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Portrait

„I hon in main Lebm olle megliche Orbatn gmocht“

Mario Lettieri kam als Neunjähriger von Montoro Superiore in Avellino in Kampanien zu seinem Onkel nach Mailand. Von dort führte ihn sein Weg in die Schweiz und die Liebe nach Trafoi in den Vinschgau. Seit kurzem lebt er im Seniorenwohnheim in Mals.

Mario stammt aus Montoro Superiore, wo er seine ersten Lebensjahre auf dem elterlichen Hof mit acht Geschwistern verbrachte. Mit sechs Stück Vieh kam die Familie mehr schlecht als recht über die Runden. Eine Narbe am rechten Arm erinnert ihn an seine frühe Kindheit. „I bin mit 18 Monat ins hoaße Nudlwosser gfolln“, erzählt er. Die Mutter hatte ihn für einen kurzen Moment aus den Augen gelassen. Es dauerte lange, bis die Wunden verheilten. Die Folge war, dass Mario erst mit sieben Jahren eingeschult werden konnte. Nach dem dritten Schuljahr in Avellino holte ihn ein Onkel nach Mailand, der dort als Schneider arbeitete. Das Heimweh plagte Mario, doch es gab kein Entrinnen. „Es isch selm holt so gewesn“, meint er. Nachdem er die Volksschule abgeschlossen hatte, vermittelte ihm ein Verwandter eine Stelle als Gastarbeiter im „Grand Hotel Kurhaus“ in Lenk im Simmental, einem Hotel mit Termalbädern. Mario war Bursche für alles. Regelmäßig war er mit der Reinigung der Kurabteilung beschäftigt. „Mit dr Spochtl hon in Fango as di Rillen ausikrotzt“, lacht er. Das „Schwizerdütsch“ beherrschte schon bald recht gut. Die Direktorin schätzte Marios Fleiß und vermittelte ihm eine Jahresstelle im „Hotel Stolzenfels“ in Davos. Als Chef Portier holte er die Gäste mit einer Holz-Rikscha vom Bahnhof ab. Und er kümmerte sich um alle Arbeiten, die im Hotel, im Außenbereich und im Garten anfielen. Den Großteil seines Lohnes schickte er seinen Eltern nach Avellino. Das was er für sich behielt reichte gerade einmal aus den Führerschein zu machen und einen alten grünen VW Käfer Baujahr 1940 zu kaufen. Im Hotel arbeiteten viele Vinschgerinnen, darunter auch Judith Thöni aus Trafoi als Zimmermädchen. Mario verliebte sich und heiratete sie 1963. Sie war um einiges älter als er. Das Paar lebte anfangs in Davos. Nach der Geburt des Sohnes kehrte sie mit dem Kleinen nach Trafoi zurück. Mit ihrer Mutter und ihrer Schwester begann sie dort mit dem Bau eines Hauses. Mario beteiligte sich an der Finanzierung. Später arbeitete Judith erneut mit ihrem Mann im Hotel. Denn es galt den Kredit für den Bau zurückzuzahlen. Ihren Sohn wusste sie in der Obhut ihrer Mutter in Trafoi gut versorgt. 1968 verließen Judith und Mario die Schweiz und kehrten nach Trafoi zurück. „I hon selm lai Schwizerdütsch kennt“, erinnert er sich. Seither schwingt in seiner Sprache neben dem Italienischen auch das „Schwizerdütsch“ und der Vinschger Dialekt mit.
Für Marios begann der lange Lebensabschnitt als Maurer und „tuttofare“ bei verschiedenen Baufirmen im Vinschgau. „I hon in main Lebm olle megliche Orbatn gmocht unt a olz kennt“, betont er. Besonders gefragt war er beim Ausschalen hoher Mauern, weil er schwindelfrei war. Im Winter, wenn die Arbeiten an den Baustellen ruhten, bediente er den Lift in Trafoi.
1984 wurde er zu seiner großen Freude als „operaio qualificato“ in den Straßendienst des Landes aufgenommen. Er hatte inzwischen den Führerschein D, der es ihm ermöglichte, größere Fahrzeuge zu steuern.
Bei einem Steinschlag in der Kurve Nummer 10 der Stilfserjoch Straße zog er sich schwere Verletzungen am Arm zu. Die Heilung war langwierig. „Selm hot a mei Arthrose oungfongen“, sagt er. In Trafoi war Mario stets bestens integriert. Er war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und der Bergrettung. Er liebte die Kameradschaft und pflegte die Geselligkeit. „Miar kennen an Haufn Leit“, betont er. „Unt als Walscher do in Vinschgau isches miar olm guat gongen.“ Mit seiner Frau Judith führte Mario eine glückliche Ehe. „Sou a guate Frau muaß ma ersch finden“, schwärmt er. Nach ihrem Tod 2011 vermisste er sie sehr. Bis 2015 lebte er allein in seinem Haus in Trafoi. Die Arthrose verbunden mit Arthritis machten ihm immer mehr zu schaffen. „Deis isch olz fa di schwarn Orbatn kemman.“ meint er. Nach einem Schlaganfall und einer Lungenoperation konnte er nicht mehr alleine bleiben. Er bezog eine Wohnung in der Seniorenstruktur St. Antonius in Prad. Diese musste er wegen Umbauarbeiten kürzlich verlassen. Die Übersiedlung nach Mals war für ihn eine große Umstellung und nur schwer zu verkraften. Dank der liebevollen Zuwendung des Mitarbeiterteams ist seine Akklimatisierung mittlerweile gelungen.
In seinem Heimatort Montoro war Mario nur ganz selten zu Besuch. Mit seiner Verwandtschaft dort ist er hie und da telefonisch in Kontakt.

Ausgabe 25/2025