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Bischof Ivo Muser exklusiv im Vinschgerwind

Weihnachten ist mehr…

An Weihnachten feiern wir nicht den Geburtstag irgendeines großen Mannes, wie es deren viele gibt. Wir feiern auch nicht einfach die Faszination des Kindseins. Wenn wir nichts weiter zu feiern hätten als nur die Idylle der Geburt und des Kindseins, dann bliebe zuletzt auch keine Idylle mehr übrig. Dann gibt es nur das ewige Werde und stirb; dann ist für uns Menschen Geborenwerden traurig, weil es doch nur zum Sterben führt. Deswegen ist es so wichtig, dass wir an Weihnachten mehr feiern.
In der Mitte von Weihnachten steht das staunende Bekenntnis, dass in einem jüdischen Kind Gott selbst in unsere Welt eintritt. Darum geht es. Darauf baut der ganze christliche Glaube. Gewaltig und geheimnisvoll beginnt der Text, der am Weihnachtstag in allen katholischen Kirchen der Welt verkündet wird: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Und am Ende dieses Textes heißt es: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (Joh 1,16).
Vor kurzem habe ich den Brief eines enttäuschten Mannes aus Schlanders bekommen, der mir schrieb, dass er gelesen habe, Jesus sei gar nicht am 25. Dezember geboren. Ich antwortete ihm mit der nüchternen Feststellung: Das ist keine Neuigkeit. Das weiß die Kirche seit eh und je. Das Datum des Weihnachtsfestes hat symbolischen Charakter. Bewusst haben die Christen im vierten Jahrhundert begonnen, die Geburt Christi zur Wintersonnenwende zu feiern.
Mit der Wintersonnenwende beginnt das Licht wieder zu steigen, die Tage werden länger und heller. Was die Natur uns zeigt, ist wie ein Symbol für Christus, das Licht, das in die Finsternis unserer Welt leuchtet. Wann ist also Jesus genau geboren? Wir wissen es nicht. Es ist auch nicht entscheidend. Wichtig ist allein, dass sein Kommen von Gott her geschieht und dass er Licht und Leben gebracht hat. Dafür schien den Christen der 25. Dezember ein symbolträchtiges Datum zu sein.
Nicht symbolisch, sondern ganz real ist der Kernsatz des Weihnachtsevangeliums gemeint: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Das „Wort“, im Griechischen der „Logos“, kann auch bedeuten: der Sinn, die Vernunft, die Weisheit, das Prinzip, das allem zugrunde liegt. Und dieses Wort, das Gott selbst ist, – so unfassbar das für uns immer bleiben wird – ist im Juden Jesus Fleisch geworden, einer von uns, Kind wie wir, Mensch wie wir, bis in den Abgrund seines Kreuzes und seines Grabes.
Weihnachten feiern bedeutet: Der Sinn der Welt ist nicht mehr ferne. Gott hat für dich und auch für mich seinen Himmel verlassen. Du kannst ihn finden. Er heißt Jesus. Du findest ihn in der Krippe von Bethlehem und du erkennst ihn an seinem Kreuz.

Die Zeichen seiner Menschwerdung
Krippe und Kreuz zeigen uns das ganze Ausmaß der Menschwerdung, des Lebens, des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung Jesu für uns. Und weil wir heute mehr feiern als den Geburtstag eines großen Menschen oder bloß die Idylle des Kindseins, sind Krippe und Kreuz Zeichen der Solidarität Gottes selbst mit allen Menschen, insbesondere mit den schwachen, den leidenden, den kranken, den behinderten, den namenlosen, den nicht-willkommenen und abgelehnten Menschen. Jesu Krippe und sein Kreuz stehen für unseren Glauben, dass Gottes Heilswillen allen Menschen gilt und dass auch wir im Schauen auf diese Symbole gerufen sind, über allen Grenzen von Religion, Kultur, Geschichte, Sprache und Herkunft einander in Liebe, Respekt und Achtung zu begegnen.
Die Kirche wird sich immer für die Präsenz dieser Symbole auch im Raum der gesellschaftlichen Öffentlichkeit einsetzen. Die Kirche wird aber auch mit Entschiedenheit sagen: Diese Glaubenssymbole dürfen von niemandem vereinnahmt und missbraucht werden, vor allem nicht, um Menschen auszugrenzen, die Gesellschaft zu polarisieren, Gegensätze aufzubauen und trennende Mauern zu errichten. Das widerspricht demjenigen, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern und dessen Evangelium wir verpflichtet sind.
Krippe und Kreuz sind nicht zuerst Zeichen einer Kultur oder einer Tradition. Sie sind zuerst und vor allem Glaubenszeichen, die uns daran erinnern, wie Gott zu uns steht und was er in Jesus für alle Menschen vorgesehen hat. Es ist zu wenig, Krippe und Kreuz aufzustellen. Die Botschaft dieser Symbole muss gelebt werden.
Krippe und Kreuz sind uns Christen heilig. Und wem die eigene Religion heilig ist, wird nie polemische oder populistische Ängste schüren gegen Andersdenkende oder gegen andere Religionen und ihre Symbole. Krippe und Kreuz sind keine Kampfansage, sondern Begegnung mit jener göttlichen Liebe, die bis zum Äußersten gegangen ist, um uns Menschen für das Leben zu gewinnen.
Wir Christen müssen uns im Denken, im Reden und im Tun ausrichten an der Gewaltlosigkeit und an der Liebe dessen, der zu Weihnachten als der Heiland aller Menschen geboren wird, der für alle gelebt und für alle gestorben und auferstanden ist. Sonst wären Krippe und Kreuz, diese beiden kostbaren Symbole, die unseren Glauben zum Ausdruck bringen, um ihre Bedeutung gebracht. Sie wären nur mehr ein äußeres, wirkungsloses Stück Tradition und Kultur.

Weihnachten ist viel mehr
Weihnachten darf nicht verkürzt werden auf ein idyllisches Erinnerungsfest, auf ein paar fromme Gefühle oder auf die Feier einiger Festtage. Auf einem Kalenderblatt habe ich den folgenden, ernsten Gedanken gelesen: „In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt gab es viele überzeugte Christen, obwohl sie nicht Weihnachten feierten; heute gibt es immer mehr Menschen, die Weihnachten feiern, und die nicht mehr Christen sein wollen“.
Im Kind von Betlehem, in Jesus von Nazareth, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, begegnet uns Gott selbst: Gott im Menschen Jesus und dieser Jesus im Gesicht eines jeden Menschen! Das ist Weihnachten. Das ist die Liebeserklärung Gottes, die wir an diesem einzigartigen Fest feiern. Das ist der bleibende Auftrag von Krippe und Kreuz.
Allen, die im „Vinschger Wind“ diese Zeilen lesen, wünsche ich ein hoffnungsvolles, lichtreiches und frohes Weihnachtsfest. Die Freude, die uns Weihnachten schenkt, möge uns hineinbegleiten in das Neue Jahr 2026 nach Christi Geburt. Unsere kleine und unsere große Welt braucht nur eines: Gott wird Mensch und der Mensch wird Mitmensch.
+ Ivo Muser

Ausgabe 25/2025