Buchrezension von der Präsidentin der Uni Bozen Dr. Ulrike Tappeiner
„Fast wie kleine Kriminalgeschichten“
Die Leser:innen des Vinschgerwind kennen und schätzen seit zwei Jahrzehnten die vielseitigen Beiträge von Wolfgang Platter. Nun ist mit „Ba sui – 200 Naturminiaturen“ ein beeindruckendes, reich bebildertes Buch erschienen, das 200 der zwischen 2005 und 2025 veröffentlichten Texte aktualisiert und in einer stimmigen Sammlung vereint. Entstanden ist ein faszinierendes Panorama des Vinschgaus, der angrenzenden Gebiete und des Nationalparks Stilfser Joch, wie es nur ein ausgewiesener Kenner zeichnen kann – jemand, der selbst über 20 Jahre lang leitende Funktionen im Park innehatte, der ein ausgezeichneter Biologie ist, nie die Neugierde eines Wissenschaftlers verloren hat und „seinen“ Vinschgau in allen Facetten lesen und interpretieren kann.
Das Themenspektrum ist so breit wie die Natur selbst: von Geschichte über Kultur- und Naturlandschaften bis hin zu den Nationalparkhäusern in Ulten, Schlanders, Trafoi, Martell und Prad. Hinzu kommen spannende Einblicke in Rotwildmanagement, Gletscherkataster oder die Infrarotfotografie zur Kartierung von Lebensräumen. Für wirklich jede:n ist etwas dabei.
Wolfgang Platter besitzt die seltene Gabe, fundiertes Wissen – stets am aktuellsten Stand – so packend zu vermitteln, dass sich viele Kapitel beinahe wie kleine Kriminalgeschichten lesen. Etwa, wie eine 8000 Jahre alte Lärche im Schrummsee in Ulten entdeckt und wissenschaftlich datiert wurde. Oder was die Rückkehr von Bär und Wolf bedeutet, wie gelungen die Wiederansiedlung des Bartgeiers mit seinen Bruterfolgen im Martelltal ist, und welche Spuren der Etschgletscher samt postglazialen Murkegeln in der Landschaft hinterlassen hat.
Platter stellt unbequeme, aber notwendige Fragen – wie zum Beispiel zur Gefährdung der Almwirtschaft, zum Verlust und Erhalt der Biodiversität, zu den Folgen des Klimawandels – und ordnet sie mit klarem Blick ein. Seine besondere Stärke zeigt sich jedoch in den vielen wundervollen Naturminiaturen, in denen Tiere und Pflanzen zu Protagonisten werden.
Wenn Sie wissen möchten, warum der Tannenhäher als Zirbenwaldgärtner gilt, weshalb Fledermäuse unverzichtbare Nützlinge sind, welche Pflanzen besonders hungrig nach Licht sind, welcher Baum Ötzis Bogenholz lieferte, welche Tiere sich hinter dem geheimnisvollen Namen „Harlekine“ verbergen, warum man beim Wachstum von Gewächshaus-Tomaten ein Hummelnest in das Gewächshaus platzieren sollte oder warum es auf den Gletschern Bärtierchen gibt – dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie.
Würde der Advent 200 Tage dauern, wäre dieses Buch ein idealer Adventkalender: Täglich ein Kapitel, täglich die Freude, ein neues Naturwunder zu entdecken – und die Vorfreude auf das nächste.
Mir selbst ist es beim Lesen genau so ergangen: Jede Naturminiatur eröffnet neue Perspektiven, regt zum Nachdenken an und ist zugleich ein Vergnügen. „Ba sui“ ist ein Buch, das man nicht nur liest – man erlebt es.
Ulrike Tappeiner
Ulrike Tappeiner leitet die Forschungsgruppe „Ökosysteme und Landschaftsökologie“ am Institut für Ökologie, koordiniert das Forschungszentrum „Ökologie des Alpenraums“ an der Universität Innsbruck und ist Präsidentin der Freien Universität Bozen-Bolzano.