814) war ein wichtiger Förderer der Klosterheilkunde. In seiner in Latein verfassten Landgüterordnung, der „Capitulare de villis e cortis“, machte er es den Klöstern und Städten zur Pflicht, Nutzgärten anzulegen. Dort mussten neben 20 Obstarten auch 75 festgelegte Heil- und Gewürzpflanzen angebaut werden. Einer der ersten noch erhaltenen Klostergartenpläne stammt aus dem Kloster St. Gallen in der Schweiz (9. Jahrhundrt). Die Klöster tauschten ihre Erfahrungen und ihre Erkenntnisse untereinander aus.

Kräuter im Benediktinerinnenkloster St. Johann

Bis ins Jahr 2000 halfen die Schwestern vom Kloster St. Johann in der Landwirtschaft. So hat das Kloster in Müstair die Kräuter betreffend keine Tradition. Auch in den existierenden Dokumenten finden sich keine Hinweise auf Kräuteranbau, -verarbeitung und -verwendung. Erst im Jahr 2002, mit dem neuen Klostermuseum im Plantaturm, kam der Wunsch nach einem Kräutergarten und Kräuterprodukten auf. So wurde von 2007 bis 2024 eine Kräuterei geführt. Der Betrieb wurde jedoch eingestellt. Heute finden sich Kräuter noch im Südhof, Küchengarten, wenig im Nordhof, dem Kreuz- oder Paradiesgarten, sowie die meisten im Klostergarten, auch Oberer Garten, der einen Baumgarten ähnelt. Eine Auswahl von mehreren Heilkräutern befinden sich auch noch im „Apfelbaumgarten“ des Wirtschaftshofes, am Aufgang zur Bauhütte. Hier treffe ich mich mit Sr. M. Lutgarde, die mir einen Einblick in die Kräuterarbeit gibt.

Sr. M. Lutgarde erzählt:

„Zur Gartenarbeit wie säen, pflanzen, gießen und jäten kommt die eigentliche Kräuterarbeit. Das heißt pflücken, trocknen und säubern sowie verarbeiten von den ganzen Pflanzen, den Blättern oder den Blüten. Für den Tee zerkleinere ich die Trockenware möglichst wenig, damit die Inhaltsstoffe, besonders die ätherischen Öle, nicht so rasch verloren gehen. Die Heilkraft ist höchstens ein Jahr voll wirksam. Die Kräuter können ihre Wirkung nur entfalten, wenn es nicht mehr als sieben oder acht Kräuter sind. Sinnvoll ist es nach einem Konzept zu mischen. Ich halte mich an die Anwendungsbereiche, wobei mir als Laien es nicht erlaubt ist, etwas über die Kräuter und ihre Wirkung auszusagen. So benütze ich andeutende Namen für die Teemischungen, manchmal zum Schmunzeln, manchmal weniger. Das Herstellen des Kräutersalzes ist aufwändiger. Von den Kräutern werden nur die Blätter verwendet, die fein gehackt werden. Für das Aromasalz braucht es ein Drittel Kräuter und zwei Drittel Salz. Für das eigentliche Kräutersalz ist das Verhältnis umgekehrt. Es braucht zwei Drittel Kräuter und ein Drittel Salz. Persönlich benütze ich gerne feines Meersalz. Einfach ist das Badesalz zu fertigen. Auf 1 kg grobes Meersalz brauche ich drei Joghurtbecher Kräuter nach Wahl, wie z.B. Lavendel, Duftrose oder Kamille, und fülle das schichtweise in ein entsprechendes Gurkenglas. Dann lasse ich das Ganze für vier bis sechs Wochen an einem dunklen Ort stehen, damit es ziehen kann. Zum Gebrauch wird die gewünschte Menge am besten in ein Leinensäckchen gefüllt und so ins einfließende Badewasser getan. Weitere Produkte sind Tinkturen, Salben und Cremen sowie Seifen. Salben sind am wirksamsten mit wenigen Komponenten. Einen Kaltölauszug herstellen, mit einem guten extra vergine Raps- oder Olivenöl. Das Kraut wird locker in ein Glas eingefüllt und randvoll mit Öl bedeckt. Zwei bis vier Wochen an einem halbschattigen Ort ziehen lassen, abseihen und in dunklen Gläsern lagern. Kann so verwendet werden oder weiterverarbeitet werden. Bei Salben braucht es Bienenwachs; bei Cremen, die eine wässrige Lösung enthalten, braucht es Wollfett. Storchenschnabelcreme bei Schrunden, Quendelsalbe bei unreiner Haut. Seifen im Kaltverfahren produziert sind rückfettend. In der Gemeinschaft benützen wir auch Farn- und Hopfenkissen, Lavendel- gegen Motten und Eberrautesäckchen halten Fliegen fern.“

Auf die Frage, was von den Kräutern, die hier im Apfelbaumgarten noch wachsen, sie heute noch verwende, antwortet Sr. Lutgarde: „Ich brauche nicht mehr alle Kräuter, die hier wachsen. Was ich für Tees noch brauche sind: Silbermantel, Malve, Odermennig, Ehrenpreis, Lavendel, Salbei, Ysop, Andorn, Königskerze, Gundelrebe, Ringelblume und Erdbeerblätter. Storchenschnabel, Ringelblume und Feldthymian verwende ich noch für Salben.“ Dann bringt mir Sr. M. Lutgarde noch das Buch „Große Hildegard-Apotheke“ zur Einsicht. Ich frage sie, ob sie sich von der Hildegardsmedizin zu ihrer Arbeit habe inspirieren lassen? Ihre Antwort: „Quendel für Salbe ist das einzige Heilkraut, das ich auf ihre Inspiration hin verwende. Sonst arbeite ich auf der Basis der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde).“

In der „Apotheke Gottes“ zu arbeiten ist für Sr. M. Lutgarde etwas Wunderbares und bringt viel Freude. „Es gibt viele Menschen, die sich in der Natur mit Gott verbunden fühlen. Und das ist auch richtig, weil er der Schöpfer ist. Die Schöpfung weist mich auf den Schöpfer hin. Und der Garten kann ein Weg zu Gott sein“, sagt sie. Viel Zeit bleibt Sr. M. Lutgarde heute allerdings nicht mehr für die Arbeit im Klostergarten. Auf die Frage, wie sie sich fühle, wenn sie heute hier in den Garten gehe, antwortet sie: „Wenn ich heute in den Garten gehe, dann kann ich für kurze Zeit einfach alles ablegen, loslassen und durchatmen. Ich verbringe hier eine schöne Zeit und sage einfach DANKE.“

 

Sr. M. Lutgarde gibt einen Einblick in die Kräuterarbeit

Sr. M. Lutgarde gibt einen Einblick in die Kräuterarbeit

Sr. M. Lutgarde

Sr. M. Lutgarde

Die Damaszener- oder Apothekerrose im „Gästegarten“ an der Klosterpforte

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Im Klosterladen befinden sich neben Salben und Seifen auch noch Tinkturen

Im Klosterladen befinden sich neben Salben und Seifen auch noch Tinkturen