Kastelbell-Tschars - Die Doppel-Gemeinde
Der 31. Mai 2019 war ein besonderer Tag für die Gemeinde Kastelbell-Tschars. Nach jahrelangem Warten wurden die Arbeiten für den 2,5 Kilometer langen Tunnel mit dem Anstich am Ostportal begonnen. Aber: Die Arbeiten verliefen in den darauffolgenden Jahren nicht nach Plan und schon gar nicht nach Zeitplan. Der Konkurs von E.MA.PRI.CE. SpA hat das Bauprojekt zwei Jahre lang gestoppt. Die Firma PAC Spa war nach dem Konkurs des Hauptunternehmens als nächstgereihte Firma bereit, die Arbeiten mit dem Partner-unternehmen Passeirer Bau GmbH fortzusetzen und hat damit eine europaweite neue Ausschreibung abgewandt. Zum anderen gab es auf den
letzten Metern des Tunnelvortriebs Schwierigkeiten aufgrund von Bergwasser. Der Tunnel ist ein bergmännischer Tunnel, will heißen, er wurde größtenteils im Baggervortrieb realisiert. Mit dem Tunneldurchstich am 28. März 2024 war - im wahrsten Sinne des Wortes - endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
Die Abschlussarbeiten wie Tunnelabdichtung, die Betonierung oder die Realisierung der Fluchtstollen und der Anschlusspunkte an die Staatsstraße gingen in den vergangenen Monaten zügig voran. Auf 96,2 Millionen Euro belaufen sich schlussendlich die Gesamtkosten. Am 6. Juni 2026 haben die Arbeiten endgültig ein Ende und der Umfahrungstunnel Kastelbell-Galsaun wird feierlich eingeweiht und eröffnet. Es ist zweifelsohne ein historischer Moment für die Doppel-Gemeinde Kastelbell-Tschars.
Das Wirtschaftsleben. Nicht nur das Dorfbild wird mit der Umfahrungsstraße ein anderes werden, sondern auch der Wirtschaftsraum. Kastelbell-Tschars wächst sichtbar. Nicht wenige neue Wohnprojekte garantieren durch die Verkehrsberuhigung Lebens- und Wohnqualität.
Für den Wirtschaftsstandort Kastelbell-Tschars ist der Tunnelbau ein wichtiges Projekt, das Entlastung bringen und die Unternehmen gleichzeitig gut an das Verkehrsnetz anbinden soll. Kastelbell-Tschars ist zweifelsohne ein vitaler Wirtschaftsstandort. Geprägt von der Landwirtschaft lässt es sich hier im Großen und Ganzen gut arbeiten. Das zeigt die unternehmerische Vielfalt, die in mehreren Branchen sichtbar ist. Neben der Landwirtschaft sind das vor allem das produzierende Gewerbe, der Tourismus und das Gastgewerbe. Die großen Unternehmen sind überschaubar, die Klein- und Mittelbetriebe bilden das Rückgrat hier. Es sind Betriebe verschiedenster Couleur, die in Kastelbell-Tschars ihren festen Platz haben. Viele Betriebe sind seit Generationen in Familienhand.
Die Landwirtschaft. Geprägt durch die Landwirtschaft: Das ist die Gemeinde Kastelbell-Tschars unübersehbar. Die Landwirtschaft ist zweifelsohne der stärkste Wirtschaftszweig der Gemeinde - und der größte Arbeitgeber. Damit ist die Wirtschaft von Kastelbell-Tschars stark auf den Obstbau fokussiert. Aber: zum Apfel gesellt sich die Traube – und der Spargel. Eine kleine und feine Weinkultur wird in Kastelbell groß geschrieben. Die Kastelbeller Winzer erzeugen edle, exquisite Tropfen – und den südtirolweit bekannten Kastelbeller Spargel.
Die landwirtschaftlichen Betriebe in Kastelbell-Tschars haben ihren gebündelten Auftritt in der Obstgenossenschaft JUVAL. Diese ist gleichzeitig der größte Arbeitgeber in der Gemeinde. „150 Mitarbeiter haben wir aktuell“, sagt Stephan Gorfer, der Betriebsleiter. 225 Mitgliedsbetriebe zählt die JUVAL, zusammen bewirtschaften diese eine Fläche von 800 Hektar, der Anteil an Bio beträgt 35 Prozent, das sind 280 Hektar. Die Ernte, die 2025 eingefahren wurde, ist beachtlich: 50.790 Tonnen Äpfel, 78 Tonnen Marillen, 35 Tonnen Kirschen und 23 Tonnen Birnen. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Seit 2019 werden 100 Prozent der Bio-Äpfel der Erzeugerorganisation
VIP in der JUVAL verarbeitet, d.h. sortiert und verpackt. Mit der JUVAL steht den Bio-Äpfeln des Vinschgaus eine moderne und effiziente Verpackungsstruktur zur Verfügung. Durch die gute Zusammenarbeit zwischen den Obstgenossenschaften im Vinschgau und die Bündelung der Bio-Äpfel in der JUVAL ist es möglich, professionell und flexibel auf Kundenwünsche zu reagieren und höchste Qualität sowie exzellenten Kundenservice zu verbinden.
Die Milchwirtschaft spielt hingegen auf dem Kastelbeller Sonnen- und Nörderberg eine große Rolle. 13 Mitglieder liefern ihre Milch an die Bergmilch Südtirol. 655.338 Kilogramm waren das im Jahr 2025. Das sind pro Mitglied 50.411 kg, teilt Reinhard Schuster von der Bergmilch auf Nachfrage vom Vinschgerwind mit.
Der Arbeitsmarkt. Ausnahmslos handelt es sich um Mittel- und Kleinbetriebe, die sich in Kastelbell-Tschars wohl fühlen. Der durchschnittliche Betrieb hier hat zwischen zwei und zehn Mitarbeitern. Diese sind das Rückgrat eines jeden Unternehmens.
Das Gewerbegebiet Galsaun
Ein großes Gewerbegebiet gibt es in Kastelbell-Tschars nicht. Das Gewerbegebiet am Moosweg in Galsaun nimmt die Fläche von 2,1 Hektar ein. Ende der 80er Jahre ist das erste Baulos dort ausgewiesen worden, etwas mehr als zehn Jahre später das zweite Baulos. Nun soll ein weiterer Hektar hinzukommen. Knapp zehn Betriebe sind derzeit dort ansässig: Industrie- und Handwerksbetriebe, Dienstleister und großflächige Unternehmen. Von jedem ein bisschen ist dabei. Klein in der Fläche aber groß in seiner Vielfalt ist demnach das Gewerbegebiet Galsaun.
Zum größten Arbeitgeber JUVAL reiht sich Fuchs Müsli im Gewerbegebiet Galsaun. „Aktuell beschäftigen wir 56 Mitarbeiter“, teilt Nadja Roth, Human Resources Management bei Fuchs Müsli auf Nachfrage vom Vinschgerwind mit. Fuchs Müsli zählt zu den traditionsreichsten Betrieben in Kastelbell-Tschars. Die Fuchs J. GmbH ist seit 1922 eine Privatmühle und wurde 1998 als eigenständiger Betrieb in Kastelbell-Tschars errichtet. In die Reihe der größeren Arbeitgeber stellt sich auch die Raiffeisenkasse Untervinschgau mit Filialen in Naturns, in Kastelbell, in Tschars und in Schnals. „Wir haben aktuell 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, teilt Nathalie Zischg, die Direktionsassistenz auf Nachfrage mit.
Ein wichtiger Arbeitgeber ist auch das Unternehmen Preiss Bäckerei. „Die Firma Preiss beschäftigt ca. 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Tania Fuchs von der Preiss KG der F. Fux GmbH. Ganz nebenbei bemerkt: Das Vinschger Paarl - seit 1959 nach Originalrezeptur gebacken - hat die Unternehmerfamilie Fuchs von Kastelbell in die Welt hinaus gebracht und damit jene Aufmerksamkeit verschafft, die es sich verdient.
Zu den weiteren privaten Top-Arbeitgebern zählt auch das Unternehmen Ilmer. „Aktuell arbeiten 40 Personen bei uns im Betrieb“, sagt Tobias Ilmer. „Wir haben 25 Mitarbeiter“, teilt die Famillie Bernhart vom Hotel Sand auf Nachfrage vom Vinschgerwind mit und „24 MitarbeiterInnen in Voll- oder Teilzeit arbeiten bei uns“ sagt Markus vom Kesslwirt auf Nachfrage. 18 Mitarbeiter bilden hingegen bei den Baumännern ein Team. Und: „16-18 Mitarbeiter plus Familie“, arbeiten im Panoramahotel Himmelreich.
Der Tourismus. Wasser und Wein, Spargel und Äpfel – und über allem thront das Schloss Kastelbell. Kastelbell-Tschars ist mit seinen Fraktionen eine beliebte touristische Adresse. Die Auslastung hier liegt im Durchschnitt bei 127 Tagen. 710 Betten stehen in 42 Beherbergungsbetrieben bereit. Im vergangenen Jahr wurden 90.285 Nächtigungen und 17.605 Ankünfte verzeichnet, davon sind 70% Deutsche Gäste, 10% Schweizer Gäste und 9% Italienische Gäste. Insgesamt gibt es in Kastelbell-Tschars 60 Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe.
Die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus trägt hier ganz konkrete und sichtbare Früchte. Via Vinum Venostis - der Vinscher Weinweg durch Rebenanlagen und mit Sicht auf den Talkessel - ist eine dieser sichtbaren Früchte und vor allem im Herbst und Frühjahr ein beliebter Wanderweg. Vorbildlich geführte Almen gibt es reichlich und auch der Radweg ist eine pulsierende Ader. Mehr noch: Radweg und Bahn sind für die Beherbergungsbetriebe nicht mehr wegzudenken. Zudem
gibt es eine große Auswahl an Restaurants und Lokalen. Sie öffnen die Türen zu regionaler und italienischer Küche und verschließen sich internationalen Einflüssen nicht. Von der Sterneküche über Südtiroler Küche bis hin zu Pizza: In Kastelbell-Tschars mit seinen Fraktionen stehen Genuss und regionale Produkte ganz oben. Apropos regionale Produkte. In Kastelbell offenbart der Spargel eine ganz besondere Qualität. Die Spargelsaison im April und im Mai wird von Kennern und Genießern voll ausgekostet. Nichts zu wünschen übrig lässt demnach die Kulinarik: Vinschgaus einziges Sternerestaurant - das Kuppelrain - ist in der Gemeinde Kastelbell-Tschars zu finden und ergänzt alle gastronomischen Facetten, die Gäste und Einheimische hier finden. Das Angebot reicht von herzhaft-bodenständig über mediterran bis hin zu feinen, exklusiven Gaumenfreuden. Dazu gesellen sich neun Winzer mit exzellenten Weinen in Kastelbell-Tschars. Denn auch die Weinbauern sind hier vorbildlich am Werk und bringen Weine von ausgezeichneter Qualität hervor, die Kenner und Weinfreunde zu schätzen wissen.
Und auch die Kultur hat einen hohen Stellenwert. Kulturelle Veranstaltungen auf Schloss Kastelbell oder jene des rührigen Bildungsausschusses zeigen, dass Kastelbell-Tschars eine aktive und lebenswerte Gemeinde ist und mit der Umfahrungsstraße weiter an Wohn- und Lebensqualität gewinnen wird. Es war für die Gemeinde Kastelbell-Tschars ein Herzensanliegen, dass man vom Durchzugsverkehr befreit wird. Nun wird sich dieses Herzensanliegen endlich erfüllen.
Gut zu wissen
➜ 2,5 km Tunnellänge mit vier Fluchtstollen: Die Hauptröhre ist bergmännisch vorgetrieben
➜ Umfahrungsstraße: Die neue Umfahrungsstraße hat eine Gesamtlänge von rund 3,34 km. Sie beginnt im Westen kurz vor dem Schloss Kastelbell und mündet im Osten wieder in die bestehende Staatsstraße.
➜ 96,3 Euro Gesamtkosten
➜ Spatenstich am 31.05.2019
➜ Tunneleröffnung am 6.6.2026