Das Trafoital und die Höhenstufen der Vegetation
Mit der Erderwärmung steigt die Waldgrenze nach oben. Aber der stammbildende Holzwuchs ist an der Waldgrenze zu Ende und nach oben folgt in den Höhenstufen der Vegetation der Zwergstrauchgürtel und die nicht verholzende Graslandschaft der alpinen Rasen.
Die Wintersperre auf der Stilfserjochstraße ist im heurigen Frühjahr am 22. Mai aufgehoben worden. Damit ist die Auf- und Überfahrt über den Pass wieder möglich. Im heutigen Beitrag möchte ich die Höhenstufen der Vegetation vorstellen, weil man diese auf einer Fahrt über die Straße zum Stilfserjoch eindrucksvoll erleben kann. Wenn man die 27,5 Straßenkilometer von Spondinig auf 887 m MH durch das Trafoital bis zur Passhöhe auf 2.750 m fährt, überwindet man einen Höhenunterschied von 1.900 Höhenmetern. Dabei durchquert man die Höhenstufen der Vegetation vom subalpinen Fichtenwald bis zu den Pionierpflanzen in der Nivalstufe. Um einen vergleichbaren Vegetationswechsel wie entlang dieser Straßensteigleiter zu erleben, müsste man in den skandinavischen Ländern 1.000 km von Süden nach Norden reisen. Wie für alle Gebirgstäler, so sind auch für das Trafoital diese Höhenstufen der Vegetation typisch. Vergleichbar mit den Stockwerken eines Hauses, besiedeln die verschiedenen Pflanzen die unterschiedlichen Stockwerke.
Der Bergwald
Der Holzwuchs mit der Bildung von aufrechten Stämmen ist auf den Bergwald beschränkt. Der untere Teil des Bergwalds oder die montane Höhenstufe wird von der Fichte und der Lärche aufgebaut. Zur Wald- und Baumgrenze hin wird die Fichte von der Zirbe abgelöst. Der Lärchen-Zirbenwald bildet die subalpine Höhenstufe. In steilen, erosionsgefährdeten Tälern haben die Wälder eine äußerst wichtige Schutzfunktion gegen Lawinen und Muren. Ohne Wald wären die meisten Alpentäler nicht bewohnbar. Die Waldgrenze im Trafoital verläuft auf etwa 2.000 m. Auf Kalkböden wie dem Ortler-Schuttkar wachsen ausgedehnte Latschenfelder. Latschen sind Kalkanzeiger. Ihre niederliegende Wuchsform mit Säbelwuchs und vielen Trieben lässt sie Überschüttungen durch Schneelawinen überstehen. Auch die Grünerlen (dialektal: Luttern) haben sich mit dem Säbelwuchs an ihren Standort in Lawinenbahnen angepasst. Die Lärche ist sommergrün und färbt ihre Nadeln im Herbst strohgelb. Die Zirbe und die Latsche sind immergrün. Durch die verschiedene Färbung kann man besonders im Herbst die Baumartenzusammensetzung des Bergwalds gut erkennen.
Nacheiszeitliches Pflanzenkleid
Vor 15.000 – 12.000 Jahren klang in den Alpen die letzte von vier Eiszeiten ab. Das heutige Pflanzenkleid auch des Trafoitals ist erst nach der letzten Auseisung entstanden. Der Wechsel von lang andauernder Vergletscherung mit großräumiger Vernichtung von Flora und Fauna und nachfolgender Wiederherstellung des früheren Zustandes hat sich im Laufe der letzten 2 – 3 Millionen Jahre mindestens fünfmal wiederholt.
Der Zwergstrauchgürtel
Über der Waldgrenze ist die sommerliche Vegetationsperiode nicht viel länger als 100 Tage. Sie wird außerdem öfters von Schlechtwetterperioden mit Frost unterbrochen. Hier oben beginnt der Zwergstrauchgürtel mit Alpenrose, Preiselbeere, Moosbeere, Krähenbeere, Bärentraube und anderen Zwergsträuchern. Wegen der Almwirtschaft ist der Zwergstrauchgürtel im Trafoital nicht besonders breit ausgeprägt. Wo die sommerliche Bestoßung mit Weidetieren abnimmt, nimmt der Zwergstrauchgürtel mit Verbuschung durch Almrosen zu. Dies ist besonders gut im Bereich der Stilfser Alm zu beobachten.
Alpine Rasengesellschaften
Oberhalb des Zwergstrauchgürtels be-ginnt im Bereich der alpinen Rasen das Reich der krautigen Pflanzen. Vor allem Süß- und Sauergräser, aber auch auffallend bunte Blütenpflanzen in Gelb, Weiß und Blau bilden diese artenreiche Pflanzengemeinschaft der alpinen Rasen. Der magere Bürstlingsrasen (Nardetum) zeigt auch im Trafoital Überweidung an, birgt aber eine große pflanzliche Biodiversität mit Arten, die heute als seltene Natura-2000-Arten klassifiziert sind. Als botanische Rarität des Bürstling-Rasens sei beispielhaft für die Sporenpflanzen die Gemeine Mondraute und für die Blütenpflanzen das Kohlröschen als Wildorchidee erwähnt.
Im Hochgebirge wird ab den alpinen Rasen die Vegetationsperiode so kurz, dass die Gefäßpflanzen kein Lignin als holzige Gerüstsubstanz mehr ausbilden können. Außerdem wären aufrechte Stämme als Wuchsform ständig der Bruchgefahr durch Schneedruck und Lawinen ausgesetzt. Daher haben verschiedene Pflanzen wie z.B. der Zwergwacholder die niederliegende Wuchsform als Spalier- und Polsterwuchs ausgebildet. Meterlange, verholzende Kriechsprosse im dunklen, wärmeabsorbierenden Bodensubstrat sichern den verschiedenen Arten von Weiden das Gedeihen noch weit oberhalb der Baumgrenze. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hat daher diese alpinen Weiden „minima inter arbores“, die kleinsten unter den Bäumen genannt. Auch im Trafoital tragen verschiedene alpine Weiden-Arten wie die Krautweide, die Netzblättrige Weide, die Stumpfblättrige Weide oder die Schweizer Weide zur Bodenstabilität und zum Ero-sionsschutz oberhalb der Baumgrenze bei.
Orchideen-Reichtum
Besondere Erwähnung verdient auch, dass im Trafoital im Bereich des Bergwalds, des Krummholzgürtels und der alpinen Rasen mehr als ein Dutzend Arten von Wildorchideen vorkommen. Stellvertretend erwähnt seien der Frauenschuh, die Wohlriechende Handwurz, die Braunrote Sumpfwurz, die Waldhyazinthe, das Gefleckte Knabenkraut und die Grüne Hohlzunge.
Geologische Kontaktzone
Im oberen Trafoital verläuft eine sogenannte Kontaktzone. Saurer und basischer Boden treffen aufeinander. Der Trafoibach bildet von der Franzenshöhe bis zur Passhöhe die gut erkennbare Linie zwischen silikatischem und kalkigem Substrat. Orographisch links des jungen Baches bildet rötlich braunes, rostig aussehendes silikatisches Umwandlungsgestein den Bodenuntergrund. Auf der rechten Seite des Bachs fällt hingegen die weiße Farbe des basischen Dolomitgesteins auf. Der Wechsel und die Überlagerung von sauren und von Kalkböden bedingen eine große Artenvielfalt an Pflanzen. So gibt es beispielsweise die Rostrote Alpenrose auf Silikatböden und die Behaarte Alpenrose auf Kalksubstrat.
Das Wassereinzugsgebiet
Der Ortler ist mit 3.905 Metern Höhe der höchste Berg der Ostalpen. Von seinem Gletscher fließen Schmelzbäche sowohl in den Trafoier als auch in den Suldenbach. Der Ortler, den wir im Volkslied als König besingen, ist der höchste Punkt des Wassereinzugsgebiets der Etsch. Das Wassereinzugsgebiet des Trafoibaches ist 51 km² groß. Der Trafoier Bach mündet nach einer Fließstrecke von ca. 10 km bei Gomagoi in den Suldenbach. Der Suldenbach entwässert eine Fläche von 161 km² und mündet nach einer Fließstrecke von 21 km bei Spondinig auf 885 Metern Meereshöhe in die Etsch.
Besucherzentrum naturatrafoi
Naturatrafoi ist das Besucherzentrum des Nationalparks Stilfserjoch. Es liegt direkt an der Stilfserjochstraße und zeigt u.a. die vielseitigen Anpassungen und Spezialisierungen von Pflanzen und Tieren
an den rauen hochalpinen Raum. Das Nationalparkhaus ist von Dienstag bis Samstag von 09.30 - 12.30 und von 14.30 - 17.30 Uhr geöffnet. Sonntag, Montag und an Feiertagen bleibt das Haus geschlossen. Bis März 2027 läuft eine Sonderausstellung über die Lurche. Von Mitte Juni an gibt es am Donnerstag nachmittags speziell für Kinder die Naturwerkstatt „Wuschelpuschel“. Im Monat August wird dieses Bastelangebot mit Naturmaterialien zusätzlich auch am Freitag nachmittags angeboten.
Gemeines Alpenglöckchen
Alpen-Hahnenfuß
Frühlings-Enzian
Immergrünes Felsenblümchen
Glockenheide