Garten der Wonnen
Früher war es ein Anger mit Birn- und Obstbäumen, eine eingezäunte Wiese für die Schafe, einem Hausgarten, einem Bienenhaus, ohne einen ebenen Platz, aber mit einer schönen Aussicht von Tschengls bis Marienberg. Der Ortler und die Königspitze, das Glurnser Köpfl und der Watles, der Eingang nach Taufers im Münstertal, Prad, die Stadt Glurns, Tartsch mit dem Tartscher Bichl, Laatsch, Schleis und Mals mit den vielen Türmen. Alles in Sicht. Ein Fleckchen Erde oberhalb von Mals am Ende der Parkgasse, neben dem Eingang zum Park, beim Unterwaal, nur wenige Minuten vom Dorfplatz entfernt. Es ist der Anger von Karl Punter, der am Ende der Parkgasse wohnt und oberhalb von seinem Haus den 1.000 m² großen Anger besitzt. Früher war Karl, geboren 1957, ein Abenteurer, der mit seinem Motorrad im Sommer 4 – 5 Wochen durch Europa und durch Afrika fuhr, Fotos machte und in den Wintermonaten Lichtbildervorträge über seine Abenteuerreisen hielt. Außerdem unterrichtete Karl über 40 Jahre in Schlanders, Mals und zuletzt in der Fürstenburg. Die Rundreisen mit dem Motorrad endeten vor 30 Jahren, als seine Tochter zur Welt kam. Aus den Fernreisen und Motorradfahrten, den Abenteuern in den Bergen und durch Wüsten wurde eine Fußreise in den nahen Anger. Sie wurde sein neues Abenteuer. Hier baute er sich eine neue Welt, ein neues Gartenparadies, eine Gartenburg. Er nennt es „Hortus Deliciarum“, den Garten der Köstlichkeiten, der Genüsse und der Wonnen. Der Hortus Deliciarum ist die erste nachweislich von einer Frau abgefasste Enzyklopädie. Zwischen 1167 und 1195 erstellte die Äbtissin des Klosters Hohenburg auf dem Odilienberg im Elsass die illustrierte Handschrift mit dem theologischen und profanen Wissen der damaligen Zeit. Der Garten, die Gartengestaltung wurde zur Lebensaufgabe von Karl Punter und zu seinem Lebensmittelpunkt neben der Familie und Schule. Seit 30 Jahren läuft das Gartenprojekt. Ohne Ende.
Ein Garten mit Terrassen, Stiegen, Brunnen, Beeten, Bäumen und Bänken
Die Aussicht und einige Bäume sind geblieben, alles andere hat Karl verändert. Heute ist es für ihn ein wertvoller Rückzugsort mit einem Hausgarten, vielen Pflanzen, Blumen, Bäumen, Tieren und schattigen Nischen an heißen Sommertagen und sonnigen Plätzen in den Wintertagen. Oft verbringt er den ganzen Tag im Garten, er und seine Frau Bernadette Höllrigl genießen die Gartenzeit, die Düfte und Blüten im Garten, die Früchte, die Ruhe und die schöne Aussicht. Rund zwei Stunden dauert der Rundgang durch sein Gartenparadies. Karl erzählt über die Steine, die Gartenarchitektur, die vielen Trockenmauern. Er hat sie errichtet, um ebene Flächen zu gewinnen und einen Weg durch den Garten angelegt. Die einzelnen Terrassen hat er mit Steinstiegen verbunden. Die Steine hat er selber gesucht, in den Bergen, aus dem Bachbett geholt und in jahrelanger Arbeit aus dem abschüssigen Anger einen Garten mit fünf oder sechs ebenen Terrassen gemacht. Es sind verschiedene Steine aus Reschen bis Laas, sogar aus der nahen Schweiz. Über jeden Stein kann Karl eine Geschichte erzählen. Wo der Stein herkommt, wie er ihn transportiert und dann in sein Gartenprojekt eingebaut hat. Es gibt einige besondere Steine an besonderen Orten, die aus dem Garten einen mystischen Ort machen, zum Nachdenken und zum Philosophieren. Es ist seine Eremitage. Manchmal redet er sogar mit den Pflanzen, sitzt in einer schattigen Ecke und lässt den Blick über sein Heimatdorf Mals schweifen. Er sieht die einzelnen Häuser und muss an die Menschen denken, die hier wohnen und früher gewohnt haben. Wie sie gelebt haben, wie ihre tägliche Arbeit war und wie ihr Alltag. Wir kommen an sechs Brunnen vorbei. Es ist Trinkwasser, eingespeist aus dem Überlauf vom Wasserreservoir. Das Plätschern des Wassers und das Singen der Vögel, das ist die Gartenmusik. Vom Autoverkehr hört man zum Glück nichts, nur die Glocken vom Kirchturm hört man, aber das sind bekannte und angenehme Töne. Im Garten sind alte Obstbäume mit Grafensteiner, Kalterer, ein Kirsch- und ein Marillenbaum, ein Palabirnbaum, ein Zwetschgenbaum und ein Birnbaum Gute Luise, sogar Weinreben, viel Lavendel und Königskerzen. Auch die Bäume und die Pflanzen haben eine Geschichte. Schlangen haben wir beim Rundgang keine gesehen, aber Karl versichert, dass es sie gibt, genauso wie Feldmäuse und einen Maulwurf, den er nicht besonders mag. Vieles wächst allein und er lässt es wachsen. Sein Garten hat keine klassische Einteilung: Gemüsegarten, Kräutergarten, Blumengarten und Lustgarten und doch ist alles da und für alles Platz. Vor allem gibt es schöne Wege, Plätze, Nischen, Bänke aus Holz und Stein und überall wächst und blüht es. Wir befinden uns auf 1.100 Meter Meereshöhe und doch ist es auch im Winter in der Sonne angenehm warm und im Sommer im Schatten eines Baumes, bzw. einer Laube angenehm frisch.
Willst du ein Leben lang glücklich sein, so schaffe dir einen Garten.
Karl Punter hat 30 Jahre an der Umsetzung seiner Gartenidee gearbeitet, ohne Gesamtplan und ohne langfristige Ausrichtung. Und er wird weiter an seinem Gartenprojekt arbeiten, Steine sammeln, Wege und Plätze anlegen, pflanzen und vor allem zuschauen, wie alles wächst, wie die Natur sich entwickelt, ihre Kraft und Pracht entfaltet. So wie für den alten griechischen Philosophen Epikur ist auch für Karl der Garten ein Ort der Lebensfreude, der Lebenslust, des Glücks und der Seelenruhe. Hier kann er jeden Tag, jeden Augenblick genießen und nach dem Motto: carpe diem (nutze den Tag) auch glücklich werden. Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das heißt: Willst du für eine Stunde glücklich sein, so betrinke dich. Willst du für acht Tage glücklich sein, so schlachte ein Schwein und gib ein Festessen. Willst du aber ein Leben lang glücklich sein, so schaffe dir einen Garten. Der Garten ist ein Ort der Vielfalt, der Zufriedenheit, ein Ort der Wonnen, der Freuden und des Buen Vivir, des Guten Lebens, wie es die indigenen Völker Südamerikas bezeichnen. Ein Leben in Harmonie, gut für Körper und Geist, ein kleines Paradies. Für Karl ist es wie ein Burggarten mit seinen Burgmauern und Gartenanlagen und dem Himmel als Dach darüber. In unmittelbarer Nähe zum Garten von Karl befindet sich der Bunker 5 als Teil des militärischen Schutzwalls, der zweiten Verteidigungslinie des „Vallo Alpino del Littorio“. Karl hat sich dafür eingesetzt, dass die Fraktionsverwaltung von Mals den Bunker ankauft und für Führungen zugänglich macht, um über die Lokalgeschichte zu informieren und die militärische Denkweise der damaligen Zeit begreifbar zu machen. Heute macht Karl gerne Führungen in seinem Garten, um die Vielfalt und Schönheiten der Natur zu zeigen und auch Führungen im Bunker, um auf die Lokalgeschichte als Teil der Weltgeschichte hinzuweisen. Wir gehen nach der Gartenführung auf dem Unterwaal zurück nach Tartsch und von dort hinauf zum Bunker 23, den Benny von Spinn eingerichtet und Othmar Prenner dann zu einer Kunstgalerie umgestaltet hat. Derzeit werden dort mehrere Kunstwerke verschiedener Künstler zum Thema „HOTEL, der Traum vom Paradies“ bis am 25. Oktober 2026 ausgestellt. Außerdem führt das Kreativkollektiv Vinschgau EO a.rèa vom 1. bis 18. August beim Bunker 23 „Die wilde Fuahr - Ein Freilicht Sagenmusical“, ein Freilichttheater von Judith Prugger und Annalena Alber auf. Aber das sind wieder andere Geschichten und Projekte aus dem Obervinschgau.
Fernseh- und Radiosendungen über Karl Punter:
➜ YouTube.com: RAI Land&Leben – Sendung vom 29. Oktober 2025
➜ Rai Südtirol Mediathek: Land & Leben Magazin für Landwirtschaft vom 03.11.2025
➜ Rai Südtirol Radio Wohnzimmer: der Lehrer und Abenteurer Karl Punter – 10.01.2026