Im Jahre 1970 eröffnete Josef Spechtenhauser, Jahrgang 1947 und in Schlanders von allen Peppi genannt, seine eigene Glaserei im Zentrum von Schlanders, bzw. er übernahm sie von seinem Vater Heinrich Spechtenhauser. Er war damals 23 Jahre alt und hatte nur einen kleinen Raum, rund 4 x 5 Meter groß, hinter dem Geschäft mit Trafik Artikel und Zeitungen, den schon seine Oma führte, zur Verfügung. 1980 verlegte er den Betrieb vom Dorfzentrum in die Stachelburgstraße, wo er neben seiner Werkstätte auch für seine Familie ein Wohnhaus baute. Rund 40 Jahre später übergab Peppi den Betrieb an seinen Sohn Martin, er arbeitete aber trotzdem weiter. Damit kann die Glaserei Spechtenhauser auf eine über 100-jährige Tradition zurückblicken. Seit vier Generationen gibt es den Betrieb im Vinschgau. Peppi kann nicht genau sagen, wann sein Großvater Josef Spechtenhauser den Betrieb gegründet hat, wahrscheinlich nach der Eröffnung der Vinschgerbahn im Jahre 1906 und vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Im Büro hängt an der Wand eingerahmt eine alte Rechnung für die Bezirkshauptmannschaft aus dem Jahre 1913, ausgestellt vom Bau-, Galanterie – Spengler und Glaser Josef Spechtenhauser. Im Schlandrauntal brannte sein Großvater noch Holzkohle, die er für die Spenglerei und für die Bleiverglasung benötigte. Da hatte er auch eine kleine Hütte, in der er einige Wochen im Sommer verbrachte. Sein Vater Heinrich übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg den Betrieb.
Peppi Spechtenhauser lernte das Handwerk in Innsbruck
Peppi Spechtenhauser wollte eigentlich Radio- und Fernsehtechniker werden. Es war damals das neue Medium, das ihn faszinierte. Deshalb ging er 1963 nach Innsbruck und besuchte ein Jahr lang die Hauptschule. Aber es gefiel ihm nicht und etwas verunsichert beschloss er das Glaserhandwerk in Innsbruck zu erlernen. Es war eine strenge Lehrzeit mit einer klaren Hierarchie zwischen Lehrbuben, Gesellen, dem Werkmeister und dem Chef. Die Lehrbuben mussten die Gesellen mit Sie anreden. Peppi schloss 1968 seine Lehrjahre in Innsbruck ab. Zurück nach Südtirol, arbeitete er zuerst zwei Jahre bei einem Betrieb in Meran und kam dann 1970 nach Schlanders zurück. Der Anfang war nicht ganz einfach. Er reparierte in den ersten Monaten hauptsächlich Fenster in seiner Werkstatt und konnte später bei Neubauten Fenster einglasen. Peppi erzählte auch von einigen abenteuerlichen Arbeiten. So reparierte er in der Grundschule am Sonnenberg die Fenster. Da aber noch keine Straße hinaufführte, musste er eine Stunde zu Fuß hinauf gehen und das Werkzeug und die Glasscheiben hinauftragen. Ein anderes Mal musste er für einen Kunden eine Glastür anfertigen. Das Buntglas war so teuer, dass er sich nicht getraute, den Einkaufspreis zu verlangen. Es wurde ein Verlustgeschäft, aber Peppi gewann das Vertrauen des Kunden und das hat sich langfristig bezahlt gemacht. Mitte der 70er Jahre bekam er den ersten Auftrag, die St. Walburgiskirche in Göflan einzuglasen. Damit begann für ihn eine neue Aufgabe.
Das Renovieren historischer Fenster wurde zu seiner Lebensaufgabe
In den rund 50 Jahren seiner langen Arbeitszeit restaurierte Peppi Spechtenhauser im ganzen Land verschiedene Kirchenfenster in ca. 100 Kirchen. Allein im Vinschgau ist es eine lange Liste von rund 20 Kirchen, in denen er mindestens einmal, in einigen auch öfters, die Kirchenfenster renovierte. Nach den ersten Arbeiten wurde er zum viel gefragten und spezialisierten Restaurator von historischen Fenstern in Kirchen, Schlössern und Privathäusern. Er hat Bleiverglasungen gemacht, Glasfenster und Butzenscheiben ausgetauscht und auch die Technik der Glasmalereien gelernt. Am Anfang musste er bei der Glasmalerei mehrere Versuche machen, bis es ihm gelungen ist und er mit seiner Arbeit zufrieden war. Dabei arbeitete er mit dem Denkmalamt eng zusammen. Sehr gut und lange war die Zusammenarbeit mit Helmut Stampfer, dem früheren Leiter des Landesdenkmalamtes. Auch mit vielen Künstlern des Landes arbeitete Spechtenhauser zusammen und setzte ihre Entwürfe um, u.a. von Karl Grasser, Robert Scherer und Manfred Alois Mayr. Zu Beginn der 1990er Jahre übernahm Spechtenhauser den Auftrag im Schloss Runkelstein 92 Fenster mit Butzenscheiben zu restaurieren. Da es damals noch keinen Fahrweg gab, musste er alle Fenster zu Fuß zum Schloss hinauftragen. Bei seinen Arbeiten erlebte Peppi oft, dass viele alte und historisch wertvolle Fenster einfach weggeworfen und entsorgt wurden, ohne dass die Besitzer ihren Wert und die alten Handwerkstechniken der Glaser, Tischler und Schmiede erkannten. Das Alte wurde einfach abgebrochen und durch Neues ersetzt. Alte Fensterstöcke mit Butzenscheiben, Schiebefenstern und handgeschmiedeten Beschlägen landeten auf dem Müllhaufen oder wurden irgendwo untergebaggert. Spechtenhauser zeigte mir alte Fenster, die er in der Werkstatt und im Keller gesammelt hat. Es sind Fenster von alten Gebäuden. Viele konnte Peppi retten und zu jedem Fenster kann er eine Geschichte erzählen. Er weiß woher die Fenster stammen, wie alt sie sind, welche Funktion sie hatten und welche handwerklichen Besonderheiten in den einzelnen Fenstern stecken.
Zeit Fenster – Ein Blick auf 500 Jahre Handwerk und Baugeschichte
Als Peppi Spechenhauser dem ehemaligen Landeskonservator Stampfer in seiner Werkstatt und in seinem Keller herumführte und ihm seine Schätze zeigte, war dieser ganz überrascht und meinte, dass man die aus dem Keller herausholen und in einer Ausstellung den Menschen im Lande zeigen müsste. Auch der Heimatpflegeverband war begeistert von dieser Idee. So entstand die von Helmut Stampfer kuratierte Wanderausstellung unter dem Titel „Zeit Fenster – Ein Blick auf 500 Jahre Handwerk und Baugeschichte“. Es ist eine Ausstellung historischer Fenster aus der privaten Sammlung von Josef Spechtenhauser aus Schlanders. Für Grafik & Layout verantwortlich war die „Gruppe Gut“, ein Gestaltungsbüro aus Bozen. Neben Helmut Stampfer verfassten auch Luigi Scolari, Alexander von Hohenbühl und Evi Brigl die Texte, die mit den Fenstern ausgestellt werden, aber auch in einer Begleitbroschüre abgedruckt und von Daniela Donolato ins Italienische übersetzt wurden. Die Wanderausstellung hat bereits drei Stationen hinter sich. Vom 11. Mai bis 5. Juli 2024 war die Ausstellung auf der Trostburg bei Waidbruck zu sehen und vom 22.11. 2024 bis 31.01.2025 im Ansitz Rottenbuch, dem Sitz des Landesdenkmalamtes in Bozen. Am 25. Februar wurde die Ausstellung in der Bibliothek Schlandersburg bei einer Feier eröffnet und konnte dort in den Bibliotheksstunden bis am 4. April 2025 besichtigt werden. Durch seine jahrzehntelange Arbeit hat Peppi Spechtenhauser nicht nur viele historische Fenster gerettet und restauriert, sondern damit auch einen wertvollen Beitrag zur Kultur-, Bau- und Handwerksgeschichte des Landes geleistet. Damit wird die alte Handwerkskunst gewürdigt und das Bewusstsein für ihre Einzigartigkeit hervorgehoben. Hoffentlich trägt die Ausstellung auch dazu bei, dass Altes nicht einfach abgebrochen und weggeworfen wird.
Heinrich Zoderer