„Politik beschäftigt sich mit allen Facetten des Lebens“
Michaela Platzer ist 39 Jahre alt, eigentlich gelernte Marketingfachfrau und seit über 5 Jahren Vizebürgermeisterin in Prad am Stilfserjoch. In der Gemeindepolitik ist sie bereits seit 10 Jahren engagiert. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Jugend, Gesundheitsvor- und -versorgung und vor allem die soziale Sicherheit.
Vinschgerwind: Sie sind vor 10 Jahren als Quereinsteigerin in die Politik gegangen und prägen seit fünf Jahren die Gemeindepolitik als Vizebürgermeisterin mit. Wie kam es dazu und wie fühlt sich das an?
Michaela Platzer: Damals wurde ich gebeten, für den Gemeinderat zu kandidieren. Ehrlich gesagt war ich etwas blauäugig und hatte nicht lange überlegt. Einzig klar war für mich mein Wunsch, mich für mein Heimatdorf einzusetzen. Dafür, dachte ich mir, könnte die Politik der richtige Ort sein. Fast alle in meinem Umfeld hatten mir davon abgeraten. Aber ich habe an meiner Überzeugung festgehalten. Als ich dann gewählt wurde, kam irgendwann schon der eine oder andere Zweifel. Manchmal bin ich aber nicht nur zielstrebig, sondern sogar ein bisschen verbissen. So habe ich an meiner Entscheidung festgehalten und mir gesagt: Du hast dich dafür entschieden, jetzt wirst du deinen Platz schon finden. Nur den Mut nicht verlieren! Das hat sich gelohnt. Der damalige Bürgermeister Karl Bernhard hat mich in organisatorische Themen eingebunden, und ich bin sozusagen Schritt für Schritt hineingewachsen. Nach fünf Jahren im Gemeinderat wurde ich wiedergewählt, und Rafael Alber hat mir das Amt der Vizebürgermeisterin angeboten. Ein Amt, das ich nun bereits in der zweiten Amtsperiode mit Freude ausübe. Es ist nicht immer leicht, aber es ist erfüllend. So weiß ich heute, dass es für mich richtig war, damals meinem Bauchgefühl zu folgen.
Vinschgerwind: Es wird eine stärkere Beteiligung von Frauen in der Politik gefordert. Was waren ihre Beweggründe, den Schritt zu gehen und was machen Frauen anders in der Politik?
Damals wollte ich, wie gesagt, mich einfach nur für mein Heimatdorf einsetzen. Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass Frauen und generell Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Altersgruppen und Kompetenzen in politischen Gremien vertreten sind. Vielfalt macht Politik besser. Ich bin kein Fan davon, Politik in „Männer machen dies, Frauen machen das“ aufzuteilen. Für mich hängt gute politische Arbeit vor allem von sozialer Kompetenz, Charakter und Fachwissen ab. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass Politik immer noch männerdominiert ist und Rollenbilder nach wie vor in vielen Köpfen stecken. Was wir Frauen anders machen? Unsere Empathie und soziale Kompetenz und unser organisatorisches Geschick prägen und tragen unsere politische Arbeit. Diese Fähigkeiten kann man nicht so einfach „nachlernen“. Für mich bedeutet Politik zuzuhören, Themen aus mehreren Perspektiven zu betrachten, sachlich zu bleiben, belastbar zu sein und auch mal etwas auszuhalten, sich einzusetzen, ohne sich zu verschließen, offen für andere Meinungen zu bleiben und vor allem zukunftsorientiert zu handeln. Wenn mir da vielleicht auch so mancher widersprechen würde. Technische Fachkompetenz ist zwar wichtig, aber sie ist erlernbar und man kann jederzeit Expert:innen hinzuziehen. Wenn ich sage, dass Frauen viele dieser Kompetenzen mitbringen, dann meine ich: Die Führung einer Dorfgemeinschaft ähnelt in gewisser Weise dem Familienleben, nur in einer viel größeren Dimension. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Menschen in jeder Lebensphase wohlfühlen, entwickeln und wachsen können. Um das klarzustellen: Ich sage nicht, dass es keine empathischen oder sozial eingestellten Männer gibt. Ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass es Mann und Frau, jung und alt, jede und jeden mit den eigenen Fähigkeiten braucht, um eine Dorfgemeinschaft gut zu führen. Ich glaube, dass Frauen oft einen schärferen Blick für soziale Anliegen haben, weil sie viele dieser Themen selbst oder durch ihre Kinder und Familienangehörigen unmittelbar mitbekommen. Und für mich bleibt das Soziale das Fundament, auf dem Politik bauen sollte. Was bringen denn all diese perfekt geplanten Bauprojekte, wenn später in der Nutzung die Probleme beginnen?
Vinschgerwind: Um anderen den Schritt vielleicht zu erleichtern und weil man gerne „Schlechtes“ hört- was ist denn das Schöne daran eine/n politische/n Beruf/ung auszuüben, vor allem als Frau und Mutter?
Für mich ist es einfach das, was es einem zurückgibt. Die Momente, in denen man Menschen in schwierigen sozialen Situationen wirklich helfen kann. Der persönliche Dank, der oft leise, aber sehr ehrlich zurückkommt. Auch wenn viele vom sozialen Bereich abraten, ich glaube, er ist einer der wertvollsten Bereiche in der Politik. Ja, er kostet Energie und man hat oft das Gefühl, sich im Kreis zu drehen, weil man von Behörden, Diensten und Abläufen abhängig ist. Und ja, man fragt sich manchmal: Wo bleibt eigentlich der Mensch und sein Bedürfnis? Aber wenn es gelingt, jemanden in die richtige Richtung zu begleiten und damit oft gleichzeitig vielen anderen zu helfen, ist dieser Erfolg durch nichts zu ersetzen. Auch wenn ihn vielleicht nur ein Drittel der Menschen sieht. Es ist nicht wie ein Bauwerk, das sofort sichtbar ist. Es ist leiser, unscheinbarer, aber genau das macht es so besonders: die kleine Gruppe, die die Veränderung spürt, nachdem man lange und geduldig gearbeitet hat. Und man wächst selbst enorm. Man bekommt Einblicke in Lebensbereiche, die man sonst nie so intensiv kennenlernen würde. Politik beschäftigt sich mit allen Facetten des Lebens. Im normalen Berufsleben ist man meist nur in einer Sparte unterwegs. Als Mutter fällt es mir schwerer, das Positive hervorzuheben, weil es ein ständiger Balanceakt ist. Ich versuche so zu arbeiten, dass mein Sohn nicht zu kurz kommt, also vormittags und abends, wenn er schläft. Dafür braucht es ein Ausschuss-Team, das Verständnis hat. Zum Glück habe ich das. Es gibt einen großen Nachteil, und darüber spricht man selten offen: Als ich das Amt der Vizebürgermeisterin angenommen habe, war mir klar, dass ich Prioritäten setzen muss. Mein Kind sollte nicht zu kurz kommen, und ich wollte meine politische Aufgabe gut erfüllen. Deshalb habe ich mich entschieden, in den politischen Wartestand zu gehen, um mich voll den Anliegen der Bürger:innen widmen zu können. In einer Gemeinde unter 10.000 Einwohnern kann jedoch nur der Bürgermeister, nicht aber Ausschussmitglieder über die Gemeinde rentenversichert werden, wie in größeren Gemeinden. Meine politische Tätigkeit birgt für mich also auch noch diese Entbehrung.
Vinschgerwind: Sie engagieren sich unter anderem für die sozialen Belange in ihrer Gemeinde. Insbesondere für die Basis einer Gemeinschaft, die Jugend. Können Sie ein Fazit ziehen und wo liegen ihre größten Sorgen?
Ich wollte den Bereich Jugend unbedingt übernehmen, weil ich dort nach wie vor enormes Potenzial sehe. Wir haben eine heranwachsende Generation, die motiviert, engagiert und aktiv ist. Junge Menschen, die leben, ausprobieren und herausfinden wollen, wer sie einmal sein möchten. Diese Phase ist prägend, hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Oft vergleichen wir ihre Lebenswelt mit unserer eigenen Jugend, aber die Rahmenbedingungen haben sich massiv verändert. Die Möglichkeiten sind größer, aber die Risiken auch.
Gerade im Jugendbereich beobachte ich mit Sorge einige Entwicklungen: Konsum verbotener Substanzen, gefährliche Trends in sozialen Medien, fragwürdige Vorbilder, die online große Fangemeinschaften aufbauen, respektlose oder verletzende Reaktionen, die aus Nachahmung entstehen und nicht zuletzt und nicht nur in diesem Bereich, auch soziale Einzelschicksale. Diese Fälle zeigen meist deutlich, wie verletzlich junge Menschen und wie sehr sie auf ein stabiles Umfeld angewiesen sind. Gemeinsam, im kontinuierlichen Austausch mit Diensten, Einrichtungen und Behörden versuchen wir, die Situationen so gut wie möglich zu begleiten. Uns ist bewusst, dass Wege oft langwierig sind und der Anschein entsteht, dass nichts passiert. Und vor allem die Sorgen vieler Eltern verstehe ich.
In diesem Bereich versuche ich noch stärker als sonst auf die Zusammenarbeit aller Netzwerkpartner zu setzen und die Rahmenbedingungen für ein gutes Miteinander zu schaffen. Die Schule, die Jugendarbeit, Vereine, die Behörden und nicht zuletzt die Eltern sind gefragt. Nur wenn wir gemeinsam aufmerksam bleiben, Verantwortung übernehmen und die Jugendlichen ernst nehmen, können wir sie bestmöglich unterstützen und schützen.
Vinschgerwind: Jung, weitsichtig, engagiert und weiblich. Optimale Vorrausetzungen als Kandidatin für ein zukünftiges Landtagsmandat innerhalb der Volkspartei. Könnten Sie sich vorstellen für den Vinschgau in den Landtag zu ziehen?
Zurzeit ist das für mich keine Option. Ich habe auf lokaler Ebene noch einige Ziele, die ich erreichen möchte und das habe ich den Prader:innen und Lichtenberger:innen versprochen. Solange ich das Gefühl habe, dass ich hier vor Ort etwas bewegen kann und noch nicht alles umgesetzt ist, was mir wichtig ist, möchte ich mich darauf konzentrieren.
Außerdem reicht mir die Herausforderung als Vizebürgermeisterin momentan aus. Die Arbeit für die lokale Bevölkerung erfüllt mich, auch wenn ich dabei manchmal an meine Grenzen komme. Ich bin jemand, der in Aufgaben hineinwächst und Herausforderungen liebt, aber die Rahmenbedingungen müssen passen. Und im Moment passen sie hier, in meiner Gemeinde. Nur eines gilt es zu regeln, die soziale Absicherung!