Beschleunigung in den Alpen
Vorweg sei daran erinnert, dass die Alpen im weltweiten Vergleich besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. So fiel die Erwärmung im Alpenraum in den letzten 100 Jahren mit +2° C doppelt so hoch aus als im europäischen Durchschnitt.
Der Klimawandel findet auch in Südtirol statt
Die Wissenschaftler der EURAC haben anhand von unterschiedlichen Klimaszenarien berechnet, dass die Jahresdurchschnittstemperatur in Südtirol bis zum Jahre 2050 um mindestens +1,2°C im Falle von optimistischen Szenarien bis maximal +2,7°C im Falle von pessimistischeren Szenarien ansteigen wird.
Der Klimawandel wird Auswirkungen haben auf verschiedene Lebensbereiche und Wirtschaftssparten so auf: Umwelt und Gesellschaft, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturgefahren, Tourismus, Gesundheit des Menschen.
Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt
Der Gehalt an Kohlendioxyd als Treibhausgas in der Erdatmosphäre steigt durch die menschlichen Aktivitäten kontinuierlich an und hat Auswirkungen auf das Klima:
• Lufttemperatur steigt.
• Geringere Mengen an Schneefall im Winter. Die Dauer der Schneebedeckung nimmt ab.
• Permafrostböden tauen auf.
• Die Häufigkeit von Steinschlag nimmt zu.
• Die durch Verdunstung abgedampfte Wassermenge nimmt zu.
• In der Niederschlagsverteilung über das Jahr wird weniger Wasser als bisher im Sommerhalbjahr und mehr im Winterhalbjahr und damit außerhalb der Vegetationszeit fallen.
• Die Niederschlagsereignisse mit großer Regendichte nehmen zu, entsprechend häufen sich auch die Hochwasser-Ereignisse. Und es kommt verstärkt zu Murabgängen.
• Die natürliche Vegetation verändert sich in der Zusammensetzung der Arten.
• Es kommt zu einer Verfrühung in der Phänologie der Pflanzen und zu einer Verlängerung der Wachstumsperiode.
• Die Schäden an den Kultur- und Wildpflanzen durch Schädlinge und Trockenheit werden zunehmen.
Die Folgen des Klimawandels in der Landwirtschaft
• Obst- und Weinbau werden in höheren Lagen möglich.
• Austrieb, Blüte und Ernte rücken zeitlich um bis zu drei Wochen nach vorne.
• Der Bedarf an künstlicher Bewässerung wird bei sinkendem Wasserangebot steigen. Das Konfliktpotential unter den verschiedenen Wassernutzern wird steigen.
• In der Grünlandwirtschaft der Mähwiesen wird der Ertrag auf der Fläche zunehmen, ebenso aber auch die Gefahr von Trocken- und Dürreschäden, dort wo die Möglichkeit zur Zusatzbewässerung fehlt.
• Die Gefahr von Schädlingsbefall nimmt zu.
Die Folgen des Klimawandels in der Forstwirtschaft
• Die Gefahr von direkten Trockenschäden oder indirekten Schäden durch Schädlingsbefall nimmt zu. Die Fichte ist mit 61 % Holzanteil am Waldaufbau die dominierende Baumart in den Südtiroler Wäldern. Und die Fichte ist gegen Trockenheit besonders anfällig.
• Langfristig ist ein Anstieg der Baumgrenze möglich.
Wildtiere und Klimawandel
Beispiel Steinbock: In den letzten 10 Jahren hat der Anteil der Kitze mit einem Alter bis zu einem Jahr an der Gesamtpopulation von Steinwild im Nationalpark Stilfserjoch von 32 auf 17 % abgenommen! Der Rückgang ist nicht durch den Auftritt einer Krankheit oder Seuche bedingt. Im Nationalpark Gran Paradiso in Aosta und Piemont ist die Steinwildpopulation im gleichen Zeitraum von 4.500 auf 2.800 Individuen geschrumpft. Kanadische Wissenschaftler registrieren in den Bergen Nordamerikas ebenfalls ein verstärktes Verenden von Lämmern des Schneeschafes, ohne das eine Wildkrankheit grassiert. Unsere bisherige Arbeitshypothese zur Erklärung des erhöhten Kitzsterbens beim Steinwild ist folgende: Der Austrieb der Pflanzen in den alpinen Rasengesellschaften oberhalb der Baumgrenze ist durch die Erderwärmung und den Klimawandel um bis zu drei Wochen nach vorne gerückt. Wenn die Steingeißen die Kitze setzen, hat das Gras als Nahrungsgrundlage für den reinen Pflanzenfresser Steinwild das Optimum seines Nährwertes bereits überschritten. Verringertes Nährstoffangebot in den Futterpflanzen bewirkt die Produktion von magerer Muttermilch. Und magere Muttermilch bedingt erhöhtes Kitzsterben. Auswirkungen des Klimawandels auf die Großtiere gibt es also offenbar nicht nur in der Polarregion, wo der Eisbär bei abschmelzendem Eis erfolgloser als bisher auf Robbenjagd geht, sondern auch vor unserer Haustür in den Bergen der Alpen.
Bildernachweis: Gianfranco Schieghi (1), Wolfgang Platter (3)
Zeitung Vinschgerwind Bezirk Vinschgau