Erschöpft vom Sein
Oft ist die Rede von der erschöpften Gesellschaft, die müde, ausgebrannt, kraftlos und orientierungslos ist. Man spricht von Burn-out, auch vom Fatigue-Syndrom, dem Chronischen Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) mit Schlafstörungen, dem Gefühl von Müdigkeit und Antriebslosigkeit, was sich auch durch viel Schlaf und Ausruhen nicht vertreiben lässt. Die Philosophin Marina Christodoulou hat eine neue Theorie entwickelt. Sie meint: Wir sind nicht einfach nur müde und ausgebrannt. Wir sind müde vom Sein, erschöpft von der Welt, in der wir heute leben. Marina Christodoulou von der Constructor University in Bremen spricht von der ontologisch-existenziellen Erschöpfung, eine Erschöpfung, die weit über körperliche Müdigkeit und Burn-out hinausgeht. Es ist das Gefühl, dass die Welt zu schwer geworden ist. Das Leben wird zur Last. Diese Person will leben, nur nicht auf diese Weise. Es ist das Gefühl, dass Erholung das eigentliche Problem nicht wirklich berühren wird, weil das Problem nicht nur in einem Mangel an Energie liegt, sondern in der Art und Weise, wie Leben, Arbeit, Identität und Welt erfahren werden. Das Besondere an der Gegenwart ist die Kombination aus Geschwindigkeit, Unsicherheit, Selbstoptimierung, permanenter Sichtbarkeit, ökologischer Angst, politischer Wut und der Forderung, weiter zu funktionieren, als würde nichts zerbrechen. Erschöpfung kann zeigen, dass die alte Weise zu leben, nicht fortgesetzt werden kann. Das ist schmerzhaft, aber es kann auch klärend und befreiend sein. (hzg)