Schlanders/Theater
Eine:r muss immer leiden
Das St. Pauli Theater aus Hamburg gastierte auf Einladung des Südtiroler Kulturinstituts am 25. November mit dem Stück „Oleanna“ im Kulturhaus Schlanders. Im 2-Personen-Stück geht es um John, den Professor und Carol, seine Studentin. John ist ein mächtiger Uni-Professor, der kurz vor der Erfüllung seiner Lebensträume steht: dem Kauf eines Hauses und die Beförderung zum Professor auf Lebenszeit. Carol ist die unsichere Studentin, die sein Buch gelesen, aber nichts verstanden hat. Doch sie will verstehen und sich in der Welt zurechtfinden. Carol kommt zum Professor als verzweifelte Bittstellerin, die lernen und eine gute Note will. Sie bricht in Tränen aus. Er redet auf sie ein, tröstet sie und sagt, dass er sie sympathisch findet. Und er legt seine Hand auf ihre Schulter. Das Gespräch wird immer wieder unterbrochen. Der Professor telefoniert mit seiner Frau und mit dem Makler. Im zweiten Akt haben sich die Rollen geändert. Carol tritt selbstsicher und mutig auf. Sie hält den Professor für sexistisch, elitär, manipulativ und übergriffig. Sie hat Beschwerde eingereicht und klagt ihn wegen sexueller Übergriffe an. Er hat Grenzen überschritten, in Worten und Taten. Der Professor versteht nicht, er hat sie zum Gespräch geladen, will mit ihr reden und fordert sie auf, die Beschwerde zurück zu nehmen. Es wird ein Machtspiel um Worte, um die Wahrheit und die Freiheit. Es geht um die Deutung der Gesten und der Worte. Die Wahrnehmung ist unterschiedlich. Es kommt zu messerscharfen Wortgefechten. Im dritten Akt steigert sich die verbale Auseinandersetzung. John ist verzweifelt. Ich bin nur ein Mensch mit Schwächen und Gefühlen, sagt er. Carol wird zur Kämpferin. Es geht um Tatsachen und um Verantwortung, meint sie. Sie agiert als Teil einer Gruppe und verlangt von ihm ein Schuldbekenntnis, das er nicht abgeben kann. Er begreift, dass er seine Ziele nicht erreichen kann, sitzt resigniert auf dem Sofa und singt das norwegische Volkslied Oleanna. Es erzählt von einem Traumland, einem Paradies. Carol meint am Ende: eine:r muss immer leiden. Und bisweilen leiden wir alle. (hzg)