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Kultur

Heimkehr in die Kartause

von Daniela Brugger (Fotos) Elke Wasmund (Text)
veröfftl. am 13. Mai 2026

Kaum vorstellbar, aber nach fast 250 Jahren kehren vier gotische Altartafeln zurück an ihren ursprünglichen Ort in die Kartause Allerengelberg in Schnals. Die Tafeln befanden sich in Südtiroler Privatbesitz und wurden über ein Aktionshaus dem Kulturverein Schnals angeboten. Nach Gutachten ausgewiesener Experten hat die Gemeinde Schnals die Altarbilder angekauft.
Der Kunsthistoriker Hanns-Paul Ties begutachtete die Altartafeln als erster Experte und schrieb „Die vier beidseitig bemalten Tafeln bildeten einst die zwei Flügel eines Flügelaltars, der aus stilistischen Gründen um 1430/50 entstanden sein dürfte. Im geöffneten Zustand des Altars waren – vor Goldgrund – auf dem linken Flügel Jesus am Ölberg und die Dornenkrönung Jesu zu sehen und auf dem rechten Flügel die Kreuzigung und die Auferstehung. Auf der Außenseite des linken Flügels waren hingegen – vor gemaltem Hintergrund – die Verkündigung an Maria und die Geburt Jesu platziert und auf der Außenseite des rechten Flügels die Anbetung der Könige sowie die Darstellung zweier Heiliger mit dem knienden Stifter. In den Gemälden, die von einem böhmisch-österreichisch geschulten Maler ausgeführt worden sein dürften, verbindet sich das Erbe des weichen Stils der Jahre um 1400 mit stärker realistischen Elementen.
Die Tafel mit den beiden Heiligen und dem Stifter enthält entscheidende Hinweise auf die Herkunft der Bilder aus der 1782 aufgehobenen Kartause Allerengelberg, dem einzigen Kartäuserkloster im historischen Tirol: Neben dem hl. Johannes dem Täufer mit Kamelhaarmantel und Gotteslamm ist dort der hl. Bischof Hugo von Lincoln aus dem Kartäuserorden mit dem Attribut des Schwans wiedergegeben. Rechts von Hugo kniet ein Kartäusermönch als Stifter vor der Ansicht eines Kartäuserklosters. Dass es sich dabei um die älteste erhaltene Ansicht der Kartause Allerengelberg handelt, wird nicht zuletzt durch die pyramidenförmigen Dächer der rund um die Kirche gruppierten Mönchszellen nahegelegt. Noch auf einer Vedute der Kartause Allerengelberg im Stift Klosterneuburg von ca. 1750 zeigt ein Teil der Mönchzellen diese mittelalterliche Dachform.
Die durch die Ikonographie nahegelegte Provenienz der Tafeln wird durch die Überlieferung innerhalb der Besitzerfamilie bestätigt: Die Gemälde dürften – zusammen mit anderen Kunstwerken – um die Mitte des 19. Jahrhunderts in das Eigentum des Heinrich Elias Vögele (1806–1862) gelangt sein. Dieser Ururonkel des aktuellen Besitzers hat als Arzt (Kreisphysikus) in Schlanders gewirkt. Laut der Familienchronik hat Vögele seinen Nachfahren ‚verschiedene schöne alte Möbel, Bilder (teilweise aus Karthauser Besitz [sic!]), Bücher, Waffen […] und manches andere‘ hinterlassen. Dem Arzt seien ‚einige dieser Sachen‘ – ‚vielleicht statt Bezahlung?‘ – ‚gebracht‘ worden, ‚weil man wusste, daß er sich dafür interessierte, was damals ziemlich ungewöhnlich war‘.
Mit Blick auf die Geschichtsquellen zur Kartause Allerengelberg im Spätmittelalter lässt sich darüber hinaus vermuten, dass es sich bei dem auf einer der Tafeln dargestellten Altarstifter um den im Jahr 1440 verstorbenen Prior des Klosters, Johann III. de Austria, handeln könnte. Dies würde nicht nur zur stilistischen Einordnung der Gemälde in die Zeit um 1430/50 passen, sondern auch die Darstellung des hl. Johannes des Täufers – als des Namenspatrons von Johann III. de Austria – auf der Stiftertafel erklären. […] Es ist denkbar, dass die Bilder vom Corpus-Christi-Altar (Fronleichnamsaltar) in der Kirche der Kartause Allerengelberg stammen, der nachweislich am 20. Mai 1437 geweiht wurde. Der Passionszyklus auf den ehemaligen Innenseiten der Altarflügel würde gut mit diesem Weihetitel harmonieren.
Kunsthistoriker Leo Andergassen stellte fest, dass diese Tafeln bislang vollkommen unbekannt waren, und somit für die Geschichte der Kartause Schnals einen hohen historischen Dokumentationswert haben. Es handelt sich um seltene Altartafeln, die auch für den Tiroler Raum eine Schlüsselstellung in der Altarentwicklung einnehmen werden. Aufwand von Ankauf und Restaurierung muss man im Zusammenhang mit der teilmusealen Begehung der Kartause in Verbindung denken; in diesem Zusammenhang dienen die originalen Altartafeln als Zugpferd.
Kunsthistoriker Carl Kraus befürwortete den Ankauf: „Als entscheidenden Faktor sehe ich dabei die einmalige Gelegenheit, ein vor fast 250 Jahren entferntes sinnstiftendes Werk wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückzuführen.“

Die Altartafeln sind noch bis Samstag, 16. Mai 2026, von 9 bis 18 Uhr in der Kirche zur hl. Anna in Karthaus zu sehen, bevor sie nach einer wissenschaftlich geleiteten Untersuchung und Restaurierung nach einem endgültigen Standort in Karthaus suchen.
Weitere Veranstaltungen im Rahmen der KULTURLARCH 2026 unter
www.kulturverein-schnals.it