Buchrezension
Miniaturen und Opus Magnum.
Wer wie unsereins dem Eisacktal entstammt und Gelegenheit hat, den Vinschgau öfters zu besuchen, ist stets beeindruckt. Im Westen des Landes, vor allem im Obervinschgau, gewinnt man noch einen Eindruck vom Reichtum von Landschaft, Biosphäre und Kultur, über die Südtirol grundsätzlich verfügt. Vieles davon ist verschwunden, auch vernichtet: Vor allem zwischen Brenner und Bozen versunken unter den Hochbauten und Infrastrukturen des Verkehrs, den Mega-Deponien des Brennerbasistunnels und einem verschachtelten, spekulativ kontaminierten Siedlungsbrei. Im Vinschgau hingegen verspürt man trotz ähnlicher Veränderungen noch das Potenzial, über das Südtirol immer noch verfügt. Zugleich wächst aber auch das Empfinden dessen, was unwiederbringlich verloren ist.
Ein Glücksfall daher, dass Wolfgang Platter, vielfach verdienter Vinschger Zeitgenosse, 2006 bis 2016 Direktor des Nationalparks Stilfser Joch, den “Vinschger Wind” seit 20 Jahren in jeder Ausgabe mit Blitzlichtern zu ökologischen Themen bereichert. Aus den von ihm entworfenen Beiträgen ist eine Kollektion entstanden, die die Herausgeber der Bezirkszeitung aufgegriffen und mit dem Autor zu einem Buch gestaltet haben. Die Edition – dies sei vorweggenommen – ist nicht nur eine Jubiläumsgabe, sondern Wegweiser durch eine unermessliche Schatzkammer von Raum und Natur. Die Kammer hat zwar Entnahmen und Verluste erlitten, ist aber immer noch reich bestückt.
Acht Großkapitel präsentieren den Vinschgau, mit dem Nationalpark Stilfserjoch als grandiosem Eintree, gefolgt von eingehender Würdigung der Talschaft und ihrer Nachbarräume. Der Park birgt eine Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten, deren ökologischer Wert immens ist. Die Tier- und Pflanzenporträts vermitteln einen Eindruck der Vielfalt in Geologie, Flora und Fauna, die er birgt, mit Protagonisten wie dem zurückgekehrten Bartgeier und den wneiger geliebten Arten Braunbär und Wolf. Der anschließende, dem Oberen Vinschgau gewidmete Part durchstreift Natur- und Kulturräume mit intimem Kennerblick, dem zu folgen ein Privileg darstellt. Als ein besonderer Vorzug des Buches wird der Vinschgau nicht als Insel, sondern im Kontext der Nachbarräume dargestellt und damit als repräsentativer Teil des Alpenraums gewürdigt. Die Tier- und Pflanzenporträts sind ein Plädoyer dafür, dass wir menschlichen Bewohner über unseren Lebensraum nicht nach Belieben verfügen, sondern ihn zu teilen haben – mit Lebensformen und-wesen, die vor und nach dem Anthropozän zur Stelle waren und es überdauern werden. An dieser Stelle ist der Wert der fotografischen Begleitung hervorzuheben, mit Bildern, die dank der Erfahrung und Geduld großer Naturfotografen das Prädikat “hervorragend” verdienen. Der liebevoll-kundige, aber auch besorgte Blick des Autors gilt abschließend der bedrohten Kulturlandschaft und dem Klimawandel. Die massive, voll angelaufene Transformation lässt auch den Vinschgau nicht unberührt. Wolfgang Platter verweist mit Nachdruck darauf, was auf dem Spiel steht. Die Chancen für Klimagerechtigkeit und Artenvielfalt, die spätestens 2025 im Weltmaßstab definitiv verspielt wurden, stehen für den Vinschgau ungleich besser. Er kann ein Exempel dafür sein, wie beherzte Strategien noch greifen können, wenn sie nachdrücklich umgesetzt werden. “Der Vinschgerwind” und Autor haben nicht nur ihrem Bezirk ein großes Geschenk gemacht, sondern ganz Südtirol: “Ba sui” ist über die Talschaft hinaus bei uns allen, “ban ins olle”: So wünscht man dem Buch Leser, die nicht nur der Magie der Bilder und Texte verfallen, sondern die Dringlichkeit wahrnehmen, die hinter jeder Seite des Bandes von Wolfgang Platter spürbar wird.
Hans Heiss