Zum Hauptinhalt springen

Vinschgau/Südtirol

Missbrauchsopfer treffen Professoren

veröfftl. am 24. Juni 2026

Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Gesprächsrunde vor dem Tor des Priesterseminars in Brixen: v. l. August Aukenthaler, Martin Linter, Gernot Paulmichl, Damaris Frank, Klaus Walter, Christoph Amor, Gottfried Ugolini und Psychologin Annemarie Tasser

Gernot Paulmichl aus Stilfs war im Alter von sechs bis acht Jahren vom Ortspfarrer missbraucht und dann vom Militärkaplan in den mörderischen Krieg nach Lybien geschickt worden (der Vinschgerwind hat berichtet.) Diese traumatischen Erlebnisse haben ihn krank gemacht und sein Leben vergiftet. Dass er es nach jahrzehntelangem Schweigen gewagt hatte, seine Geschichte zu erzählen, war wie ein Befreiungsschlag für ihn und hat andere ermutigt, sich ebenfalls zu outen. Eine Schleuse hat sich geöffnet, und eine Welle wurde losgetreten. Missbrauchsopfer fanden zusammen und tauschen sich nun über eine WhtsApp Gruppe aus. Sie kämpfen gemeinsam um Gerechtigkeit. Paulmich, der sich mit Philosophie und Theologie beschäftigt, wurde kürzlich seinem Wunsch entsprechend von Professoren der Philosophisch Theologischen Hochschule in Brixen zu einem Gedankenaustausch geladen. Vermittler war Gottfried Ugolini, der Diözesanbeauftragter für Prävention und Aufarbeitung von Missbrauchsgeschehen in der Diözese. Mehrere Betroffene aus ganz Südtirol hatten Paulmichl ins Priesterseminar begleitet und saßen mit ihm und mit den Hochschulprofessoren Martin Linter, Markus Moling, Christoph Amor und Ugolini in der Gesprächsrunde. Paulmichl referierte zum Thema Dreifaltigkeit, deren Struktur und Geografie des Jenseits sich durch die Philosophie erklären lässt. Und er ist sehr dankbar, dass er diese Gelegenheit bekommen hat. Paulmichs Begleiter*innen unterstrichen durch das Dabeisein ihre Entschlossenheit, weiterhin für eine ehrliche Aufarbeitung zu kämpfen - zusammen mit der Kirche. Sie verlangen mehr Einfühlungsvermögen für das Leid, das sie erfahren mussten und wollen ernst genommen werden.
Dass die Aufarbeitung der Untaten nicht von allen kirchlichen Kreisen ernsthaft mitgetragen wird, zeigte jüngst die Polemik um den Gedenkaltar für Missbrauchsopfer im Bozner Dom. Dieser war einigen ein Dorn im Auge. Nun soll ein neuer Platz für den Altar gesucht werden. Die Initiatoren hoffen, dass es nicht eine versteckte Kirche sein wird. Dem Missbrauchsopfer Klaus Walter aus Bozen gelang es kürzlich, ein besonderes Zeichen der Sichtbarkeit zu setzen. Er erkämpfte sich die Erlaubnis, ein Holzkreuz für die Opfer sexualisierter Gewalt bei der diesjährigen Fronleichnamsprozession in Bozen mitzutragen. (mds)

WhatsApp Gruppe für Betroffene unter dem Motto „Jede Stimme zählt“: +39 375 974 72 72