Gabriel Grüner: ein Porträt
Gabriel Grüner; Fotos: Archiv Uli Reinhardt
Seit ich am 13. Juni des vorigen Jahres auf dem Dulje-Pass in der Nähe des Städtchens Suhareka im südlichen Kosovo an seinem Gedenkstein stand, hab ich den Namen des einen, der dort auf der schwarzen Granitplatte steht, ständig im Kopf, nämlich den von Gabriel Grüner. Geboren wurde er am 08. August 1963 in Mals als Ältester von vier Geschwistern. Sein Vater Volkmar Grüner war Oberförster aus Mals, seine Mutter Erika war gelernte Friseurin und kam aus dem Ruhrgebiet (Bochum), aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Die Jugendjahre waren geprägt von häufigen Wechseln des Wohnortes, bedingt durch den Beruf des Vaters: Steinhaus im Ahrntal, Kiens im Pustertal. In Bruneck besuchte Gabriel auch die Oberschule. Seine damalige Lehrerin für Deutsch und Geschichte, die Professorin Margareth Berger, hat ihn noch in lebendiger Erinnerung wegen seiner „überdurchschnittlichen Intelligenz, seiner außergewöhnlichen Sprachgewandtheit und seinem Mut, auch unliebsame Dinge offen an- und auszusprechen.“
Nach der Matura studierte er an der Universität Innsbruck Germanistik und Geschichte. Im März 1984, im Alter von knapp 43 Jahren, starb sein Vater an Kehlkopfkrebs, was einen schweren Einschnitt in seinem Leben bedeutete. Er wurde als Ältester in die Rolle eines Ersatzvaters gedrängt. Nach Abschluss des Studiums in Innsbruck absolvierte er von 1990 bis 1991 die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und wurde anschließend Reporter im Auslandsressort der Illustrierten Stern. Kurz nachdem er dort angefangen hatte, wurde aus der Balkankrise der Balkankrieg, und er rutschte, ohne es zu wollen, in die Rolle des Kriegsrepoerters. „Um acht Uhr morgens beginnt in Ormoz (Slowenien) der Krieg. Es ist Donnerstag, 27. Juni (1991)“. So leitete Gabriel Grüner seine erste Reportage aus dem ehemaligen Jugoslawien ein. Und die Grauen des Krieges sollten ihn über acht Jahre in allen seinen Phasen begleiten. Seine Feuertaufe erlebte er im Winter 1992 in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, von wo er zusammen mit dem Fotografen Uli Reinhardt aus der eingekesselten und von der serbischen Artillerie beschossenen Stadt auch die Geschichte des Mädchens Zlata Filipovic, der „Anne Frank Bosniens“ erzählte. Im Stern dokumentierte er auch ihr Kriegstagebuch, aus dem später unter dem Titel „Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo“ ein Bestseller wurde. Bei der Berichterstattung aus der eingeschlossenen bosnischen Hauptstadt war er in ständiger Lebensgefahr. So musste er einmal, um zum Flughafen zu gelangen, sich zusammen mit einem Begleiter auf dem Rücksitz des Taxis mit einer kugelsicheren Weste zugedeckt über die berüchtigte Heckenschützeallee zum Airport „rasen“ lassen.
Seine spätere Aufgabe muss dem Schöngeist Gabriel Grüner besonders nahe gegangen sein. Mit dem Stern-Reportagefotografen und langjährigen Freund Uli Reinhardt hatte er dann nämlich wesentlichen Anteil bei der Aufdeckung und Dokumentation der Massenmorde an muslimischen Bosniaken, begangen im Juli 1995 in der UN-Schutzzone von Srebrenica von serbischen Milizen unter ihrem Anführer Radovan Karadzic. Obwohl dieser sein Vorhaben angekündigt hatte, zum Zwecke der ethnischen Säuberung die unter dem Schutze von UN-Blauhelme stehende Enklave anzugreifen, wobei „das Blut bis zu den Knieen reichen würde“, war es nach den Massenmorden nicht leicht, Zeugen für das Massaker zu finden. Es gelang ihnen, einen Überlebenden auszuforschen, der die Massenerschießungen in der Weise überstanden hatte, dass er unverletzt unter zwei Toten zu liegen gekommen war. Doch vorher musste das Stern-Team die Exhumierung tausender halbverwester Leichen mitansehen.
Im Anschluss an den Friedensvertrag von Dayton ist dann zumindest auf dem Westbalkan relative Ruhe eingekehrt, sind die Serbenführer Radovan Karadzic und General Ratko Mladic als Verantwortliche für die schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit den Greueln der Nazis vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag abgeurteilt worden und hat auch Slobodan Milosevic seinen Teil abgekriegt.
Der englische Journalist Misha Glenny wurde einmal gefragt, warum der Krieg auf dem Balkan mit solcher Grausamkeit geführt wurde. Er antwortete: „Ihr seid alle im Urlaub in Jugoslawien gewesen. Aber ihr kennt nur die Dalmatinische Küste. Dahinter in den Bergen haben die Leute ihre Probleme schon immer mit Waffen gelöst. Es galt immer das Recht des Stärkeren.“
Gabriel Grüner war aber nicht nur auf dem Balkan unterwegs, er schrieb auch Reportagen aus Afghanistan, Kurdistan, Algerien, Somalia und aus dem Sudan, einem Gebiet, in dem eine Million Menschen vom Hungertod bedroht waren. Aufgrund seines Berichtes spendeten Stern-Leser 1,14 Millionen D-Mark für „Ärzte ohne Grenzen“.
Doch nach acht Jahren Kriegsberichterstattung aus dem Balkan wollte er mit einer Reportage über den Frieden im Kosovo einen Abschluss setzen. Zu seinen Kollegen hatte Gabriel Grüner vorher gesagt: „Irgendwann hast du die Schnauze voll von dem ganzen. Irgendwann kannst du es einfach nicht mehr mitansehen.“ Seine letzte Reportage aus dem Kosovo sollte keine Kriegsreportage mehr sein, denn es war nach 15 Monaten Krieg auch dort der Frieden eingekehrt. Und am 13. Juni 1999 wollte er von Skopje in Makedonien aus seinen Bericht an den Stern schicken. Doch auf dem Weg dorthin wurden sie von auf dem Rückzug befindlichen serbischen Milizen gestoppt. Diese hatten ihr Auto zu Schrott gefahren, indem sie in eine Panzerkolonne gerast waren. Um sich ein neues zu beschaffen, hielten sie das des Stern-Teams an, erschossen sie dessen Insassen und bemächtigten sich des Fahrzeugs. Der Stern-Fotograf Volker Krämer und der albanische Übersetzer waren auf der Stelle tot, Gabriel Grüner erlag einige Stunden später in einem Lazarett der Nato-Truppen seinen Verletzungen. Seine Freundin Beatrix Gerstberger war im sechsten Monat schwanger.
Die Nachrufe von Gabriels Berufskollegen und Freunden sind berührend. Stellvertretend bringen wir den von Ulrich Ladurner aus der ZEIT: „Aber er war weit mehr als ein Kriegsreporter. Das Schreiben war sein ganz Eigenes, lang bevor er über Kriege berichtete. Schreibend bewegte er sich in den letzten Jahren durch die Zonen des Todes. Die Feder war sein bestes Mittel, dem Schrecken zu begegnen. Er schrieb über Kriege, weil es ihm wichtig war. Er tat es, weil er sich den Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet war, verpflichtet fühlte.. Er war mit ihnen verbunden, so wie mit allen anderen Menschen: über die Leidenschaft für das Leben.“ Gabriel Grüner ist in Mals begraben.
Literatur:
- Martin Maria Reinkowski, Jugoslawien. Geschichte und Legende. BoD 2021.
- Roberto Roveda und Michele Pellegrini, -
Genocidi dall’antichitá al mondo contemporaneo, le piccole pagine 2024.
- Edgar Hösch, Geschichte des Balkan, C.H.Beck, 2004
Wärmstens empfohlene Lektüre: Ivo Andríc, Die Brücke über die Drina; Nobelpreis 1961, Roman.
Beim Leserdienst des STERN bedanke ich mich für die Überlassung vieler der dort digital gespeicherten Reportagen von Gabriel Grüner
Gabriel Grüner und Fotograf Uli Reinhardt 1993 im belagerten Sarajevo