„…eine Last, die ich mit mir herumtrage“
Gernot Paulmichl, Jg, 1965, Stilfs: „Die Übergriffe des Pfarrers haben mir die Weichen in die Verbitterung gestellt. Das Therapiezentrum Bad Bachgart hat mir das Leben gerettet“.
Gernots Gedanken hängen oft an jenem Tag, an dem er von der Pfarrhäuserin aufgefordert wurde, zum Beichten ins Pfarrhaus zu kommen. Aus der Beichte wurde ein sexueller Übergriff des Pfarrers mit der Begründung, Gernot habe eine schwarze Seele, sei von bösen Geistern besessen und müsse mit dem geistlichen Penis, den der Pfarrer „Reinigungsstab“ und „Zepter Gottes“ nannte, gereinigt werden. „Dem sexuellen Akt folgten ein Exorzismus und die Beschwörung niemandem etwas zu erzählen“, erinnert sich Gernot. „Ich fühlte mich schuldig, war ohnmächtig und blieb stumm, auch weil ich wusste, dass mein Vater keinen Widerspruch duldete, schon gar nicht, wenn es um einen Priester ging. Und meine Mutter war eine Schweigemutter“. Als er zaghaft versuchte, sich einer Tante anzuvertrauen, stoppte sie ihn mit einer Watsche. „Alle meine Tanten waren bigott und dem Pfarrer hörig“, sagt Gernot. Er blieb in der misslichen Situation gefangen und wurde immer wieder „zur Beichte“ geholt, an die 50ig Mal schätzt er. Und er war nicht der Einzige, der den Übergriffen des pädophilen Pfarrers ausgesetzt war. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, und in der Gemeindestube starteten Versuche, den Geistlichen loszuwerden. Erst nach langwierigen Interventionen bei der geistlichen Obrigkeit gelang es schließlich. Der Pfarrer wurde jedoch nicht zur Rechenschaft gezogen. Das Geschehene verschwand unter dem Mantel des Schweigens. Den Pfarrer traf Gernot Jahre später im Pustertal, wo er sich als Schüler der Handelsoberschule in Mals in den Sommerferien sein erstes Geld verdiente. „Der Pfarrer hat mich daraufhin gestalkt, aus Sorge, ich könnte vom Missbrauch erzählen“, vermutet Gernot. Nach der Matura trat er den Militärdienst bei den Fallschirmspringern in Pisa an. Als treffsicherer Schütze wurde er Mannschaftsführer einer zwölfköpfigen Gruppe. Eines Tages kam der Militärpfarrer in sein Zimmer und zeigte ihm einen Brief seines einstigen Peinigers, in dem dieser schrieb, Gernot sei eine ungute Seele und nicht autoritätswürdig. Der Brief musste wohl noch andere Botschaften enthalten haben. Denn der Militärgeistliche forderte ihn daraufhin auf, ihm gegen Bezahlung von 40.000 Lire einmal wöchentlich für sexuelle Dienste zur Verfügung zu stehen. Gernot lehnte entsetzt ab. Die Rache des Priesters folgte sofort. Er ließ Gernot samt seiner Gruppe auf die Freiwilligenliste für den Einsatz in Lybien setzen, wohl auch um zu verhindern, dass sein Ansinnen publik werden könnte. So vermutet Gernot. In Nordafrika galt es dann das von Rebellen besetzte Öllager von Gadaffi bei Tripolis zu befreien. An den Fallschirmen hängend und mit Valium gegen die Angst im Blut wurden die Fallschirmspringer von unten beschossen. Sie versuchten sich zu verteidigten. Zwei aus Gernots Gruppe verloren ihr Leben. „Dieser Verlust und die anschließenden Vorwürfe der Angehörigen, aber auch die Sorge, dass ich selbst jemanden erschossen haben könnte, ist auch eine Last, die ich mit mir herumtrage“, erklärt Gernot. Bitter war auch die Erkenntnis, dass er auch diesen Kummer einem Geistlichen zu verdanken hatte. Wieder daheim bemühte sich Gernot ein normales Leben zu führen. Er betrieb ein Souvenirgeschäft, bildete sich als Sportmasseur aus, heiratete und wurde Vater von drei Kindern. Um die Kirche machte er meist einen großen Bogen. Über die traumatischen Ereignisse schwieg er. „Eines Tages brach alles wie eine Lawine über mich herein“, erklärt er. Wut und Hass zerfraßen ihn. Er versank in Depressionen, hatte Selbstmordgedanken. Um zu vergessen, flüchtete er sich in den Alkohol. Er schaffte den Alltag nicht mehr. 2002 kam er zur Therapie nach Bad Bachgart. Den Missbrauch verschwieg er auch dort aus Rücksicht auf seinen Vater und seine Tanten. Seine Frau und die Kinder wussten ebenfalls nicht, was ihn belastete. Nach der Rückkehr übernahm er daheim den Haushalt, war liebevoller Vater und Ehemann und beschäftigte sich eingehend mit Philosophie. Er bemühte sich immer wieder die Erinnerungsbilder, die sogenannten Flashbacks, zu verdrängen. Doch es gelang nicht. Es folgten weitere Aufenthalte im Therapiezentrum in Rodeneck. Nach dem jüngsten Aufenthalt kam eine Wende. Sein Psychotherapeut Eduard Senoner konnte ihn ermutigen, sich zu öffnen. Gernots Frau und die Kinder wissen nun auch Bescheid, und das tut ihm gut. Von den Gesprächen mit den hohen Würdenträgern im Land ist Gernot enttäuscht „Die Kurie hat immer gewusst, dass der Pfarrer ein pädophiler Täter ist. Sie hat sich aber mit ihm solidarisiert und von mir Verzeihung verlangt“, bedauert er. Mit dem Schritt an die Öffentlichkeit will er das Leid der Betroffenen aufzeigen und der Kirche ihre schwarze Seele bewusst machen. Die Vertreter der kirchlichen Institutionen fordert er auf, die Scheinheiligkeiten abzulegen und endlich ehrliche Verantwortung zu übernehmen.