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Kultur

“Doubm in Toul” - Erinnerungen an Langtaufers von Martin Thöni

Martin Thöni ist 1947 in Perwarg, Langtaufers, geboren. Thöni ist Geologe, er forschte und lehrte von 1976 bis 2012 an der Universität Wien (in Wien). Seit 2012 ist Thöni in Pension. Martin Thöni lebt heute noch in Wien, denkt aber gerne zurück an „die alte Zeit, doubm in Toul“, in den 1950-er und 1960-er Jahren. “Eigentlich kenne ich das Toul nur aus meiner Jugend, als Goaßr und Untrhirt“, sagt er. Dann ist er nämlich von Langtaufers weggegangen, zuerst in die Latein-Mittelschule nach Mals, dann nach Brixen. In Meran hat Thöni 1968 die Matura gemacht. Er studierte in Innsbruck und Wien und promovierte am 1. Juli 1976 an der Universität Wien im Fach Geologie. Mit Langtaufers hatte M. Thöni seit seiner Jugendzeit nicht mehr allzuviel zu tun, war aber beruflich oft dort, etwa bei Exkursionen. Aber noch heute, nach mehr als 60 Jahren, tauchen oft Toulr Erfahrungen aus tiefster Kindheitserinnerung auf.

Kindheit in Perwarg

„Kindr, aufschtean! Haint mögg‘s enk t‘wicklggamaschn aa nou anlöign – as hot kniatiaf gschniibm unt dr voutr hot koa zait in weig z‘schöpfn!“ So ähnlich hat Martin Thöni einen wintermorgendlichen Weckruf seiner Mutter aus den 1950-er Jahren in Erinnerung. „Winter konnten zu meiner Kinderzeit in Toul doubm ziemlich hart sein. Unser knapp 2 km langer Schulweg von Perwarg nach Pedroß, den ich meist gemeinsam mit meiner um ein Jahr älteren Schwester Elsa ging, führte zuerst bergab ins Haupttal, zun groaßboch, dann jäh bergauf, durrn trai nach Kapron; aber auch dort wurde die Hauptstrasse in den 1950-er Jahren bei plötzlichem Schneefall nicht rechtzeitig und regelmäßig geräumt. Man musste eben selber ‚schneepflügen‘ so gut es ging, und diesen Schulweg mussten wir Kinder in der Regel zweimal täglich hin und zurück gehen. Ein ziemliches Unterfangen in den Wintermonaten der damaligen Zeit war auch, wenn man, zeitig am Morgen auf eisigen Wegen und vielleicht mit Gepäck, zu Fuß das erste Postauto im mehr als 5 km entfernten Graun erreichen wollte. Das ging in Toul noch so bis in die frühen 1960-er Jahre. Es war wirklich eine andere Zeit.
In meiner persönlichen Erinnerung änderte sich dies alles dann radikal in kürzester Zeit. Am auffallendsten merkte man diese Änderungen wohl pan fuarwerchn („Fuhrwerken“). Die möin (Möhn, Rinder-Doppelgespann), das von alters her unverzichtbare ‚Arbeitsduett‘, wurde bei Arbeiten wie pan bauan, mischt-, holz- und haifiarn (beim Pflügen, für Mist-, Holz- und Heu-Transport) zunehmend durch kleine Zugmaschinen (oa-axr) und (ab 1959) auch schon durch Traktoren verdrängt, und auf den staubigen Schotterstrassen und Feldwegen machten sich nicht nur vereinzelt loschtauto (Lastwagen), sondern mehr und mehr auch luxasauto (Personenautos) breit.

Der Getreideanbau, insbesondere für den sehr speziellen, höhentauglichen Roggen, der bis dahin in vielen Haushalten zum familieneigenen baurabrout noch wesentlich beigetragen hatte, wurde zugunsten von Futterklee u.a. aufgegeben. Z‘unsichr aff deir heach und aa z‘viil orbat – ma konn‘z jo haint wolflar kaafn, hiess es bei manchen ‚fortsschrittlich Gesinnten‘. Vorerst aber lebten noch etliche der alten Gewohnheiten, Arbeitsweisen oder auch von den spärlichen Freizeitbeschäftigungen eine Zeitlang weiter.

Wie sehr betagte Menschen in dieser alten kargen Lebensweise, genügsam und zufrieden verwurzelt sein konnten, zeigte mir oft genug mein eigener Vater. Daraus habe ich viel gelernt – aber erst spät im Leben. Bei den Nachbarn in Toul hiess er einfach dr Naz, und dr Naz war ein nach innen und aussen fein geordneter, sehr vielseitig aktiver, aber auch äusserst massvoller und sparsamer Mann. Einige seiner oft wie zufällige Selbstgespräche klingenden Äußerungen tauchen gelegentlich noch heute, nach mehr als 60 Jahren, in mir wie Mahnmale aus tiefster Erinnerung auf. Schon über 70, hatte sich dr Naz, zum Beispiel, eine alte Holzbank, die seiner Meinung nach im Haus ausgedient hatte, neben die Haustür hinstellen lassen; hier machte er nach dem Mittagessen gelegentlich a raschtrli und genoß die milde Sonne. Als er eines Sonntags wieder einmal auf dieser Bank sinnierte, seine Gedanken aber durch das Motorengeheul des – zwar nur dünn fliessenden – Autoverkehrs auf der gegenüberliegenden Talseite (untr Kasr) offenbar dennoch gestört schienen, schüttelte er energisch den Kopf und meinte, wie zu sich selber: „I woass lai ett, wou t‘lait in sunnta ollm iibroll hiinfourn miassn – gschtott dassatnzi drhoam bliibatn und roschtn taatn!“ Und nach längerer Unterbrechung kam eine noch beachtlichere Äußerung, die offensichtlich seinen Gedankengang zu Ende bringen sollte – und die mich persönlich bis heute staunen läßt! „Wous braucht dr mentsch?! Frischa luft, a frischas wossr – unt a-n-orbat! Sischt brauchtr jo ett viil!?!“

Das Weltbild „vo amearscht“ beginnt zu bröckeln

„Schon in den 1950-er Jahren hatte ich die Installation ‚von elektrischa‘ (der Elektrizität) in unserem Haus miterlebt. Um 1959 hielt gar ein Radio Einzug, und ab jetzt war, vor allem für meine Mutter, eine Sendung bei Radio Beromünster mehrfach am Tag gewissermaßen Pflicht: ‚wettr lousn‘. Denn das Wetter bestimme nach ihrer Auffassung den Jahreslauf, und ‚dr Schweizr hot s‘bescht wettr‘ meinte sie. Ab Mitte der 1960-er Jahre spürte man die Veränderungen in Toul dann immer deutlicher. Hoch spannende, spätherbstliche Tätigkeiten etwa waren für uns Kinder neben gelegentlichem Kräuter-, Pilze- und Beerensammeln, das um-kranamitt- oder um-massigga-gean (Wacholder schneiden oder Isländisch Moos sammeln). Das Streu-Sammeln im Wald (schtröib krotzn) als Einstreu für die Rinder im Stall, Baum-Bart bzw. Bartflechten, auf die die Ziegen ganz versessen waren, hoch aus den Fichtenstämmen im Winterwald holen und Rehe füttern, waren für mich nach der Schule aufregende Beschäftigungen in der schneereichen Zeit. Doch die meisten dieser alten Tätigkeiten wurden zunehmend als überflüssig erachtet und in kürzester Zeit aufgegeben. Sogar bei Freizeitbeschäftigungen war das zu bemerken: Mriarschn, das bei älteren Menschen wohl beliebteste Kartenspiel, verschwand; es wurde vom schweizerischen Jassn (auch Djassn) bald vollständig verdrängt. Alle die vermeintlich schalen, oft auch anstrengenden alltäglichen Arbeiten, wie holz- und wossrtrougn (vom Brunnen holen), die Stallarbeit insgesamt und natürlich die Tätigkeiten auf Acker und Wiese in der Schönen Jahreszeit, hatten etwas Spannendes an sich – dennoch, die wirklich interessante und lehrreiche Zeit für mich kam erst Ende der 1950-er Jahre: Mit den Ziegen und dann auf der Alm!“

... aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ausgabe 25/2025