Marjan Cescutti: „Ich liebe den Vinschgau“
Marjan Cescutti mit seiner Frau Paula Cescutti geb. Alber („Proxn-Paula“ aus Göflan) (Foto: Archiv Marjan Cescutti)
Marjan Cescutti (Jahrgang 1937) zählt zweifellos zu den prägenden Persönlichkeiten des Südtiroler Kulturlebens. Als langjähriger Präsident des Südtiroler Kulturinstitutes hat er sich immer wieder dafür eingesetzt, dass Kunst und Kultur nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Regionen präsent bleibt. Nicht zuletzt über seine Frau Paula Alber aus Göflan pflegt Marjan Cescutti einen herzlichen Bezug zum Vinschgau. Cescutti trug wesentlich dazu bei, dass regionale Künstler Wertschätzung erfuhren und der Vinschgau als bedeutender Kulturraum Südtirols wahrgenommen wird. Im Interview, welches im Wohnhaus von Marjan Cescutti in Bozen geführt worden ist, erzählt er aus seinen Erfahrungen über die Menschen und das Besondere am Vinschgau und was er sich heute noch wünscht.
Vinschgerwind: Kultur ist ein sehr häufig gebrauchter Begriff. Was ist für Sie Kultur?
Marjan Cescutti: Also ich finde, Kultur ist irgendwie die Formung des Lebens nach bestimmten Wertvorstellungen, die natürlich variieren können. Entscheidend ist auf alle Fälle, dass diese Wertvorstellungen auch umgesetzt werden. Aufgrund ihrer Vielfalt lässt sich Kultur in Bereiche wie persönliche Kultur oder Sachkultur unterteilen.
Vinschgerwind: Sie haben den Vinschgau immer als bedeutenden Kulturraum wahrgenommen. Was können Sie aus ihrer persönlichen Erfahrung zu den Menschen und zur kulturellen Entwicklung im Vinschgau sagen?
Marjan Cescutti: Die kulturelle Entwicklung im Vinschgau finde ich eigentlich recht positiv. Die Menschen sind aufgeschlossen und durchaus offen fürs Neue. Diesbezüglich habe ich vor Jahren einmal Folgendes aufgeschrieben (Marjan Cescutti liest vor): „Ein Vinschger DOC, Jahrgang 1937: er in unserem Lande anspruchsvolle moderne Architektur, originelle Kulturfestivals, authentische Volksmusik, eigenwillige Kunst erleben will, findet das wohl am besten im Vinschgau, und es ist längst nicht mehr Marille, Erdbeere, Apfel, Palabirn, Marmor, Schneemilch und Eigensinn, auf die der Ruf des Tales gründet. Der wahre Kenner weiß vor allem die Menschen zu schätzen, da in keinem anderen Landstrich Originale so dicht gesät sind wie hier. Die für den Vinschgau typische Mischung von schöpferischer Fantasie, Skepsis und Zielstrebigkeit trifft voll und ganz auf Jakob Tappeiner zu. Als erfolgreicher Unternehmer hat er seine harte Jugend nicht vergessen, sondern wie alle echten Vinschger sprühenden Humor und tiefe Menschlichkeit bewahrt. Zur Schau gestellte Tüchtigkeit und lokalpatriotische Nabelschau liegen ihm nicht. Und doch ist er als Fotograf und Verleger besonders erfolgreich, wenn er mit seinen wachen Sinnen spielerisch-trittsicher der Seele des Vinschgau auf der Spur ist. Ich wünsche unserem Lande noch viele kreative Vinschger Originale, wie es Jakob Tappeiner ist.”
Vinschgerwind: Was hat Ihnen persönlich am Vinschgau besonders gefallen?
Marjan Cescutti: Etwas Besonderes am Vinschgau ist das seltene Zusammenfallen von Sprach- und Religionsgrenze. Durch historische Bestände wie die Archive von Marienberg, der Churburg und Chur, ist insbesondere der Obere Vinschgau hervorragend erschlossen. Die daraus resultierende reiche Forschungslage hat mir am Vinschgau immer besonders gefallen.
Vinschgerwind: Sie hatten immer einen besonderen Bezug zu den Vinschger Künstlern. Wer sind Ihre Lieblingskünstler?
Marjan Cescutti: Zu meinen bevorzugten Künstlern im Vinschgau zählen Karl Grasser, Robert Scherer und Karl Plattner. Die sind schon meine Lieblingskünstler.
Vinschgerwind: Sie werden nächstes Jahr neunzig Jahre alt. Was wünscht man sich da noch, wenn jeder Tag, wie man so schön sagt, ein Geschenk ist?
Marjan Cescutti: Ich wünsche mir, sowie meinen Kindern und Enkelkindern, Freude an der Schöpfung. Die Schöpfung ist etwas Wunderbares. Diese Freude sollte nie verloren gehen.