Das Bartgeierjahr 2026 - Auszüge aus dem Internationalen Monitoring
Freigelassener, junger Bartgeier mit gebleichten Armschwingen und einem Satellitensender. Am linken Schwanzansatz ist die Antenne des Satellitensenders erkennbar. Foto; Giacomo Albo
Im September dieses Jahres ist der zusammenfassende Bericht des IBM (Internationale Bartgeier Monitorings) erschienen. Der Bericht umfasst die wissenschaftlichen Eckdaten der Bartgeier-Reproduktion in natura in den Alpen-Staaten, aber auch in Spanien und Bulgarien sowie auf der Insel Korsika. Im heutigen Beitrag fasse ich die wesentlichen Inhalte zusammen.
Territorien und Brutpaare
Das Internationale Bartgeier Monitoring hat im Jahr 2026 europaweit insgesamt 130 Territorien bzw. Brutpaare erfasst und monitoriert. Von diesen 130 Bartgeier-Territorien lagen 123 in den Alpen, 4 auf der Insel Korsika, und die restlichen 3 in den Pyrenäen und im französischen Zentralmassiv. Von den 130 erfassten Paaren haben 2026 73 erfolgreich gebrütet, bei 32 Paaren ist die Brut 2026 misslungen und 25 Paare haben im heurigen Jahr nicht gebrütet. 73 flügge gewordene und ausgeflogene Junggeier bei 105 brütenden Paaren entsprechen einem Bruterfolg von 69,5 %, was bei Bartgeiern als guter Bruterfolg gilt.
Von den 130 monitorierten Paaren sind 10 im Jahr 2026 neu erfasst worden und zwar 3 in Österreich (Lechquellen Ost, Paznaun Süd und Wipptal West), 3 in der Schweiz , 3 in Südtirol/Italien und eines in Frankreich. Fünf Paare haben 2026 erstmals erfolgreich gebrütet (CH: Filisur, Armiviers, Gsteig, I: Sondalo, F: Grand Cot).
Bartgeier werden erst in ihrem 5. bis 7. Lebensjahr geschlechtsreif und fortpflanzungsfähig. Es soll deswegen explizit gesagt werden, dass im Verbreitungsgebiet der Bartgeier nicht nur die bekannten und oben zusammengefassten Brutpaare vorkommen, sondern auch deren immature und subadulte Jungvögel. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, in den Zentralalpen Bartgeier im Flug beobachten zu können, hoch und mit zunehmender Dichte immer höher. Im Gegensatz zu den Großen Beutegreifern Wolf und Braunbär ist der Bartgeier inzwischen für die Schutzgebiete und den Artenschutz zum Sympathieträger geworden. Der Trivialname „Lämmergeier“ hatte ihm in den Alpen allerdings den Kragen gekostet: 1910 war in Piemont die letzte Brut erfolgt und 1930 ist der letzte Bartgeier in den Alpen abgeschossen worden. Heute hat sich das Wissen weitestgehend durchgesetzt, dass der Bartgeier mit seinen stumpfen Zehen und seinem Schnabel gar keine Lebendtiere töten kann, sondern das letzte Glied der Nahrungskette ist. Mit seiner aggressiven Magensäure, die in ihrem pH-Wert der Salzsäure entspricht, kann er die Kalksubstanz von Knochen auflösen und sich so das Fett- und Eiweiß-reiche Knochenmark als Nahrungsquelle erschließen. Wenn Steinadler, Fuchs, Marder, Kolkrabe, Rabenkrähe und andere Tiere sich am Aas schon bedient haben, dann schlägt die Stunde des Bartgeiers, der auch scheinbar wertlose Knochen noch energetisch verwenden kann.
Warum werden die Freilassungen fortgesetzt?
Trotz der guten Bruterfolge werden die Freilassungen von in Zoos oder Zuchtvolieren aufgezogenen Junggeiern fortgesetzt. Im Jahr 2026 waren es insgesamt 21 nicht ganz flügge junge Bartgeier, die an acht verschiedenen Freilassungsorten in Kunsthorste ausgewildert wurden. Vier der Freilassungsorte lagen in Spanien, je einer in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und in Bulgarien. Die Freilassungsorte haben sich an den Nordrand der Alpen, an deren Westrand, in das französische Zentralmassiv und eben nach Bulgarien verlagert. Die Freilassungsorte sind nie zufällig gewählt, sondern es muss ein starkes Interesse der Projektpartner und eine Überwachungsgarantie während der Nestlingszeit geben. Ein weiterer Grund für die Wahl der Freilassungsorte ist der Versuch, geographische Lücken im Bartgeier-Vorkommen zu schließen, z.B. zwischen den Alpen und den Pyrenäen und durch die Durchmischung mit jungen Vögeln den genetisch engen Flaschenhals auszuweiten und damit die Gefahr der Blutsverwandtschaft und Inzucht zu verringern. Unter den 2026 freigelassenen 21 Jungvögeln waren 13 Weibchen und 8 Männchen.
Zur Erinnerung: Als Nationalpark Stilfserjoch haben wir zwischen den Jahren 2000 und 2008 im Schludertal oberhalb von Stallwies am Marteller Waldberg bei fünf Freilassungsaktionen insgesamt 11 Junggeier freigelassen.
Der derzeitige Bestand an Bartgeiern in den Alpen wird jedes Jahr im Herbst an einem Tag der Gleichzeitigkeitszählungen zu erheben versucht. Bei diesen Beobachtungen sind Hunderte von Freiwilligen und Ornithologie-Begeisterten im Einsatz. Selbstredend gelingt es trotz größter Bemühungen dabei an diesem Tag der Forschung mit Bürgerbeteiligung (citizen-science-Aktion) nicht, alle Bartgeier zu sehen und zu zählen. Deswegen streuen die Angaben, wie groß die Bartgeier-Population in den Alpen derzeit ist, von 250 bis 400 Individuen. Wissenschaftliche Experten der Populationsbiologie lehren uns, dass sich eine vormals ausgerottete und wiedereingesetzte Tierart von höheren Tieren wie Vögeln und Säugern erst wieder allein erhalten kann, wenn sie etwa 1.000 Individuen umfasst. Dieser Umstand von einer Mindestzahl und die Ausweitung des Verbreitungsareales sind weitere Gründe, warum nach wie vor Freilassungen erfolgen. Seit Jahren gehört das Richard-Faust-Bartgeier-Zuchtzentrum der Eulen- und Greifvogelstation Haringsee bei Wien zu den Hauptlieferanten der Junggeier, die freigelassen werden. Gegründet und geleitet wurde bzw. wird das Projekt in Haringsee maßgeblich von Univ.-Prof. Dr. Hans Frey, der früher an der Veterinärmedizinischen Universität Wien tätig war. Im heurigen Jahr hat Haringsee 5 der 21 freigelassenen Junggeier zur Verfügung gestellt.
Die durchschnittliche Nestlingszeit der freigelassenen Junggeier bis zum Flüggewerden betrug 119 Tage. Die Freilassungen sind zwischen dem 7. Mai (die früheste) und dem 24. Juni (die späteste) erfolgt.
Satellitentelemetrie erhellt Raumnutzung und Verbreitungsareale
Derzeit sind in Europa insgesamt 85 freigelassene Bartgeier mit einem Satellitensender ausgestattet. Die sehr leichtgewichtigen Sender werden an der Basis der Schwanzfedern aufgeklebt und liefern bis zum ersten Wechsel des Großgefieders wertvolle wissenschaftliche Daten zu den Territorien der besenderten Vögel, zur Reviergröße, Raumnutzung und den möglichen Weitwanderflügen. Als ein Beispiel für die Satellitentelemetrie seien die Flugbewegungen des bulgarischen Bartgeiers Boev angeführt. Er hat im Jahr 2025 und bis April 2026 14.100 Kilometer durch verschiedene europäische Länder zurückgelegt. Als er im April dieses Jahres nach Bulgarien zurückgekehrt ist, wurde er wenige Tage nachher mit 5 Mönchsgeiern und 2 Gänsegeiern tot aufgefunden. Die Geier sind vergiftet worden. Ein 36-jähriger Mann ist von der bulgarischen Polizei verhaftet worden.
Bartgeierpaare in Südtirol
Von den 130 derzeit erfassten, fortpflanzungsfähigen Bartgeierpaaren leben aktuell neun in Südtirol, alle in der westlichen Landeshälfte zwischen Reschen und Moos in Passeier. 7 von diesen 9 Paaren haben im Winter 2025/26 gebrütet und im Frühjahr ihr Junges erfolgreich zum Ausfliegen gebracht. Das erfolgreichste Brutpaar ist das Paar Martell. Es hat in 16 Jahren 16 -mal gebrütet und alle 16 Jungen erfolgreich aufgezogen.
Derzeit gibt es in Europa 85 Junggeier mit Satellitensendern. 6davon fliegen in den Zentralalpen im Alter zwischen 1 und 4 Jahren.
Die Flugrouten des bulgarischen Bartgeiers Boev. 2024/25 hat er 14.100 Flug-kilometer zurückgelegt, ist bis an die Ost- und Nordsee geflogen und wurde nach seiner Rückkehr nach Bulgarien mit 5 Mönchsgeiern und 2 Gänsegeiern vergiftet.
- Derzeit gibt es in Europa 85 Junggeier mit Satellitensendern. 6davon fliegen in den Zentralalpen im Alter zwischen 1 und 4 Jahren.
- Die Flugrouten des bulgarischen Bartgeiers Boev. 2024/25 hat er 14.100 Flug-kilometer zurückgelegt, ist bis an die Ost- und Nordsee geflogen und wurde nach seiner Rückkehr nach Bulgarien mit 5 Mönchsgeiern und 2 Gänsegeiern vergiftet.