Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Benedikt, 21. März 2025
Bis in die 1960er-Jahre gab es im Ober- und Mittelvinschgau Dorfhirten, Goaßer, welche die Melkziegen der Handwerker, Tagelöhner und Kleinbauern bis auf die wenigen Wintermonate fast das ganze Jahr auf die Tagweide führten. Morgens blies der Goaßer in sein Bockshorn. Dies war das Zeichen, dass die Ziegenhalter ihre Ziegen auf die Dorfstraße zum Sammeln und „Hüten in der Kutt“ entließen. Der Goaßer ging mit seinem Essbesteck von Haus zu Haus „auf Kost“.
Im Südtiroler Naturmuseum im vormaligen Maximilianäischen Amtshaus in der Bindergasse in Bozen ist derzeit die Sonderausstellung „Gras und Zähne“ zu sehen. Johanna Platzgummer und das Museumsteam gehören zu den Ideatoren dieser Ausstellung zur Weide- und Almwirtschaft. Die Ausstellung lässt die tief verwurzelte Tradition des Hirtenwesens in den Alpen und darüber hinaus lebendig werden. Von den Zeiten, als die Dorfhirten im Vinsch-gau die Ziegen hüteten, bis hin zu den Herausforderungen, denen wir uns mit der Rückkehr der großen Raubtiere gegenübersehen, spiegeln die in der Ausstellung erzählten Geschichten unsere ungebrochene Verbundenheit mit dem Land, den Tieren und den Hütern, die über sie wachen, wider. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Fachaufsätzen und Gesprächen mit erfahrenen Hirtinnen und Hirten erschienen. Die Ausstellung ist auch eine Hommage an den Schnalser Künstler und Bildhauer Friedrich Gurschler, zeigt sie doch auch seine Plastiken in Bronze und Holz der Haus- und Wildtiere Schaf, Ziege, Rind, Pferd, Hirsch, Steinbock und Gämse. Kaum jemand hat die Tiere so genau beobachtet wie Friedrich Gurschler, der als Kinderhirte aus bescheidensten Verhältnissen sein Berufsleben begann. Später war Friedrich im wissenschaftlichen Lyzeum in Schlanders auch einmal mein Zeichenlehrer.
Hirtenpräsenz
In den Almregelungen hieß es immer: Nur so viel Besitz an Tieren, wie die eigenen Flächen zuließen zu füttern. Das begrenzte den Besitz an Tieren. Jemand konnte Flächen pachten und das Heu damit aufstocken. Aber Heu und Getreide kaufen, um seine Tiere zu füttern, war in der vorindustriellen Landwirtschaft nur in sehr begrenztem Umfang möglich. Lebensmittel waren im Vergleich zu heute bis in die 1950er-Jahre sehr teuer, die Ackerflächen weitgehend der Eigenversorgung der Menschen vorbehalten. Die Ressourcen waren bis ins beginnende 19. Jahrhundert insgesamt knapp, als es noch keine Importe (Getreide. Fleisch) aus außereuropäischen Ländern gab. Kraftfutter hieß damals Getreide. Und Getreide war auch für die Menschen kaum ausreichend. Hafer brauchte es vor der Auto-Zeit für alle Pferde, welche Menschen und Waren transportierten. Futterkonzentrate auf Basis von Soja und Mais waren in der vorglobalen Landwirtschaft nicht vorhanden. Entsprechend standen die Tiere auf der Weide, so früh und so spät als möglich. Auf die Alm schickten alle Berechtigten eines Dorfes bis auf ein, zwei Kühe ihre Milchkühe, Jungrinder, den Dorfstier, die Schafe, die Jungpferde und auch die Arbeitspferde für einige Wochen zur Erholung. So waren sie alle „aus dem Futter“. Nur die Ziegen, die Kuh des kleinen Mannes, brauchten die Menschen im Dorf.
Almpflege als Gemeinschaftsarbeit
Für jedes gealpte Tier mussten Tagschichten als „Gemeinschaftsarbeit“ zur Alminstandhaltung oder eine Zahlung geleistet werden. Damit konnte das Almpersonal vergütet werden. Der Senn kümmerte sich um die Organisation der Milchverarbeitung. Butter und Käse bekamen die Tierbesitzer im Herbst nach genauer Bemessung der Milchleistung. Für jede Tierart waren Hirten zuständig. Die soziale Hierarchie der bäuerlichen Gesellschaft baute auf Besitz auf. Grundbesitz legte fest, wer mitredete. Der Almmeister kümmerte und kümmert sich noch heute um die Verwaltung der Alm. Die Gemeinschaftsweiden auf den Almen waren nach einem strengen Regelwerk normiert. So durften etwa Schafe nur zur herbstlichen Nachweide auf den Rindviehalmen grasen. Es gab „Almzwang“, was bedeutet, dass die Viehbesitzer die Weidetiere auf die Weideflächen der Gemeinde überstellen mussten. Brachten sie ihre Tiere auswärts unter, mussten sie sich trotzdem an den Kosten der Alminstandhaltung beteiligen. Almzwang bestand vor allem in Oberinntal und im Vinschgau, weil die Rechtstradition der Gemeingüter dort stark verankert war.
Umbrüche
Nach dem Ersten und vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war ein drastischer Rückgang der Schafhaltung zur verzeichnen. Hermann Wopfner (Bergbauernbuch 1997, Bd. 3) hält mehrere Wellen fest, in denen die Schafhaltung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rückläufig war. Der Rückgang war bedingt durch den Import des British Empire von Baumwolle, die Verlagerung auf die Rinderzucht und die Umstellung der Essgewohnheiten vom Schaf- zum Rindfleisch. Der Prozess wurde im Spruch zusammengefasst „Das Schaf muss der Kultur weichen“. Ich erinnere mich noch lebhaft an das Bild meiner Kindheit, wie unsere Großmutter in den 1950er-Jahren in der Blechwanne des Platter-Ladens im Herbst wochenlang die frisch geschorene Schafwolle gewaschen und im Magazin getrocknet hat, welche die Bauersfrauen beim Einkaufen eintauschten. Bargeld war selten, bezahlt wurde mit Tauschwaren.
In seiner wissenschaftlichen Untersuchung „Agrargeographie des westlichen Südtirol“ (1974) stellt Klaus Fischer fest, dass zwischen 1873 und den frühen 1970er-Jahren bei den Rindern in Südtirol nahezu eine Verdoppelung eingetreten war, während im restlichen Alpenraum die Auftriebszahlen auch bei den Rindern stark zurückgegangen waren. Fischer erklärt diese Südtiroler Sonderentwicklung mit dem politischen und wirtschaftlichen Sonderstatus Südtirols im Vergleich zu den anderen Alpenregionen. Fischer stellt aber auch schon damals fest, dass auf den Almen des Schnalstales und denen der Untervinschgauer Gemeinden ein Extensivierungsprozess erkennbar sei, der sich in der Umwandlung von Sennalmen in Galtalmen, von Galtalmen in Schafalmen und in der gänzlichen Auflassung von Schafalmen äußere. Der Einzug des flächendeckenden Obstanbaues in den Talsohlenböden sollte in den Folgejahren nach 1970 die Ausdünnung der Almwirtschaft noch massiv beschleunigen.
Formen der Behirtung
Es gibt historische Aufnahmen und Berichte von Hirten, die zwar ständig auf den Almweiden präsent waren, aber die verstreuten Tire nur beaufsichtigten, nicht führten. Johanna Platzgummer schreibt, dass ihres Wissens erste Fotos von Hirten aus dem südlichen Tirol aus den Jahren um 1910 stammen. Die Tiere stehen in einer Gruppe beim Weiden und der Hirte daneben. Das „Hüten in der Kutt“: Die Herde bewegt sich kompakt über die Weide, die Geschwindigkeit hängt von der Vegetation, der Tagesverfassung, dem Leittier und den Vorstellungen des Hirten ab, der Gelände und Wetter berücksichtigt. Diese Form praktizierten die Hirten, wenn sie die Gemeindeherde innerhalb der Weidegrenzen halten mussten. Aus diesen Jahrzehnten sind auch die letzten Generationen von Hirtenhunden des Tiroler Spitz` (Bergspitz oder Kranz) dokumentiert. Nach den Untersuchungen von Günter Jaritz waren diese Spitze mittelgroße Hunde, die für das Hüten und Treiben von Weidetieren, nicht nur von Schafen, gezüchtet und für den Einsatz auf Hochalmen gezielt selektioniert wurden. Es ist der älteste Gebrauchshund, der für die Zentralalpen bekannt ist. Jaritz beschreibt die Bergspitze oder Tiroler Spitze als außerordentlich ausdauernde, motivierte Arbeitshunde. Heute sind die Bergspitze als Landschlag akut vom Aussterben bedroht und in der Hütepraxis durch Border Collies verdrängt.
Schafe haben nur am Unterkiefer Zähne
Schafe haben nur am Unterkiefer Zähne, am Oberkiefer hingegen eine Kauplatte zum Abreißen der Vegetation. Die bewegliche Oberlippe des Schafes umfasst das Gras, die Kräuter sowie die Blätter der Sträucher und ihrer Zweige und klemmt sie zwischen die Schneide- und Eckzähne des Unterkiefers und seine Gaumenplatte, um es in den Mundraum zu schieben, kurz zu kauen und dann zu schlucken. Schafe haben als Wiederkäuer vier Mägen, um die schwer verdauliche Zellulose in Gras und Blättern zu verarbeiten.
Wenn Schafe verschwinden
Was passiert, wenn Weidetiere wie Schafe von den Weideflächen verschwinden? Wer einen Garten pflegt, weiß, was es heißt, einen Lebensraum für essbare Pflanzen zu schaffen, nämlich „ent-grasen“ oder jäten. Diese Arbeit müssen wir regelmäßig und gewissenhaft durchführen, um unseren Garten vor Überwucherung zu bewahren. Auf naturnahen Weiden – also auf Flächen, die meist von Menschen entwaldet wurden, um deren Weidevegetation zu nutzen – verrichten die Weidetiere diese Arbeit des Grasens oder Weidens. Doch anders als beim Jäten, bei dem die ganze Pflanze entfernt wird, weiden die Tiere nur einzelne Blätter oder Triebe ab. Sie „ernten“ die Pflanze. Aus der Vegetationsknospe können neue Blätter und Triebe sprießen. Auf diese Weise zähmen die Weidetiere die kräftigen Gehölze durch Beißen und Treten und sorgen dafür, dass, dass das empfindlichere Weidegras ausreichend Licht und Nahrung erhält. So kann es nach dem Abgefressen - werden wieder wachsen. Auf Weidegesellschaften schafft der Biss und Tritt der Weidetiere Platz für Weidegräser und -kräuter. Diese Weidegesellschaften haben sich auf naturnahen Weiden über Jahrtausende geformt. Menschen sind an diesen Beziehungen zwischen Weide und Tieren beteiligt, weil sie die Weidetiere im Zeitpunkt der Beweidung gelenkt haben und lenken. Naturnahe Weiden können wir als Pflanzengesellschaften verstehen, die von Pflanzen, Böden, Weidetieren, Mikroorganismen, Bakterien und Menschen gleichermaßen gebildet werden. Unterbleibt die Beweidung, verbuschen und verstrauchen die Weiden und Wald kehrt als ursprüngliche Endgesellschaft der Vegetation (Klimaxgesellschaft) zurück.