St. Benedikt erzählt Weltgeschichte
Steffen Lindemann: Singulär in St. Benedikt ist das einzige Porträt eines fränkischen Grundherren, die früheste Einzeldarstellung Gregors des Großen außerhalb Roms und die Hufeisenform des Nischenbogens, die es nur in Mals gibt
Der gelernte Volkswirt Steffen Lindemann aus Schwerin ist dabei, einen wuchtigen Katalog über die karolingische Wandmalerei in Europa zusammenzutragen. Dass die Wandmalereien in St. Benedikt dabei von größter Bedeutung sind, hat Lindemann in einem Vortrag im Kloster Marienberg am 26. Mai hervorgehoben. Ein Forum hatte ihm die Tourismusgenossenschaft Vinschgau geboten und es gehört sich im Vinschgau, dass jeder, der über St. Benedikt vorträgt, Gehör findet. Die Datierung des Kirchenbaus legt Lindemann in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts und belegt dies mit dem Bautypus mit den drei schmalen Nischen mit Hufeisenbögen, die seiner Meinung nach aus dem westgotischen und maurischen Stil entspringen (auch an der Außenfassade der Heiligkreuzkapelle bei St. Johann in Müstari - Baubeginn 790-800)). Die Ausmalung der Kirche datiert Lindemann auf das Ende des 8.- frühes 9. Jahrhundert.
Die berühmten Stifterbilder in St. Benedikt mit den Rechtecknimben werden der Bischof von Chur und Graf Hunfrid, der 806 die Gerichtsbarkeit im Vinschgau erhält, ausgemacht. Weil der weltliche Stifter auf der bevorzugten rechten Seite von Christus abgebildet ist, interpretiert dies Lindemann als bewusstes Manifest der neuen Machtverhältnisse in Churrätien und in dieser Form sei die Darstellung des Stifters erst nach 806 plausibel. Auf diesen Machtwechsel deute auch das Schwert (ein „Ulfberhtschwert“) hin, welches in der sakralen Apsiszone einen Bruch mit dem kultischen Bildprogramm markiere.
Die Wandmalereien an der Nordwand mit dem hl. Gregor dem Großen, mit den drei Klerikern, mit dem Bildern aus dem Leben des Paulus, kommen als Erzähl-Fresken erstmals in St. Benedikt in Mals vor. Von großer Bedeutung sei die Verwendung vom äußerst kostbaren Lapislazuli.
Lindemann referierte über die kunstgeschichtliche Bedeutung der Wandmalereien von St. Benedikt, über den Bilderstreit, über die eigenwillige Haltung dazu der Franken, stellte die These auf, dass Wandteppiche auch in St. Benedikt denkbar seien, über „weiße Wände“ nördlich der Alpen.
Lindemanns Resümee: „St. Benedikt hat eines der frühesten und qualitätsvollsten Wandbilder, basierend auf der theologischen Unabhängigkeit nd damit politischer Souveränität der Franken, die die Kunstproduktion auf einen neuen Pfad schickte, d.h., St. Benedikt ist eines der frühesten Beispiele für die neue Freiheit der Kunst auf Basis der Libri Carolini.“
Es entwickelte sich im Anschluss an den inspirierenden Vortrag, wie es sich für St. Benedikt eben gehört, eine kontroverse Diskussion. (eb)